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Interview

Schwingerkönigin Fankhauser: «Beim Männer-Gabentempel werde ich neidisch»

Diana Fankhauser ist Schwingerkönigin, findet aber keine Sponsoren. Im Interview äussert sie sich zur Gleichberechtigung und sagt, wer für sie beim Eidgenössischen Favorit ist.
Raphael Gutzwiller aus Zweisimmen
Schwingerkönigin Diana Fankhauser: «Ich versuche, alle Medienanfragen anzunehmen, damit unser Sport ein bisschen ins Gespräch kommt.» (Bild: Colin Frei)

Schwingerkönigin Diana Fankhauser: «Ich versuche, alle Medienanfragen anzunehmen, damit unser Sport ein bisschen ins Gespräch kommt.» (Bild: Colin Frei)

Diana Fankhauser wirkt ganz anders, als man sich eine Schwingerkönigin vorstellt. Sie ist nur 1,60m gross, erst von nah fallen die breiten Schultern auf. Sie kommt gehetzt zum Termin, soeben hat sie in der Arztpraxis ihren Arbeitstag beendet. Sie bestellt sich auf der Gasthof-Terasse in Zweisimmen ein Rivella. Im Gespräch ist ihr Blick stechend, die Worte sind sorgfältig gewählt.

Wann haben Sie zum letzten Mal einen 1,80m Mann auf den Rücken gelegt?

Diana Fankhauser: Das ist nicht häufig der Fall (lacht). Ab und zu gelingt mir das im Training, aber eigentlich habe ich keine Chance gegen einen Mann, wenn er nicht mithilft.

Wie können Sie gegen jemanden Schwingen, gegen den Sie keine Chance haben?

Die Männer geben gegen mich nicht Vollgas. Wenn sie so schwingen würden wie gegen andere Männer, dann wäre ich schon nach drei Sekunden am Boden. Sie geben mir aber die Möglichkeit, meine Schwünge richtig auszuführen.

Weshalb ist der Unterschied zwischen Mann und Frau dermassen gross?

Die Anatomie ist anders, Männer sind viel kräftiger gebaut. Ich kann trainieren wie ich will, aber ich werde nie so viel Masse haben wie Männer. Zudem ist die Schnellkraft nicht vergleichbar.

Das liegt bestimmt auch an Ihrer Grösse. Sie sind nur gerade 1,60m gross. Bei den Männern ist es unvorstellbar, dass jemand, der so klein ist, Schwingerkönig werden kann. Ist das Frauenschwingen demnach technischer?

Vielleicht ist tatsächlich so, dass bei uns die Technik mehr zählt als die Kraft. Wir Frauen haben keine vergleichbaren Körpermassen wie Männer. Doch auch bei den Frauen bin ich eine Ausnahme. Die meisten Schwingerinnen sind etwa 1,70 m gross.

Warum trainieren Sie häufiger mit Männern als mit Frauen?

Begonnen hat das, als ich im Waadtland aufwuchs und einen Verein suchte. Ich fand schliesslich nur einen Männerverein. Auch bei uns in Thun gibt es fast keine Frauen. Deshalb kompensiere ich dies mit Trainings mit Männern.

Für die Männer steht nun ein grosses Highlight an. Wer ist für Sie beim Eidgenössischen in Zug der grosse Favorit?

Es gibt viel Gute. Die grossen Favoriten sind für mich Pirmin Reichmuth, Joel Wicki, Armon Orlik, Kilian Wenger, Curdin Orlik, Samuel Giger und Christian Stucki.

Nehmen Sie sich einen davon zum Vorbild?

Nein, ich schaue allen ein bisschen etwas ab. Ich profitiere im Training auch von Schwingern, die keine Kranzschwinger, aber trotzdem echt gut sind. Dann versuche ich mir jeweils die guten Sachen abzuschauen.

Wie sehen Sie die Krise der Berner Schwinger?

Als Krise würde ich es nicht bezeichnen. Es gibt immer noch sehr viele gute Berner Schwinger.

Aber der König wird kaum ein Berner sein.

Mal schauen. Vielleicht gibt es ja eine Überraschung. Es gibt immer viele verschiedene Aspekte beim Eidgenössischen. Um König zu werden, muss während zwei Tagen alles zusammenpassen.

