SCHWINGEN: «Seit 1986 ist es für uns wie verknorzt»

Kein anderer Innerschweizer weiss, wie man Schwingerkönig wird: Harry Knüsel (52) redet vor dem Eidgenössischen 2013 über Geld, Geist und Genüsse.

Interview Andreas Ineichen und Melk von Flüe
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Früher als Schwinger habe er gut Nein sagen können, sagt Harry Knüsel vor unserem Redaktionsgebäude in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Früher als Schwinger habe er gut Nein sagen können, sagt Harry Knüsel vor unserem Redaktionsgebäude in Luzern. (Bild Pius Amrein)

Harry Knüsel, Sie sind der einzige Schwingerkönig, den die Innerschweiz je hatte. Wäre es 27 Jahre nach Ihrem grossen Sieg nicht langsam Zeit, dass Sie einen Innerschweizer Königsklub gründen könnten?

Harry Knüsel: (schmunzelt) An eine solche Idee habe ich gar noch nie gedacht. Aber es wäre schon schön, am Königstreffen nicht immer alleine zu sein.

Sie fühlen sich einsam?

Knüsel: Ich spüre schon eine gewisse Exklusivität meiner Rolle. Es wäre super und wichtig, wenn ich einen Nachfolger bekäme. Auch wenn wir Innerschweizer gute Athleten haben, in der Favoritenrolle fürs Eidgenössische in Burgdorf sehe ich uns nicht gerade.

Wenn Sie Geld verdienen wollten – wie viel würden Sie auf einen Sieg eines Innerschweizers setzen?

Knüsel: (augenzwinkernd) Also keinen Sympathiebatzen ...

Nein?

Knüsel: Keinen Franken.

Dann würden Sie also den Triumph eines Innerschweizers als Sensation bezeichnen?

Knüsel: Der Begriff Sensation ist in diesem Zusammenhang vielleicht negativ besetzt, aber ich möchte es mal so sagen: Es wäre eine faustdicke Überraschung.

Wer ist dann Ihre Wettempfehlung?

Knüsel: Christian Stucki.

Ein Berner. Wegen seines Lebendgewichts von gut 130 Kilo auf 198 Zentimeter Grösse?

Knüsel: Nicht primär deshalb. Aber er kann vor allem davon profitieren, dass mit dem Titelverteidiger Kilian Wenger und Matthias Sempach zwei weitere der meistgenannten Favoriten aus seinem Verband kommen, gegen die er nicht schwingen muss. Und von den Bernern Simon Anderegg und Matthias Siegenthaler ganz zu schweigen, die auch starke Titelanwärter aus dem Weg räumen können.

Sie zeichnen ein wenig verheissungsvolles Bild von den Erfolgsaussichten der Innerschweizer am Eidgenössischen. Dabei könnte Ihr Beispiel durchaus Mut machen.

Knüsel: Ja, vielleicht. Ich habe 1986 als 25-Jähriger meinen ersten Eidgenössischen Kranz angestrebt. Das Innerschweizerische Schwingfest habe ich in dieser Saison gewonnen, dann das Bergfest auf dem Brünig, bevor mir in Sion das gelungen ist, was ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen vorzustellen gewagt habe. Ich wurde als Aussenseiter König. Am Ende der Saison 1986, die sich im Nachhinein als beste meiner Karriere herausgestellt hat, hatte ich 20 Schwingfeste bestritten, 16 Mal davon war ich im Schlussgang, und 13 Mal habe ich gewonnen. Das hat mir von Fest zu Fest mehr Selbstsicherheit verliehen, und das hat mir geholfen, dass es so rausgekommen ist, wie es nun eben ist.

Ist die Selbstsicherheit der vielleicht springende Punkt, dass wir Sie nach 27 Jahren nach wie vor als einziger Schwingerkönig interviewen dürfen?

Knüsel: Ja, das könnte sein, denn seither ist es wie verknorzt. Seit meinem Triumph gab es immer wieder starke Innerschweizer, die entweder mit viel Pech im Schlussgang oder aus demselben Grund in den wegweisenden Gängen davor gescheitert sind. Die Schwinger waren damals näher dran als heute.

Ganz ehrlich: Wir reden von einer Zeitspanne von 27 Jahren. Da fällt es nicht unbedingt leicht zu glauben, dass die unerfreuliche Entwicklung seither nur dem Pech geschuldet ist.

Knüsel: Ich kann Ihnen versichern: An der taktischen und technischen Betreuung fehlt es ganz sicher nicht. Mit Geni Hasler, um den Chef der in dieser Richtung Verantwortlichen zu nennen, haben wir optimale Voraussetzungen. Diese Leute können alles erklären, was es in ihrem Metier braucht, um erfolgreich zu sein. Was ich aber nicht beurteilen kann, ist, ob das Mentale, die Ausdauer, das aufs Schwingen ausgerichtete spezifische Krafttraining ausreicht, um an der Spitze mitmischen zu können. Ich kenne einfach die eigenständige Betreuung jedes einzelnen Spitzenschwingers zu wenig, um diesen Bereich wirklich beurteilen zu können.

Was wollen Sie damit genau sagen?

