Sein letzter Versuch: Carlos Mäder will für Ghana bei den Winterspielen 2022 in Peking starten

Der Giswil-Ghanaer Carlos Mäder möchte bei den Winterspielen in Peking als Skifahrer starten. Ein zypriotisch-österreichischer Trainer soll ihm helfen. Das Vorhaben kostet viel Geld.

Claudio Zanini
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Athlet und Servicemann in einem: Carlos Mäder hat das Kellerabteil zu Hause zum Serviceraum umfunktioniert.

Athlet und Servicemann in einem: Carlos Mäder hat das Kellerabteil zu Hause zum Serviceraum umfunktioniert.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 27. Februar 2020)

Wenn Carlos Mäder mit Rollkragenpulli und Veston in das vegetarische Restaurant einläuft und einen Pfefferminztee bestellt, würden ihm wohl wenige zutrauen, dass er Riesenslalom von Abfahrt unterscheiden kann. Doch der 41-jährige Ghanaer, der mit acht Monaten von einem Ehepaar aus Giswil adoptiert wurde, ist vom Skisport besessen. Seine Kindheit fand in einem typischen Schweizer Setting der 80er-Jahre statt. «Meine Mutter rollte den Fernseher an den Mittagstisch, wenn ein Rennen stattfand», sagt er.

Mäder ist mehr als ein gewöhnlicher Skifan, er ist ein Nerd. Er schaut Videos von Slalom-Rennen früherer Zeiten an und achtet sich auf technische Unterschiede zur heutigen Fahrweise. «Es wird viel direkter aufs Tor gefahren, sie holen nicht mehr aus», sagt er. Wenn er von Clément Noël, dem hochbegabten französischen Slalom-Fahrer spricht, hebt er die Stimme. «Da macht es nur noch ‹täck›, ‹täck›, ‹täck›.» Dazu fuchtelt Mäder mit den Händen. «Oder Jean-Baptiste Grange, er wäre für jedes Skilehrer-Video perfekt. So was probiere ich natürlich ein wenig zu adaptieren.»

«Adaptieren» ist in diesem Fall ein viel zu grosses Wort. Grange und Mäder stammen aus zwei völlig unterschiedlichen Welten. Sie widerspiegeln die Zweiklassengesellschaft des Skisports. Auf der einen Seite die Wohlhabenden, die grossen Verbänden angehören, auf der anderen Seite die Mittellosen aus kleinen Verbänden.

70 000 Euro für eine Saison

Seit Mäder vor zweieinhalb Jahren das Projekt startete und sich entschloss, für Ghana Skirennen zu fahren, konnte er sich nie optimal auf einen Wettkampf vorbereiten. Er arbeitet bei einem Multimedia-Unternehmen in Zürich. Meist wechselte er direkt vom Bürotisch auf die Skipiste. Das soll sich nun ändern. Vom IOC erhielt er ein olympisches Stipendium, um sich auf die Winterspiele in Peking 2022 vorbereiten zu können. Er erhält 18 000 Dollar jährlich, ausgezahlt in vier Tranchen. Es ist ein willkommener Zustupf – alle Ausgaben können damit längst nicht gedeckt werden. Mäder rechnet mit 70 000 Euro pro Jahr. Den grossen Rest will er durch Sponsoren generieren. Doch die Sponsoren muss er alle zuerst wieder ins Boot holen. Da es in dieser Saison keinen Grossanlass gab, war Mäders Karriere im Standby-Modus, also konnte er seinen Partnern auch keine Präsenz bieten.

Zum Weg in die Semiprofessionalität gehört auch die Anstellung eines Trainers. Sein Trainer heisst Christopher Papamichalopoulos – auch Mäder kann den Namen nicht auswendig buchstabieren. Papamichalopoulos ist halb Österreicher, halb Zypriote. Kennen gelernt hat er ihn bei einem seiner ersten Rennen an der Mannschaftsführersitzung. Papamichalopoulos war selbst Skifahrer, er startete für Zypern an den Winterspielen 2010 in Vancouver. Er stellt nun für Mäder die Trainingspläne zusammen. Jeweils an verlängerten Wochenende wollen die beiden Trainingscamps in Österreich abhalten. «Es soll alles ein wenig professioneller werden. Nicht so Guerilla-mässig wie bisher», sagt Mäder.

Der Startschuss für den neuen Anlauf fiel in diesen Tagen. Ab jetzt verfolgt Mäder einen Zeitplan. Im Sommer werden die ersten Rennen stattfinden, die zur Selektion für Peking 2022 zählen.

Kunstschneestreifen in der Geröllhalde

Es sind schmucklose Orte, an denen Mäder Rennen fährt. Sein erster Einsatz wird er Ende Juli in Südafrika haben. «Irgendwo hinter Johannesburg in der Pampa.» Er erwarte einen «Kunstschneestreifen in der Geröllhalde». Doch er hat keine andere Wahl, als weite Wege zu gehen. Würde er in der Schweiz ein Rennen fahren, könnte er seinen Punkteschnitt kaum verbessern, da das Teilnehmerfeld mit talentierten einheimischen Junioren gespickt wäre. Als er einmal in Meiringen an einem FIS-Rennen teilnahm, standen 110 Fahrer am Start, 109 trugen das Schweizer Dress. «Alles super Nachwuchsfahrer, da hast du keine Chance», sagt er. Allzu schlecht darf das Teilnehmerfeld jedoch nicht sein, sonst kassiert sogar der Sieger Strafpunkte. Mäder muss bei seinem Südafrika-Rennen also darauf hoffen, dass sich einige gute Fahrer dorthin verirren.

Die Qualifikation für die Winterspiele 2018 verpasste er. Bei der WM 2019 war er dabei, bei der WM 2021 möchte er ebenfalls teilnehmen. Peking 2022 soll sein letzter Grossanlass werden. Danach will er nur noch Funktionär sein. Er ist jetzt schon Präsident der Ghana Ski Association. Einen potenziellen Athleten, der nach ihm Ghana in der Skiwelt vertreten könnte, hat er gefunden: Ein 21-jähriger Deutsch-Ghanaer, der dem bayrischen Landeskader angehörte. Er traut ihm sogar den Sprung in den Weltcup zu.

Der Skisport dient Carlos Mäder letztlich nicht zur eigenen Profilierung. Er führt ihn zurück zum Ursprung. Es klingt fast absurd, wenn er sagt: «Das Skifahren hat mir Ghana näher gebracht.» Von der Olympia-Kampagne 2018 hat er 10 Prozent seiner Einkünfte nach Ghana geschickt – so will er es auch weiterhin tun. Ende 2018 konnte mit seinem Geld eine Schule für 100 Schüler eröffnet werden. Sein Skifahren ist weit mehr als ein Scherz.