Wie verfolgen Sie das Eidgenössische?

Als normale Zuschauerin mit Freunden. Wir haben Tickets gekauft und schlafen in einem Matratzenlager in Zug.

Das Eidgenössische in diesem Jahr stellt alles bisherige in den Schatten. Spüren Sie diesen Boom auch bei den Frauen?

Es gibt schon ein bisschen mehr Schwingerinnen als vor ein paar Jahren, aber einen richtigen Boom wie bei den Männern gibt es nicht. Lediglich vereinzelt beginnen Frauen oder Mädchen mit dem Schwingen.

Sehen Sie es deshalb als eine Ihrer Aufgabe als Schwingerkönigin für Akzeptanz des Frauenschwingens zu kämpfen?

Ja, bestimmt. Ich versuche alle Medienanfragen anzunehmen, damit unser Sport ein bisschen ins Gespräch kommt. Hätte man Sponsoren, würde man vielleicht auch mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Sie sprechen es an: Als Schwingerkönigin finden Sie keine Sponsoren, während sich ein Schwingerkönig Werbeverträge in mittlerer sechsstelliger Höhe sichert. Wie sehr fühlen Sie sich da benachteiligt?

Ich mache den Sport nicht wegen des Geldes, Schwingen ist mein Hobby. Aber manchmal denke ich schon, es wäre schön, wenn man zum Beispiel etwas für die Benzinkosten bekommen würde. Auch andere Schwingerinnen nehmen viel auf sich und investieren viel. Das wird auch medial zu wenig beachtet.

Was würden Sie sich von den Medien wünschen?

Es ist ja schön, wenn ich als Schwingerkönigin Interviews geben darf. Aber was ist mit allen anderen? Das fehlt mir auch vom SRF. Wie oft wurde schon ein Männer-Schwingfest im Fernsehen übertragen? Es wäre schön, wenn ein Fest von uns auch mal irgendwie vorkäme.

In der Öffentlichkeit gilt Schwingen als klarer Männersport. Warum?

Weil vielleicht einige denken, Frauen können das nicht. Viele glauben, Schwingen habe nur mit Kraft zu tun. Und weil Frauen weniger kräftig sind, denken sie, wir könnten das nicht.

Für Sie stellte sich diese Frage nicht. Seit Sie ein kleines Mädchen sind, schwingen Sie. Wie kamen Sie dazu?

Durch meine Familie. Bei uns war es normal, dass jeder schwang. Mein Grossvater, meine Onkel, meine Mutter und meine beiden Tanten; alle haben geschwungen. Bei uns kannte man gar nichts anderes.

Wie kam es früher bei Mitschüler an, wenn Sie erzählten, dass Sie schwingen?

Vielleicht wurde ich dafür ein bisschen belächelt. Die meisten kannten Frauen-Schwingen nicht. Aber mich hat dies nicht sehr gestört.

Schwingen ist sehr traditionell, viele Besucher haben eine konservative Einstellung . Widerspricht sich es da, wenn man als Frau schwingt?

Einige sehen das so. Es gibt leider auch heute noch Situationen, in denen wir belächelt werden. Aber in der heutigen Zeit soll doch jeder machen, was sie oder er will. Ich bin auf dem Bauernhof aufgewachsen und sehr bodenständig. Mir sind Traditionen auch wichtig, ziehe auch gerne mal eine Tracht an. Trotzdem muss man Neuem gegenüber offen bleiben.

Kommt es Ihnen gegenüber manchmal zu sexistischen Sprüchen?

Nicht gerade zu sexistischen Sprüche, aber ich wurde auch schon schlechter behandelt. Vor kurzem wurde ich an einem Männer-Schwingfest drei älteren Besuchern vorgestellt, einer der drei lief einfach weiter, weil er es nicht akzeptierte, dass eine Frau schwingt. Die ältere Generation hat teilweise Mühe. Dabei ist es ja nicht so, dass wir Frauen Traditionen brechen, nur weil wir schwingen.

Dennoch wird beim Schwingen, anders als etwa im Fussball oder Tennis, weniger über Gleichberechtigung debattiert.

