SCHWINGEN: Zwei Könige knacken die Schallmauer

Jährlich werden über 1,5 Millionen Franken Werbegelder ins Schwingen investiert. Mehr als doppelt so viel wie 2011. Aber nur ganz wenige profitieren davon.

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Matthias Sempach, Schwingerkönig 2013 und ein Jahr später Sieger des Kilchberger Schwinget (hier mit Muni Wilson), ist nur einer von zwei Schwingern, die jährlich über eine halbe Million Franken mit Werbeeinnahmen verdienen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Matthias Sempach, Schwingerkönig 2013 und ein Jahr später Sieger des Kilchberger Schwinget (hier mit Muni Wilson), ist nur einer von zwei Schwingern, die jährlich über eine halbe Million Franken mit Werbeeinnahmen verdienen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Wie viel Geld verdienen die einzelnen Schwinger mit Werbung? Offizielle Zahlen gibt es nicht. Alle in den Medien genannten Werbeeinkommen der einzelnen «Bösen» sind Schätzungen, und die Beteiligten hüten sich, Zahlen zu nennen oder zu bestätigen.

Eine Umfrage ergibt erstaunliche Summen. Das Werbeeinkommen von König und Kilchberg-Sieger Matthias Sempach wird von Branchenkennern auf etwa 750'000 Franken geschätzt. Auch Kilian Wenger, der König von 2010, verdient nach den gleichen Quellen über 600'000 Werbefranken. Christian Stucki, dem Schlussgang-Verlierer von 2013 und «König der Herzen», wird ein «königliches Werbeeinkommen» zwischen 300 000 und 500 000 Franken attestiert. Hinter diesen Titanen gibt es eine ganze Reihe von Schwingern, die gemäss Kennern fünf- bis knapp sechsstellig mit der Werbung verdienen. Das Geld liegt offensichtlich im Sägemehl. Die Bösen müssen es nur aufheben.

TV-Rechte für ein Butterbrot

Das Problem ist bloss: Wenn wir die Schätzungen der Insider addieren, dann müsste das gesamte Werbevolumen der Schwinger inzwischen über 3 Millionen Franken ausmachen.

Den Schätzungen und Mutmassungen der Branchenkenner können wir konkrete Zahlen gegenüberstellen. Seit 2012 müssen die Bösen 10 Prozent ihrer Werbeeinnahmen an den Schwingerverband abliefern. Diese sogenannte «Reichtumssteuer» ist seinerzeit von Obmann Ernst Schläpfer eingeführt worden. Der Verband finanziert mit diesem Geld die Nachwuchsförderung. Das Schwingen ist damit der einzige Sport, der an zentraler Stelle einen vollständigen Überblick über den eigenen Werbemarkt hat.

Im Herbst nimmt Verbandsgeschäftsführer Rolf Gasser jeweils Einblick in die Werbeverträge und schreibt Ende Oktober jedem die entsprechende Steuerrechnung. Dank dieser Reichtumssteuer, die in der Jahresrechnung des Verbandes aufgeführt ist, haben wir die offiziellen Zahlen zum Werbemarkt im Sägemehl:

  • 2011: 700 000 Franken
  • 2012: 900 000 Franken
  • 2013: 1,320 Millionen Franken
  • 2014: 1,570 Millionen Franken
  • 2015: 1,650 Millionen Franken

Durch die «Reichtumssteuer» fliessen also in diesem Jahr 165 000 Franken in die Kassen des Verbandes. Dazu kommen noch 160 000 Franken für die TV-Rechte, die jährlich fällig werden. Der Vertrag läuft 2016 aus, das nächste Eidgenössische ist also noch in diesem Kontrakt geregelt. Der Verband verkauft dem Schweizer Fernsehen die alles umfassenden Live-Rechte für ein Butterbrot. Es ist wahrscheinlich der beste Deal, den je eine TV-Anstalt gemacht hat.

«Für uns ist die TV-Präsenz wichtiger als das Geld» sagt Rolf Gasser. «Es gibt viele Sportarten, die seit Jahren darum kämpfen, um überhaupt ins Fernsehen zu kommen. Da sind wir in einer glücklichen Lage.» Der Anteil an den Werbegeldern und die TV-Rechte finanzieren fast die Hälfte des Gesamtbudgets von lediglich 700'000 Franken. Die andere Hälfte kommt aus den Anteilen an den Einnahmen des alle drei Jahre stattfindenden Eidgenössischen Schwingfestes.

Rolf Huser, der ehemalige Mitarbeiter der Vermarktungsagentur IMG (International Management Group), ist einer der besten Szenenkenner. Als Pionier hat er 2008 mit Jörg Abderhalden die erste professionelle Vermarktung eines Schwingers aufgegleist. Er zeigte sich bereits vor Jahresfrist von diesen Zahlen überrascht. «Ich hätte gedacht, dass diese Summe wesentlich höher ist.» Er bestätigt allerdings, dass auf dem Werbemarkt nur die Titanen Matthias Sempach, Kilian Wenger und Christian Stucki das Potenzial für sechsstellige Werbeeinnahmen haben. Am Ende sei es wohl wie im richtigen Leben: viel für ein paar wenige und wenig für viele.

70 «Böse» mit Werbeeinnahmen

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Schallmauer von 500 000 Franken pro Jahr erreichen mit ziemlicher Sicherheit nur die beiden Könige Matthias Sempach und Kilian Wenger. Es gibt im Schwingen also keine Werbemillionäre. Die Zahlen zeigen auch, dass Werbeeinnahmen nur einem kleinen Kreis vorbehalten sind. Beim Eidgenössischen 2013 traten 278 Schwinger an. 2015 haben aber nur 70 «Böse» überhaupt Werbeeinnahmen erzielt und eine Rechnung von Rolf Gasser erhalten. Somit beschränkt sich diese Möglichkeit des Geldverdienens ziemlich genau auf den Kreis der eidgenössischen Kranzgewinner.

So ist Werbung im Schwingen erlaubt

Vorschriftenkza. Verboten ist Werbung, die anstössig oder sexistisch ist, die die politische Neutralität des Schwingens verletzt oder für Mittel wirbt, die mit den Grundwerten des Schwingens nicht vereinbar sind. Werbeaufschriften in der Grösse von 90 Quadratzentimetern sind auf Kleidungsstücken inklusive Rucksack erlaubt, aber nicht auf dem Wettkampftenü und auf der Festbekleidung. Das bedeutet, dass ein Schwinger dann, wenn er im Sägemehl kämpft und im Fokus der Kameras steht, keinerlei Werbeaufschriften tragen darf.

Darin unterscheidet sich Schwingen von anderen Einzelsportarten (wie Tennis, Velo, Ski), die Werbung auf Mann oder Frau erlauben. Dafür darf ein Schwinger bei Werbekampagnen mit Festbekleidung und Kranz, in Wettkampftenüs und Schwingerhosen auftreten. Alle PR- und Werbeaktivitäten sowie Werbeverträge müssen durch den Verband genehmigt werden.

Klaus Zaugg