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Schwinger Stefan Ettlin: «Warum seid ihr auf mich gekommen?»

Stefan Ettlin gehört zu den Entdeckungen dieser Schwing-Saison. Den Sommer verbringt der junge Obwaldner auf einer Alp am Pilatus. Wenige Tage vor dem Highlight auf dem Brünig besuchen wir ihn.
Claudio Zanini
Der 21-jährige Kernser Stefan Ettlin auf seiner Alp am Pilatus. (Bild: Pius Amrein (Alpnach, 26. Juli 2018))

Der 21-jährige Kernser Stefan Ettlin auf seiner Alp am Pilatus. (Bild: Pius Amrein (Alpnach, 26. Juli 2018))

In Alpnach verlassen wir die Autobahn und fahren immer weiter den Berg hoch, Kurve um Kurve. Wir wollen zu Stefan Ettlin, einem Schwinger aus Obwalden. Hier oben am Pilatus hilft er diesen Sommer bei der Bewirtschaftung einer Alp mit. Bis zur Lütholdsmatt sollen wir fahren, hat er gesagt. Es ist der letzte Punkt, den das Navi anzeigt. Danach wird es komplizierter. Deshalb werden wir abgeholt.

Über uns am Hang taucht Ettlin schon bald mit einem geländegängigen Fahrzeug auf. Er trägt schwere Schuhe, kurze Hosen, Unterhemd und einen Strohhut. Und er lächelt, wie so oft während unseres Besuchs. Wir fahren weiter den Berg hoch, bis man sich bald einmal die Frage stellt, ob seine Alp namens Langenmatt nicht «am», sondern eher «auf» dem Pilatus liegt. Wir warten es ab.

Mit sieben Jahren begann er zu schwingen, am letzten Montag wurde er 21 Jahre alt, in dieser Saison ist er in einen Lauf geraten. Der vorläufige Höhepunkt war sein vierter Platz auf der Rigi. Das ist nun drei Wochen her, die Erinnerungen sind aber noch frisch. Ettlin schmunzelt wieder. Es sei spät geworden an diesem Sonntagabend, sagt er. Denn die Schwingersektion Kerns organisierte nach dem Bergfest einen Empfang im Dorf. Es war auch für den Klub ein Ereignis. Seit 20 Jahren hatte kein Einheimischer mehr einen Bergkranz gewinnen können. Nach der Feier ging Ettlin kurz schlafen, in den frühen Morgenstunden stand er wieder im Stall. So macht man das in Schwingerkreisen.

Auch sowas wie Krafttraining: Stefan Ettlin mit dem Motormäher. (Bild: Pius Amrein (Alpnach, 25. Juli 2018))

Auch sowas wie Krafttraining: Stefan Ettlin mit dem Motormäher. (Bild: Pius Amrein (Alpnach, 25. Juli 2018))

Differenzen mit dem Kompanie-Kommandanten

Wir sitzen immer noch im Auto, als Ettlin erklärt, warum er einen Alpsommer macht. Und es ist eine unterhaltsame Geschichte. Angefangen hatte es in der Rekrutenschule in Herisau bei der Infanterie. Ettlin wurde für die Sonntagswache abkommandiert. Solche Termine sind im Militär grundsätzlich in Stein gemeisselt. Ettlin musste aber an ein Schwingfest, wie so üblich an Sonntagen. Er habe daraufhin versucht, sich mit dem Kompanie-Kommandanten zu einigen, sagt er. Doch bei solchen Befehlen ist halt selten ein Handlungsspielraum vorgesehen. Ettlin aber wollte schwingen, nicht wachen, und wechselte in den Zivildienst. Der Alpbetrieb nahm den gelernten Landmaschinen-Mechaniker gerne für einen Langzeiteinsatz. Es klingt nach einer Lösung, bei der alle Beteiligten irgendwie gewinnen – Kadi inbegriffen.

Auf der Alp angekommen, werden zuerst Fotos von Ettlin gemacht. Passierende Wanderer drehen sich um und scheinen zu überlegen, wer dieser Modellathlet sein könnte. Doch der Schwinger bleibt unerkannt, was auch verständlich ist. Denn vor dieser Saison hatte er lediglich zwei Kränze gewonnen. 2015 am Urner Kantonalen, 2017 am Ob- und Nidwaldner. Dazwischen lag eine unglückliche Phase. 2016, noch bevor die Kranzfeste an der Reihe waren, riss sich Ettlin das Kreuzband. «Ich hatte die Verletzung selbst verschuldet», sagt er. «Als mein Gegner mich rückwärts ableeren wollte, versuchte ich noch mit dem Bein einzuhängen. Man lernt schon früh, dass man so was nicht machen sollte, weil es gefährlich ist. Es war halt mehr ein Reflex.» Ein solcher Fehler würde ihm wohl nie mehr passieren, fügt er hinzu.

«Da hätte niemand etwas gesagt»

Wir nehmen vor dem Stall Platz, Ettlin tischt Wasser auf, es ist auch hier auf 1360 Meter Höhe drückend warm. Wir reden über den mutmasslichen Dopingfall von Martin Grab, man kommt kaum vorbei am Thema in diesen Tagen. Ettlin stand Grab im Schlussgang gegenüber am Zuger Kantonalen Ende April. Nach acht Sekunden hatte er bereits verloren. Es war der letzte Festsieg des Schwyzer Routiniers, zwei Wochen später trat er zurück. Ettlin hält es gleich wie viele in der Schwingerszene. Er sagt: «Ich bin überzeugt, dass Grab nie etwas Unerlaubtes genommen hat.»

Stefan Ettlin (rechts) nach seiner Niederlage am Zuger Kantonalen gegen Martin Grab. (Bild: Werner Schelbert (Menzingen, 22. April 2018))

Stefan Ettlin (rechts) nach seiner Niederlage am Zuger Kantonalen gegen Martin Grab. (Bild: Werner Schelbert (Menzingen, 22. April 2018))

Auch ohne einen erfolgreichen Schlussgang am Zuger Kantonalen war das Fest ein Höhepunkt für ihn. Im zweiten Gang bezwang er den Schwyzer Eidgenossen Reto Nötzli, es war eine Überraschung. «Nach diesem Sieg folgten nur noch Gegner, bei denen niemand etwas gesagt hätte, wenn ich verloren hätte», sagt Ettlin. Er griff unbeschwert an und besiegte so auch Philipp Schuler und Erich Fankhauser – beides auf dem Papier stärkere Leute als er.

Auch auf dem Brünig dürfte Ettlin nichts geschenkt bekommen. «Einfache Gegner bekommst du dort nicht», sagt er. Das Teilnehmerfeld ist mit 120 Schwingern verhältnismässig klein, nebst den Innerschweizern und Bernern ist auch die Nordwestschweizer Elite dabei. Im vergangenen Jahr erlebte Ettlin den Brünig erstmals als Athlet. Und er lernte sogleich, wie hart dieser Bergklassiker zwischen Obwalden und Bern sein kann. Von den sechs Gängen konnte er nur einen gewinnen. In diesem Jahr wolle er eine bessere Bilanz haben, sagt er, bevor er uns wieder von der Alp runterfährt. Es ist schon Abend geworden. Nun will er auch von uns etwas wissen: «Warum seid ihr ausgerechnet auf mich gekommen?» Er habe bislang eine starke Saison gezeigt, entgegnen wir. Er lacht wieder. Dann fährt er los, er muss direkt ins Training.

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