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Interview

Schwingerkönig Matthias Sempach erklärt den Zuger Pirmin Reichmuth zum Geheimtipp fürs Eidgenössische

König, Bauer und neu auch TV-Experte: Der zurückgetretene Berner Matthias Sempach spricht im Interview über die kommende Kranzfestsaison und erklärt, warum Schwinger Werbung machen sollten.
Claudio Zanini und Jonas von Flüe
Matthias Sempach fühlt sich in seinem Hof oberhalb von Entlebuch sichtlich wohl. (Bilder: Boris Bürgisser, 5. April 2019)

Matthias Sempach fühlt sich in seinem Hof oberhalb von Entlebuch sichtlich wohl. (Bilder: Boris Bürgisser, 5. April 2019)

Soeben standen Sie im Stall, jetzt geben Sie ein Interview. Wie sieht ein gewöhnlicher Tag bei Ihnen aus?

Matthias Sempach: Um 5.45 Uhr stehe ich auf, dann melke ich die Kühe. Morgenessen ist um 7.30, um 8 Uhr gehe ich zurück in den Stall, um die Tiere zu füttern, zu misten, Kontrollen zu machen. Danach stehen etwa Arbeiten auf dem Feld an.

Haben Sie Mitarbeiter auf dem Hof?

Die Eltern meiner Partnerin Heidi unterstützen uns tatkräftig und springen ein, wenn ich auswärts engagiert bin oder wenn es viel Arbeit gibt.

Wie viele Tiere haben Sie?

16 Milchkühe, 100 Mastschweine, einige Kälber, ein paar Rinder, zwei Ziegen.

Sie hatten …

(unterbricht) Eine Katze, einen Hund. Plus zwei Kaninchen und acht Hühner (lacht).

Sie hatten zweimal innerhalb eines Jahres einen Bandscheibenvorfall. Das war nicht zuletzt der Grund, warum Sie vom Schwingen zurücktraten. Wie geht es Ihnen körperlich?

Erstaunlicherweise gut, also sicher viel besser als im letzten Jahr. Am Morgen habe ich manchmal Schwierigkeiten, bis ich warm werde. Zeitweise geht es mir so gut, dass ich sofort das Gefühl bekomme, wieder schwingen zu können. Aber das würde nicht funktionieren, wenn ich wieder so einen Trainingsaufwand wie früher zu leisten hätte.

Nach ihrem Rücktritt sagten Sie, Sie würden hoffen, dass ihr Alltag nun ruhiger werde. Ist das eingetreten?

Nein, momentan ist es sehr intensiv. Aber alles, was ich mache, mache ich für mich und meine Familie. Wie früher im Schwingen, habe ich auch heute bei meiner Arbeit auf dem Hof Ziele, die ich erreichen möchte. Das ist wichtig und motiviert mich. Es ist toll, ich bin mein eigener Chef.

Ab dieser Saison sind Sie TV-Experte bei SRF. Was reizt Sie daran?

Ich habe den Schwingsport extrem gerne und die Zusammenarbeit mit den Medien hat mir immer Spass gemacht. Ich hoffe, dass ich mit meinem Wissen den Zuschauern die Arbeit der Schwinger spannend erklären kann.

Als Sie 21 Jahre alt waren, haben Sie gesagt, dass Sie Schwingerkönig werden wollten. Kam das gut an?

Nicht bei allen. Aber ich finde es schade, dass man in der Schweiz so zurückhaltend sein muss. Es ist nur ehrlich, wenn die Leute klar zu ihren Zielen stehen. Mit 21 Jahren hatte ich vier Kranzfeste gewonnen. Wenn man nach solchen Erfolgen nicht Schwingerkönig werden will, stimmt etwas nicht.

Wenn ein Mitfavorit wie Joel Wicki sagen würde, er wolle König werden, würde er sich doch sehr viel Druck auflegen.

Diese Drucksituationen werden in meinen Augen überbewertet. Die Erwartungen der Gesellschaft waren für mich immer Motivation. Ich wollte den Leuten beweisen, was möglich ist.

Aber die Schwingergemeinde erwartet von den Athleten eine gewisse Demut. Es wird auch nicht goutiert, wenn einer ausgelassen jubelt.

In einem gesunden Mass jubeln und Freude zeigen, finde ich okay.

Ein vielversprechender Junger ist Remo Käser, der dem gleichen Schwingklub wie Sie angehört. Er fällt mit viel Werbung auf, steht andauernd in der Öffentlichkeit. Mahnen Sie ihn auch mal, er solle einen Gang runterschalten?

Man darf nicht vergessen: Remo ist zehn Jahre jünger als ich, er gehört sozusagen einer anderen Generation an. Die 20-Jährigen von heute sind so. Sie verbringen viel Zeit auf den sozialen Medien. Ich finde es bedauernswert, dass er aus Schwingerkreisen kritisiert wird, teilweise auch von Funktionären. Oft wird vergessen, dass auch er 10 Prozent seiner Einnahmen aus dem Sport dem Verband abgibt. Die Auftritte von Remo sind letztlich auch Werbung für den Schwingsport. Er spricht ein junges Publikum an, und wir brauchen auch diese Leute. Es gibt auf der anderen Seite Schwinger, die das Potenzial hätten, um Werbung zu machen. Doch sie verzichten darauf. Das heisst letztlich auch, dass sie dem Verband finanziell nicht den gleichen Dienst erweisen wie beispielsweise Remo.

Auch der Schwingsport kennt seine Dopingskandale. Die Affäre Martin Grab zeigte, dass man in Schwingerkreisen möglichst wenig von diesem Thema wissen will. Täuscht dieser Eindruck?

