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Der Frauen-Final des US-Open: Sensationell und skandalös

Die 36-jährige Amerikanerin Serena Williams verliert den US-Open-Final in der Nacht auf Sonntag gegen die grandiose Japanerin Naomi Osaka 2:6, 4:6. Williams verpass damit ihren 24. Grand-Slam-Titel.
Jörg Allmeroth, New York
Serena Williams beleidigt den Schiedsrichter. Bild: Brian Hirschfeld/Keystone (New York, 8. September 2018)

Serena Williams beleidigt den Schiedsrichter. Bild: Brian Hirschfeld/Keystone (New York, 8. September 2018)

Im ohrenbetäubenden Pfeifkonzert zog Naomi Osaka ihre Schirmmütze ganz tief ins Gesicht. Aber ihre Tränen bei der Siegerfeier konnte die neue US-Open-Königin auch so nicht verbergen – nicht vor den Fans im grössten Tennisstadion der Welt, nicht vor einem TV-Millionenpublikum: Der erste Grand-Slam-Sieg des 20-jährigen Ausnahmetalents, der erste japanische Triumph bei einem der Tennis-Majors überhaupt verlief jenseits aller Norm und Ordnung.

Osakas erstes strahlender Höhepunkt in einer vielversprechenden Karriere, der 6:2, 6:4-Sieg gegen Serena Williams, ging beinahe unter in den Tumulten um die Schiedsrichterbeleidigungen des amerikanischen Superstars Williams. «Es war kein schönes Ende», sagte Naomi Osaka später, «ich habe fast ein wenig gelitten mit Serena. Sie ist schliesslich mein grosses Idol, und sie wird es auch bleiben.»

Dabei hatte sich Osaka, die neue Grösse im globalen Frauentennis, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit nach diesem Final mehr als verdient. Denn wie die abseits der Courts scheue und schüchterne Asiatin in diesem ultimativen Zweikampf mit ihrem eigenen Idol auftrat, war schlicht sensationell. Und eines Grand-Slam-Titels würdig. Osaka spielte mutig, couragiert, konzentriert in der Startphase des Endspiels. Und sie blieb auch ruhig, unglaublich gelassen und geradezu abgebrüht, als das skandalöse Final-Chaos um und mit Williams seinen Lauf nahm. «Ich war derart auf mich selbst fokussiert, dass mich das alles gar nicht so berührt hat», sagte die 20-jährige später.

Auch in ihrem letzten Aufschlagspiel in der aufgeheizten Atmosphäre im Arthur-Ashe-Stadion zeigte Osaka keine Nerven, servierte die Partie für sich seelenruhig über die Ziellinie. «Ein Meisterwerk» sei das gewesen, sagte Trainer Sascha Bajin später. Auch für den Münchner Coach war es der der erste Coup seiner Karriere, einst hatte er als sogenannter Sparringspartner von Serena Williams begonnen.

Auf die Frage, ob es eine grosse gemeinsame Siegesfeier im ‘Team Osaka’ geben werde, entgegnete die Gewinnerin des Tages hinterher indes abwehrend: „Ich werde jetzt wohl schlafen gehen. Oder vielleicht ein Videospiel spielen.» Und ein Gläschen Champagner, zur Feier des Tages? «Nein, ich bin doch erst 20.»

Ein Sprung auf Rang 7 des WTA-Rankings

Osaka galt in Expertenkreisen schon länger als ein Versprechen für die Zukunft im Frauencircuit – auch, weil sie mit ihrem harten, konsequenten, zupackenden Spiel stets an ihr Vorbild Serena Williams erinnerte. Um bessere Perspektiven für eine Tenniskarriere zu haben, war Osakas Familie 2001 nach Amerika gezogen – Vater Leonard François, ein US-Bürger mit haitianischen Wurzeln, hatte sich vor allem am Werdegang der Williams-Schwestern orientiert und eine ähnliche Laufbahn für seine Kinder Mari und Naomi erhofft. Doch nur Naomi schaffte den Sprung in die internationale Spitze. Bereits mit 15 Jahren spielte Naomi ihre ersten Turniere auf der WTA-Tour. Im März holte sie ihren ersten wichtigen Titel, beim Topwettbewerb im kalifornischen Indian Wells, gewann dabei beispielsweise gegen die früheren und aktuellen Nummer-1-Spierinnen Maria Scharapowa, Karolina Pliskova und Simona Halep. Der New Yorker Titel-Coup katapultiert sie nun erstmals in die Top Ten, auf Rang 7 der Bestenliste.

In Japan bisher nur eine «Hafu»

Wird Osakas Triumph nun einen neuen Tennisboom in Japan auslösen? Bisher galt neue die US-Open-Titelhalterin daheim etwas abschätzig nur als «Hafu», als Halbjapanerin. «Die Leute sind immer etwas verwirrt, wenn sie meinen Namen lesen – und mich dann irgendwann mit meiner Hautfarbe sehen“, sagt Osaka. Ihre Mutter war wegen der Ehe mit einem dunkelhäutigen Amerikaner sogar von der eigenen Familie verstossen worden, hatte zehn Jahre keinen Kontakt mehr in die Heimat.

Am Wochenende indes sorgte Osakas Triumph in Japan für ein wenig nationalen Seelenbalsam nach den Heimsuchungen der letzten Tage, dem Wetterchaos um Taifun «Jebi» und dem schweren Erdbeben auf der Nordinsel Hokkaido. «Sie könnte jetzt zum zweiten Tennis-Superstar neben Kei Nishikori aufsteigen», sagt die frühere japanische Topspielerin Kimiko Date. «Und sie könnte ein Gesicht der Olympischen Spiele 2020 in Tokio sein.»

Beides wird wohl genau so eintreffen.

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