Das NHL-Abenteuer von Calvin Thürkauf ist vorerst auf Eis gelegt

Der ehemalige EVZ-Junior Calvin Thürkauf (22) durfte dieses Jahr erstmals NHL-Luft schnuppern. Sein Vertrag läuft im Sommer aus, die Zukunft ist ungewiss.

Philipp Zurfluh
Hören
Drucken
Teilen
Calvin Thürkauf lief bislang viermal für die Schweizer Nationalmannschaft auf.

Calvin Thürkauf lief bislang viermal für die Schweizer Nationalmannschaft auf.

Bild: Keystone (Biasca, 21. April 2018)

Als unsere Zeitung den 22-jährigen Eishockeyprofi telefonisch erreicht, sitzt er in seinem Apartment – das etwas ausserhalb der Stadt Cleveland liegt – schon fast auf gepackten Koffern. Mit seiner Freundin geht’s ins 3800 Kilometer entfernte kanadische Kelowna, wo er während zwei Saisons in der Western Hockey League (WHL) – eine der drei kanadischen Top-Juniorenligen – für die Rockets auf Torejagd ging und seine Freundin kennen lernte. Die beiden ziehen die 36 Stunden lange Autofahrt dem deutlich kürzeren Flug vor. «Am Flughafen müssten wir stundenlang herumsitzen. Das grosse Risiko, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, wollen wir nicht eingehen», erklärt der gebürtige Zuger.

Der Erreger hält derzeit auch Nordamerika in Atem. Der Sport steht wegen der Pandemie wie in Europa quasi still. Die National Hockey League (NHL) hat den Spielbetrieb vor einer Woche unterbrochen. Auch die American Hockey League (AHL), die Farmteam-Liga der NHL, wird vorerst auf Eis gelegt, mindestens bis am 1. Mai. Wann und ob es überhaupt weitergeht, ist offen.

Spieler halten sich mit individuellem Training fit

Calvin Thürkauf, der 2016 von der NHL-Organisation Columbus Blue Jackets gedraftet wurde, versucht die momentane Situation mit der nötigen Lockerheit anzugehen. «Es ist so, wie es ist. Man kann nur abwarten, und das Beste daraus machen.» Er bekommt aber auch das Leid von vielen Amerikanern mit, die mit Existenzängsten konfrontiert sind. Täglich gibt es von Seiten des Klubs ein Update zur aktuellen Lage. Via Medien informiert er sich auch über die Lage in der Schweiz und hält täglichen Kontakt zu seiner Familie.

Zurzeit sind die Spieler verpflichtet, Kontakt mit anderen Menschen zu meiden und sich quasi in Selbstquarantäne zu geben. «Trotzdem müssen wir uns fit halten. Individuelle Sportaktivitäten sind erlaubt», erklärt der Flügelstürmer. So begibt er sich immer wieder auf eine Jogging-Runde mit seinem Hund. Auch Work-outs zu Hause in seiner Wohnung stehen auf seinem Tagesprogramm, so der schweiz-kanadische Doppelbürger.

26 Skorerpunkte in 53 Spielen

Der gebürtige Zuger, sein Vater ist Kanadier, seine Mutter Schweizerin, konnte zuletzt den Traum von seinem ersten NHL-Einsatz verwirklichen, dank konstanter Leistungen bei den Cleveland Monsters in der AHL. 26 Skorerpunkte in 53 Spielen buchte er in dieser Saison. «Es war eine lehrreiche Erfahrung und toll, mit grossen Namen auf dem Eis zu stehen. Ich hoffe, es war nicht mein letzter Auftritt in der NHL», sagt der kraftvolle und schussstarke EVZ-Junior, der nach seiner Premiere zu zwei weiteren Einsätzen in der besten Liga der Welt kam. «Auch wenn mir keine Skorerpunkte gelangen, haben mir die Spiele Mut gegeben.»

In den letzten drei Saisons lief der Siebtrundendraft fast nur bei den Cleveland Monsters in der AHL auf. Der vierfache Schweizer Nationalspieler hatte schwierige Phasen zu meistern. Nach einem Wadenbeinbruch musste er knapp vier Monate pausieren. «Ich lernte mit Verletzungen umzugehen, habe mich aber immer wieder zurückgekämpft.» Den eingeschlagenen Weg habe er nie bereut. «Mir war nach dem Schritt nach Nordamerika bewusst, dass eine grosse Herausforderung auf mich zukommt, doch es hat sich gelohnt, nicht nur sportlich. Ich konnte meine Persönlichkeit weiterentwickeln», betont Thürkauf. Er gibt sich selbstkritisch und weiss, in welchen Bereichen noch Luft nach oben ist. «An meiner Explosivität muss ich arbeiten und mir noch mehr Selbstvertrauen aneignen.»

NHL geniesst für Thürkauf nach wie vor Priorität

Der weitere Verlauf seiner Profikarriere liegt nicht in seinen Händen. Die Columbus Blue Jackets, welche die Draftrechte des 22-Jährigen besitzen, müssen bis am 1. Juli entscheiden, ob sie für den ehemaligen Captain der Schweizer U20-Nationalmannschaft weiter Verwendung finden.

«In den Augen der Klubs wirst du als Spieler oft als Stück Fleisch betrachtet.»

Seine Zukunft ist ungewiss. «Natürlich möchte ich weiter an meinem Ziel arbeiten, mich in der NHL zu etablieren», betont Thürkauf. Einen Wechsel zu seinem Stammverein EV Zug, bei dem er alle Juniorenstufen durchlaufen hat, schliesst er nicht aus, die NHL habe aber Priorität. Das sieht auch EVZ-Sportchef Reto Kläy so: «Eine Rückkehr in die Schweiz ist der Plan B. Wir tauschen uns aber immer mal wieder aus.»

Vorerst muss der Eishockeyprofi aber auf seine Leidenschaft verzichten. «Jammern hilft nichts, man muss geduldig bleiben», sagt er und macht sich bereit für die 3800 Kilometer lange Überfahrt nach Kanada.