Der Schwingerverband ist Mitglied von Swiss Olympic. Und meines Wissens liegt der Ball in der Sache von Martin Grab nun bei Swiss Olympic, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ist der Schwingsport denn so rein, wie er vorgibt zu sein?

Es gibt überall Schwarze Schafe. In fast jeder Familie, in jeder Firma, in jeder Sportart. Das ist leider auch im Schwingsport so.

Wird es schon bald Vollzeit-Schwinger geben?

Das Amt des Schwingerkönigs ist sicher eine grosse Herausforderung. Wenn man den Ansprüchen der Partner gerecht werden will, nimmt das seine Zeit in Anspruch. Man ist gezwungen, reduziert zu arbeiten. Und es braucht ein starkes Umfeld, das einen unterstützt. Doch es ist sicher auch in Zukunft sinnvoll, wenn ein Schwinger einem Beruf nachgeht. Das hilft als Ausgleich und ist für die Entwicklung der Persönlichkeit gut. Ich habe nicht das Gefühl, dass in den nächsten Jahren einer Vollprofi wird. Wie gesagt, man soll das Potenzial von möglichen Werbeeinnahmen wahrnehmen, einfach in einem gesunden Mass.

Bei Skifahrern ist es verbreitet, dass sie während des Fernsehinterviews einen Schluck aus der Red-Bull-Dose nehmen, um Werbung zu machen. Ist das ein gesundes Mass?

Es gibt auch einen Schwinger, der das macht (lacht). Mich stört das nicht. Wie gesagt: Es ist ein Geben und Nehmen. Werbung hilft auch dem Verband und dem Nachwuchs durch die Abgaben. Was ist denn daran schlecht?

Haben Sie Kritik gespürt, als sie 2013 König wurden und ihr Arbeitspensum reduzierten?

Ich habe das nie gross zu spüren gekriegt. Und ich habe mich immer für Partner entschieden, die zu mir passten, die sich allgemein im Schwingsport engagierten. Es gab auch unpassende Angebote, die ich abgelehnt habe.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Boomt das Schwingen bei den Jungen?

Im Schwingklub Kirchberg haben wir 30 Jungschwinger. Hier im Entlebuch ist es extremer, die haben über 100 Jungschwinger. Ich beobachte aber, dass allgemein einige mit 18 Jahren aufhören, da fehlt oft ein wenig der Biss. Doch vielleicht ist das auch ein gesellschaftliches Problem. Man bleibt oft nur kurzfristig an etwas dran.

Wie war Matthias Sempach als 18-Jähriger?

Verbissen. Ich liebte die Herausforderung und hatte Ziele.

Stimmt es, dass Sie bei Ihrem ersten Bubenschwinget eine Dreifachsteckdose gewonnen haben?

Das ist so. Und ich wurde Letzter. Aber am Vorabend hatte ich geträumt, dass ich das Fest gewinne. Der Wille war jedenfalls da (lacht).

Die Kranzfestsaison startet am Sonntag in Rotkreuz

Am Sonntag fällt der Startschuss für die Kranzfestsaison. Gleich drei Kantonalfeste finden statt: das Zuger, das Thurgauer und das Freiburger. Die Innerschweizer treffen sich am Sonntag in Rotkreuz. Anschwingen ist um 7.30 Uhr in der Arena beim Sportpark (wenige Meter vom Bahnhof Rotkreuz entfernt). Die Spitzenpaarungen des 1. Gangs sehen wie folgt aus: Joel Wicki – Marcel Mathis, Pirmin Reichmuth – Andi Imhof, Marcel Bieri – Andreas Ulrich, Mike Müllestein – Philipp Gloggner. Der Schlussgang findet zirka um 16.45 Uhr statt. (cza)

Wer sind Ihre Favoriten fürs Eidgenössische in Zug?

Samuel Giger, Armon Orlik, Joel Wicki, Christian Stucki, das sind die vier Topfavoriten. Mitfavoriten sind Pirmin Reichmuth, Remo Käser, Kilian Wenger und Daniel Bösch.

Matthias Glarner?

Falls er zu 100 Prozent fit wird, traue ich ihm viel zu. Er unternimmt alles für den Erfolg und kennt keine Kompromisse.

Gibt es einen Geheimtipp?

Pirmin Reichmuth. Aber in dieser Saison wird noch ganz viel passieren.

Kann es für ihn ein Vorteil sein, dass das Eidgenössische vor seiner Haustüre stattfindet?

Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, kann ich für ihn nicht sagen. Ich erlebe ihn jedenfalls als sehr professionell. Er ist sicher einer der komplettesten Schwinger überhaupt.

Was hat Ihnen das Schwingen rückblickend gebracht?

Enorm viel. In der ganzen Schweiz habe ich Freundschaften. Schon mit 7 Jahren lernte ich, mit Sieg und Niederlage umzugehen. Klar, am Anfang waren da Tränen. Doch man bekommt diesen Biss, der mir auch heute im Alltag hilft. Ich habe früh gewisse zeitlose Werte gelernt. Die Schwingerfamilie hat mir Halt gegeben.

Zur Person: Der Berner Matthias Sempach (33) gewann in seiner Karriere 106 Kränze. Seine grössten Erfolge sind der Königstitel 2013 und der Sieg beim Kilchberger-Schwinget 2014. Wegen chronischer Rückenprobleme gab er im Juli 2018 den Rücktritt. Sempach wohnt mit seiner Partnerin Heidi und den beiden Kleinkindern in Entlebuch.

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