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Christian Stucki hat es noch einmal allen gezeigt – wie die Jugend an der Ikone scheiterte

Der Berner Christian Stucki wird in Zug zum ältesten Schwingerkönig der Geschichte. Er hat nun drei Schwingfeste mit eidgenössischem Charakter gewonnen. Ein Palmarès, das seinesgleichen sucht.
Claudio Zanini
Der neue Schwingerkönig: Christian Stucki triumphiert verdient am Eidgenössischen Schwingfest in Zug. (Bild: Alexandra Wey/Keystone, Zug, 25. August 2019)

Der neue Schwingerkönig: Christian Stucki triumphiert verdient am Eidgenössischen Schwingfest in Zug. (Bild: Alexandra Wey/Keystone, Zug, 25. August 2019)

Wenn im Vorfeld eines Eidgenössischen Schwingfests Favoritenkreise gebildet werden, sind das nicht Eingebungen einzelner Beobachter, sondern letztlich Abbildungen des Saisonverlaufs. 2019 kristallisierte sich ein Quartett von vier jungen Schwingern heraus, ihnen wurde am ehesten der Titelgewinn zugetraut. Armon Orlik (24), Pirmin Reichmuth (23), Joel Wicki (22) und Samuel Giger (21). Die einen sahen den Berner Matthias Aeschbacher als Geheimfavoriten, andere rechneten mit Kilian Wenger. Letzterer wahrscheinlich auch, weil Schwingerkönige abzuschreiben ein Unding ist. Etwas wagemutig schienen diejenigen, die Christian Stucki mit auf die Rechnung nahmen. Gegen Stucki sprach so viel. Mit seinen 34 Jahren gehörte er zu den ältesten Athleten auf Platz. Hinzu kam die oft gehörte These, Stucki könne nicht über zwei Tage Topleistungen abrufen. Physisch halte er einem «Eidgenössischen» nicht Stand. Es ist ein hartnäckiger Mythos. Seit Sonntag wissen wir: Er ist falsch.

Auch die Fakten sprachen gegen Stucki. Er hatte keine gute Saison. Zwischen Anfang Mai und Mitte August war er abwesend. Beim ersten Kranzfest verletzte er sich am Knie. Zuerst ging er von einem Kreuzbandriss aus, es war dann nur das Innenband. Beim Berner Kantonalfest gab er vor zwei Wochen sein Comeback. Es verlief durchzogen. Er zog eine Niederlage gegen Bernhard Kämpf ein, er stellte mit Kilian von Weissenfluh. Sicherlich starke Gegner, doch will einer König werden, muss er Athleten von diesem Format bezwingen. Ob ein solcher Stucki bestehen kann, wenn ihm die Orliks, Wickis und Reichmuths zugeteilt werden? Das Gefühl sagte nein.

Das Herz der Schwingfans aber sagte ja. Stucki geniesst Sympathien in den Lagern aller fünf Teilverbände. Schreitet er von der Arena in die Athletenzone, braucht er mehr Zeit als alle anderen Schwinger. Selfies, Autogramme, Handschläge, Zurufe. Stucki ist der Publikumsliebling schlechthin. Die Aura des lieben Bösen umgibt ihn. Er pendelt ständig zwischen dem zahmen Bär und dem brandgefährlichen Koloss. Betritt er den Schwingplatz, kippt ein Schalter.

Ein Innerschweizer Déjà-Vu

Die Reichmuths, Orliks und Wickis lernten den bösen Stucki kennen. Derjenige, der nicht gekommen ist, um Selfies zu schiessen. Pirmin Reichmuth bekam dies als erster zu spüren. Der Zuger Favorit war im ersten Gang machtlos gegen den Kurz von Stucki. Mit dem Sieg nahm er Reichmuth nicht nur wichtige Punkte weg, sondern auch die Selbstverständlichkeit. Reichmuth sollte sich erst am Sonntag wieder fangen.

Auf dem Weg in den Schlussgang musste sich Stucki auch gegen Joel Wicki (5. Gang) und Armon Orlik (6. Gang) beweisen, sie waren die Übriggebliebenen vom Favoritenquartett. Stucki stellte mit beiden, war aber nicht aus dem Rennen. Mit einem Sieg gegen den Ostschweizer Domenic Schneider stiess er in den Schlussgang vor. Dort stand der furiose Joel Wicki, von dem frühere Schwingerkönige auf der Tribüne schwärmten. «Wenn Wicki schwingt, ist es einfach schön zum zuschauen», sagte Jörg Abderhalden. «Es ist beeindruckend, wie er schwingt», sagte Matthias Sempach. Und Wicki selbst sagte: «Es kann kommen, was will.»

Es kamen rund 140 Kilogramm Körpermasse auf 198 Zentimeter verteilt. Wicki liess sich nach 40 Sekunden ins Sägemehl drücken. Ein dramatischer Schlusspunkt aus Innerschweizer Sicht. Dem Schwingfest der Superlative fehlte einzig die Krönung eines Einheimischen. Das Muster der Niederlage erinnerte an Stans 1989. Eugen «Geni» Halser, der Favorit auf den Titel, verlor im Schlussgang gegen den Berner Adrian Käser und belegte in der Rangliste 1b. Hasler blieb der ungeliebte Titel des «Erstgekrönten». Auch Wicki trägt ihn ab jetzt.

König aber ist Stucki. Er sei «fassungslos», so die unmittelbare Reaktion im Platzinterview. «Ich habe gewusst, wenn der Gang über die volle Dauer geht, wird es schwierig für mich.» Er liess sich auf keinen Abnützungskampf ein. Nach dem Sieg am Kilchberger-Schwinget 2008 und dem Unspunnen-Titel 2017 wird er Schwingerkönig. Der Grandslam des Schwingsports, pflegt man zu sagen. Eine Generation von jungen Topathleten scheiterte 2019 an einer Ikone.

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