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SEILZIEHEN: Schwere Schuhe und Harz an den Händen

Dominante Innerschweizer, starke Schwedinnen und eine besondere Familiengeschichte aus Belgien: Das internationale Klubturnier der Seilzieher präsentiert sich vielseitig, wie ein Besuch vor Ort zeigt.
Stephan Santschi
Mit vereinten Kräften: Das Engelberger Team in der 580-Kilo-Kategorie zieht am gleichen Strang. (Bild: Roger Grütter (Engelberg, 24. Juni 2017))

Mit vereinten Kräften: Das Engelberger Team in der 580-Kilo-Kategorie zieht am gleichen Strang. (Bild: Roger Grütter (Engelberg, 24. Juni 2017))

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Höösch» schreit der Coach, «höösch» antworten die Sportler am Seil, «höösch» brüllt der eine oder andere Zaungast. Die Kadenz des Ausrufs signalisiert den Rhythmus, mit dem der Gegner vier Meter auf die eigene Seite ­gezogen werden soll. «Höösch», ein Schritt zurück, alle ziehen am gleichen Strick, «höösch» bis zum Sieg. Es ist ein Mix aus Kraft und Schwung, aus Standfestigkeit und Angriffslust, aus Taktik und Teamwork, der sich den ­Zuschauern auf den sechs Wettkampfbahnen präsentiert. Erstmals führt der Seilziehclub ­Engelberg ein offenes, internationales Turnier durch. «300 Ath­leten aus dem Ausland sind ­gekommen, das ist sehr viel», sagt Vereinspräsidentin Claudia Christen.

Insgesamt stehen an diesem Wochenende fast 40 Teams aus acht Nationen in sechs Kategorien am Start. «Wir geniessen ­einen guten Ruf», erklärt Christen den grossen Zulauf. Und man profitiert vom günstigen Datum. Viele der Teilnehmer nützen den Anlass als Vorbereitung auf die World Games, die Olympischen Spiele im Seilziehen, die Ende Juli in Polen stattfinden.

Belgier geraten ins Staunen

So, wie beispielsweise die Familie Janssens aus Belgien. Sie stechen nicht in erster Linie mit ihren Leistungen heraus, obwohl der dritte Rang in der schwersten Gewichtsklasse (680 kg) respektabel ist. Mehr Aufmerksamkeit generiert der Name, der nicht wie üblich die Herkunft der Mannschaft wiedergibt. «Der Klub ist 1993 von der Familie Janssens gegründet worden. Auch heute sind noch einige Familienmitglieder dabei», sagt Schatzmeister Johan Krols, um sogleich ins Detail zu gehen: «Unser Coach ist der Schwiegersohn des 84-jährigen Gründers, der da drüben ist der Sohn des Gründers und auch der Schwiegersohn des Coaches macht mit.» Nächstes Jahr, zum 25-Jahr-Jubiläum, werde man zu Hause in Retie in der Region Flandern ein Turnier durchführen und hoffe dabei auch auf rege Schweizer Beteiligung. «Wir versuchen so gut zu werden wie die da», sagt Krols und zeigt auf den Final zwischen Ebersecken und Engelberg, der gerade im Gang ist. «Sie verstehen es, den Gegner zu kontrollieren.» Wenig überraschend gewinnt Ebersecken den ersten Titel des Tages, die Luzerner Hinterländer gelten im Seilziehen der Männer als Mass aller Dinge. An den World Games stellen sie die Schweizer Nationalauswahl und zählen dabei zu den Goldanwärtern. «Es macht Spass, solch strenge Duelle gewinnen zu können. Ich hatte nie Angst um uns», stellt der Ebersecker Fabian ­Rölli grinsend fest.

Jeweils acht Männer oder Frauen bilden ein Team, gekämpft wird im Best-of-3-System. Schwere Schuhe sorgen für guten Halt auf dem immer morastiger werdenden Rasen, Harz an den Händen festigt den Griff um das Seil. Den Basken aus ­Goierri nützt die Ausrüstung jedoch wenig, sie werden von den starken Männern aus Sins gnadenlos über das Feld geschleift, nach 10 beziehungsweise 20 Sekunden ist das Duell bereits vorbei. In der Verzweiflung setzen sich unterlegene Teams schon mal im Kollektiv auf den Hintern. Doch Obacht: Wer zu lange unten bleibt, erhält eine Verwarnung, nach drei Verwarnungen ist der Zug verloren.

Weshalb Frauen Seilziehen sollten

Nur selten verwarnt werden die Frauen von Stans-Oberdorf, zu dominant treten sie in der einzigen weiblichen Kategorie (520 kg) auf. «Es braucht viel Substanz, doch wir sind sehr gut unterwegs», bilanziert Claudia Arnold nach vier souveränen Siegen. Was die Ebersecker bei den Männern, das sind die Nidwaldnerinnen bei den Frauen – an den World Games werden sie die Schweiz vertreten, auch wenn es gestern nicht ganz zum Titel reichte. Ihr Trainer Peter «Body» Odermatt erklärt, weshalb Seilziehen auch für Frauen geeignet ist: «Es sind Zweikämpfe ohne Berührung, keiner macht sich kaputt. Ich habe mich in meinen 35 Jahren als Seilzieher nie verletzt – ausser wenn ich zum Aufwärmen versucht habe, Fussball zu spielen. Es ist ein fantastischer Sport.»

Worte, die Jennie Andersson aus Schweden sofort unterschreiben würde. Zwischen zwei Wettkämpfen sagt die Athletin aus Brunnsberg: «Zu Hause bin ich am Kochen, Putzen, Arbeiten. Wenn ich aber mit meinen Kolleginnen zum Training oder an einem Turnier zusammenkomme, betrete ich meine persön­liche Stadt der Freiheit.» Heute öffnet «Freetown Engelberg» wieder seine Tore, ab 9 Uhr wird das Turnier mit den Kategorien Mixed, U23 und der Königsklasse 640 kg (13 Uhr) fortgesetzt. «Höösch!»

Seilziehen in Engelberg. Männer, 680 kg: 1. Ebersecken. 2. Engelberg. 3. Familie Janssens (Be). – 580 kg: 1. Engelberg. 2. Sins. 3. Stans-Oberdorf.

Frauen, 520 kg: 1. Gonten. 2. Stans-Oberdorf. 3. Sins.

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