Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SCHWINGEN: Wer schwingt, muss beichten gehen

Das Innerschweizer Verbandsfest geht heute in Alpnach bereits in die 111. Ausgabe. Ein Blick in die Geschichte des Nationalsports offenbart: Es gab Zeiten, da wurde man in unserer Region wegen eines Hosenlupfs drakonisch bestraft.
Claudio Zanini
Wettkampf zur Zeit des Ersten Weltkriegs: Soldaten beim Schwingen 1914 in der Schweiz. (Bild: Keystone/Fotostiftung Schweiz)

Wettkampf zur Zeit des Ersten Weltkriegs: Soldaten beim Schwingen 1914 in der Schweiz. (Bild: Keystone/Fotostiftung Schweiz)

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Wann genau der erste Eidgenosse einen Kameraden auf den Rücken beförderte, ist nicht vollständig geklärt. Da zu frühen Zeiten des Schwingens nicht mit der heutigen Akribie Ranglisten und Reglemente geführt wurden, sind die Quellen dementsprechend diffus. Eine Holzschnitzerei in der Kathedrale von Lausanne gilt aber als die älteste erhaltene Darstellung des Schwingens und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Eher überliefert als das Wann scheint das Wo, wie etwa der Buchautor Thomas Renggli bestätigt (siehe Artikel unten). Die Innerschweiz – insbesondere das Entlebuch, aber auch die Kantone Schwyz und Obwalden – gilt als Ursprungsort des Schweizer Nationalsports, der sich über lange Zeit fernab von geordneten Bahnen bewegte und wild praktiziert wurde.

Es erstaunt nicht, dass die Innerschweizer mit ihrer Vorreiterrolle auch die ersten waren, die 1884 einen Verband gründeten. Allerdings überlebte dieser gerade mal vier Jahre, es folgte eine neue Dachorganisation mit Gründungsjahr 1893 – wohlgemerkt zwei Jahre, bevor es einen landesweiten Verband gab.

Die Geschichte von Bartli und Balbin

Einige Zeit sollte aber noch verstreichen, bis das «erste Innerschweizerische Schwingfest» in Küssnacht 1906 stattfand. «Bereits ab 1898 gab es Innerschweizerische Schwingfeste. Aber 1906 hat man beschlossen, die Feste zu zählen und die jeweiligen Sieger im Festführer namentlich zu erwähnen», sagt Marcel Durrer, langjähriger Pressechef des Innerschweizerischen Verbands und an diesem Wochenende für die Medienbetreuung in Alpnach verantwortlich. Einschneidend waren etwa die beiden Weltkriege für das Fest, wie Durrer ausführt. «Ein besonderer Fall war sicher 1941. Man fand keine Bewerber, die das Fest durchführen wollten, alle hatten Angst. Schliesslich gab es in Alpnach nur einen Innerschweizer Schwingertag. Wider Erwarten kamen sehr viele Zuschauer. Man hatte einen Einnahmenüberschuss von 931.35 Franken – was natürlich sehr viel Geld war zu dieser Zeit.»

Das Schwingen in der Innerschweiz wurde im 20. Jahrhundert immer populärer. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens 1968 stellte man erstmals den grössten der fünf Teilverbände, was bis heute unverändert blieb.

Es ist eine ansehnliche Erfolgsstory, die das Schwingen in der Innerschweiz schreibt, und in der Nachbetrachtung schier unvorstellbar, dass dieser Sport einst von der Obrigkeit als «anrüchiges Vergnügen» und «Nachtbubenstreich» klassifiziert wurde. Gar nicht gut kam die Tatsache an, dass die Kämpfe vornehmlich an Sonntagen stattfanden, als man doch eigentlich in der Kirche hätte sein müssen. So habe die Staatsgewalt im 16. Jahrhundert in Nidwalden ein Schwingverbot verhängt, das bis 1908 Bestand hielt – so lange wie wohl nirgends in der Schweiz. Wie Thomas Renggli in seinem Buch «Schwingen. Vom Hosenlupf zum Spitzensport» schreibt, bekamen etwa im 17. Jahrhundert Bartli und Balbin Odermatt, möglicherweise ein Brüderpaar, die Härte des Gesetzes zu spüren, weil sie unerlaubt dem Schwingsport frönten. Das Urteil: «Bartli Odermatt muss innert 14 Tagen eine Wallfahrt nach Sachseln machen, dort beichten und seinen Beichtzettel dem regierenden Landammann bringen.» Balbin Odermatt musste zweimal nach Niederrickenbach pilgern, und wenn er nochmals rückfällig werden sollte, «würden ihm die Haare abgeschnitten». Ob Bartli seinen Beichtzettel fristgerecht abgeben konnte und ob es der Frisur von Balbin an den Kragen ging, ist nicht überliefert.

In der Arena in Alpnach wird heute wenig an die Urzeiten des Schwingens erinnern. Anstatt zur Pilgerreise verdonnert, wird der Sieger geschultert und als Held gefeiert. Und wohl dürfte auch der Einnahmenüberschuss die rund 900 Franken aus dem Jahr 1941 ein wenig überschreiten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.