Knüsel: (überlegt) Ich vermute, dass jeder Spitzenschwinger durch seinen eigenen Betreuerstab mittlerweile zu stark von der ureigenen Bestimmung abgelenkt ist.

Reden Sie konkret von Sponsoring, von imageträchtigen Events und demzufolge von Geld?

Knüsel: Ja, so könnte man das ausdrücken. Es geht nicht mehr primär ums Schwingen, das boomt. Die Topathleten erhalten viele Gelegenheiten von Sponsoren für coole Events, die aber an und für sich nichts mit Schwingen zu tun haben.

Also fehlt die Fokussierung auf das Wichtige?

Knüsel: Genau. Das ist der exakte Begriff dafür. Als ehemaliger König treffe ich aktive Schwinger an Events, die sie in ihrer aktuellen Phase der Wettkampfvorbereitung nun wirklich nicht weiter bringen.

Zum Beispiel?

Knüsel: An Abenden, an denen eigentlich Trainings angesagt wären. Das muss man streichen. In der Winterzeit, wenn keine Schwingfeste anstehen, kann man das problemlos wahrnehmen, aber nicht im Vorfeld der wichtigsten Schwingfeste.

Wie haben Sie sich damals als Schwingerkönig abgegrenzt? Oder war die Welt des Sponsorings in Bezug auf verlockende Angebote längst nicht so attraktiv?

Knüsel: Das ist meines Erachtens keine Frage der Zeit. Aber ich konnte gut Nein sagen. Ich konnte verzichten, wenn es für meine nächsten Ziele wichtig war. Ich glaube, dass ich meine Prioritäten richtig setzen konnte. Auch wenn ich festhalten muss: Ich war auch nicht immer in absoluter Topform, wenn ich es mir erträumt hatte. Ich hätte mir manchmal auch gerne mehr Lockerheit gewünscht.

Trotzdem haben Sie vielleicht mehr die Fähigkeit gehabt, mehr auf Ihre eigenen Bedürfnisse zu hören, wenn es wichtig war.

Knüsel: Man darf einfach nicht vergessen: Schwingen ist eine Einzelsportart. Da muss man selber merken, was für einen stimmt. Die technischen und taktischen Vorgaben kann man durch Fachleute vermittelt bekommen, aber nicht, was man in dieser oder jener Situation tun muss. Ihre eigenen Bedürfnisse in der Vorbereitung auf einen Wettkampftag können sie nirgendwo nachlesen, das kann ihnen kein Manager sagen. Das müssen sie für sich selber herausfinden.

Können wir die aktuelle Situation für die Topschwinger also damit zusammenfassen, dass Medienpräsenz und gleichzeitige Attraktivität für Sponsoring Fluch und Segen zugleich sind?

Knüsel: Ja, das trifft es durchaus. Der eine schirmt sich ab und will nichts davon wissen, sich selber zu verkaufen. Ein anderer Schwinger, egal aus welchem Teilverband, gilt als Topfavorit und nimmt im Vorfeld des Eidgenössischen mehrere Sponsorenverpflichtungen wahr. Auch im Bewusstsein darum, dass sich viel weniger Geldgeber um ihn kümmern, falls er danach den wichtigsten Grossanlass nicht gewinnen sollte.

Geld oder Geist: Im Schwingen erhält diese Diskussion eine Dimension, weil die Sportart boomt. Ihre Haltung?

Knüsel: Ich bin für das Neue und gleichzeitig das Traditionelle. Die Herausforderung ist, einen Mittelweg zu finden, gerade deshalb, weil er sich zwischen Moderne und Vergangenheit befindet. Für mich heisst das: Ich bin fürs Geldverdienen.

Dafür wurden Sie in Ihrer Aktivzeit auch gesperrt.

Knüsel: (schmunzelt) Stimmt, ja. Als Schwingerkönig wurde ich 1987 gesperrt für das Berner Kantonale und den Brünig-Schwinget, weil ich für eine Schwingerreise Werbung gemacht habe. Und dazu habe ich mich in Zwilchhosen vor einen Flieger der Swissair gestellt.

Wie stellen Sie sich zur zehnprozentigen Abgabe aus Sponsoringeinnahmen, die der Schwingerverband von seinen Athleten einfordert?

Knüsel: Das finde ich okay. Weil ihnen der Verband die Gelegenheit bietet, ihren Sport auszuüben, er bietet ihnen die dafür benötigte Infrastruktur, die Bühne auch, von der aus das Schwingen verkauft wird. Es gibt Sportverbände, die alles Geld einnehmen und es dann je nach Bedeutung der Exponenten verteilen. Aber ich bin nicht dafür, dass ein Schwinger diese Abgabe nach Karrierenende leisten muss.

Hinweis

Der in Abtwil wohnhafte Harry Knüsel ist verheiratet und daran, Privatier zu werden, weil er finanziell ausgesorgt hat. In der Tiefbau-Firma, die er verkauft hat, ist er noch solange Geschäftsführer, bis sein Nachfolger eingearbeitet ist. Mehr über die Vita von Harry Knüsel erfahren Sie auf www.isv.ch/de/isv/schwingerlegenden.html