Das stimmt. Ich kann auch verstehen, dass Schwinger mehr Aufmerksamkeit bekommen. Es stört mich aber, dass die Klischees des Frauen-Schwingens nicht stimmen. Vielleicht war es früher so, dass die Schwingerinnen eher pummeliger waren. Das hat sich aber genauso, wie bei den Männern auch, stark gewandelt.

Debatten über Gleichberechtigung haben in den letzten Monaten zugenommen. Wie nehmen Sie das wahr?

Natürlich ist es gut, dass sich einige Frauen für diese Rechte einsetzen. Persönlich habe ich aber grundsätzlich keine Probleme.

Wer den Gabentempel der Frauen und der Männer vergleicht, kann aber nicht von Gleichberechtigung reden.

Unser Gabentempel kann man tatsächlich nicht mit demjenigen der Männer vergleichen. Manchmal gibt es sogar nur einen Einheitspreis, beim letzten Mal gab es für alle eine Kühltasche. Manchmal gibt es auch ganz schöne, traditionelle Preise, wie etwa Trycheln oder Stabellen.

Fühlen Sie sich benachteiligt, wenn Sie den Männer-Gabentempel sehen?

Ich bin schon ein bisschen neidisch, wenn ich den Gabentempel sehe. Natürlich wäre es schön, wenn wir ein spezielleres Andenken bekämen.

Auch speziell: Bis vor kurzem musste die Schwingerkönigin das Eidgenössische der Frauen organisieren.

Es war nie klar geregelt, aber tatsächlich war es Usus. Dabei ging es vor allem darum, dass das Fest sicher stattfand. Wir Frauen müssen immer noch dafür kämpfen, dass wir genug Feste haben. Heute haben wir immerhin fünf bis acht im Jahr. Alle Feste sind aber national, weshalb bei uns auch jeweils die Erfolgreichste des ganzen Jahres Schwingerkönigin wird.

Wie gut sieht die Mission Titelverteidigung bisher aus?

Leider läuft es noch nicht so. Es ist eine ganz neue Rolle für mich. Alles ist anders, ich mache mir viel Druck. Und ich merke, dass die Leute viel mehr auf mich schauen.

Schwingen ist für Sie ein Hobby. Wie bringen Sie den Trainingsaufwand und Ihre Arbeit als medizinische Praxisassistentin unter einen Hut?

Die Trainings sind jeweils am Abend, von daher funktioniert es gut. Es ist vergleichbar mit demjenigen von Freizeitsportlern. Ich trainiere dreimal in der Woche, dazu kommen Konditionstrainings am Wochenende. Und ich mache gelegentlich Mentaltraining.

Woran arbeiten Sie im Mentaltraining am meisten?

Das Selbstbewusstsein. Ich musste lernen, zu akzeptieren, dass ich Schwingerkönigin geworden bin.

Wie fühlten Sie sich in dem Moment, in dem Sie Schwingerkönigin wurden?

Ich habe mich schon gefreut, aber es fühlte es sich nicht real an. Bis heute kann ich mir diesen grossen Erfolg nicht richtig eingestehen.

Wird es dem Schwingerkönig also ähnlich ergehen?

Er wird sich freuen, es ist ja auch etwas Tolles. Aber es braucht eine gewisse Zeit, bis er den Erfolg realisieren und einordnen kann.

Zur Person

Diana Fankhauser, 23, wurde 2018 zum ersten Mal Schwingerkönigin. Sie wuchs zunächst im Emmental, später in Chesalles-sur-Oron VD gemeinsam mit zwei jüngeren Geschwistern auf einem Bauernhof auf. Fankhauser stammt aus einer Schwingerfamilie: Der Grossvater war Kranzschwinger, ihre Tanten Margit Vetter und Eveline Dolder waren beide ebenfalls Schwingerkönigin. Fankhauser arbeitet als medizinische Praxisassistentin in Zweisimmen und trainiert in Oron. Mit ihrem Freund wohnt sie heute auf einem Hof in Lauenen in der Nähe von Gstaad, ist aber auch noch häufig bei ihrer Familie in Chesalles-sur-Oron VD.

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