Der entscheidende Fussfehler der Tennis-Powerfrau

Topfavoritin Serena Williams scheitert an den Australian Open überraschend in den Viertelfinals. Die 37-jährige Amerikanerin vergibt gegen die Tschechin Karolina Pliskova vier Matchbälle und verliert 4:6, 6:4, 5:7.

Jörg Allmeroth, Melbourne
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Heimreise statt Halbfinal: Serena Williams. (Bild: Cameron Spencer/Getty (Melbourne, 23. Januar 2019))

Heimreise statt Halbfinal: Serena Williams. (Bild: Cameron Spencer/Getty (Melbourne, 23. Januar 2019))

Man hätte sich an diesem Australian-Open-Mittwoch ein kleines Vermögen verdienen können. Man hätte allerdings auch komplett verrückt sein müssen, bei einer 5:1- und 40:30-Führung von Serena Williams im dritten, alles entscheidenden Satz gegen Karolina Pliskova noch auf eine Niederlage von Williams zu setzen. Doch es passierte genau dies, das Unmögliche, Unfassbare, der grosse, absurde, urplötzliche Dreh eines denkwürdigen Viertelfinal-Thrillers in der Rod Laver Arena.

Serena Williams, die prägende Figur dieser Ära, verliess zuletzt als grimmige 4:6-, 6:4-, 5:7-Verliererin den Spielplatz, es war grosses, dramatisches Tennis-Kino auch mit vier vergebenen Matchbällen der polarisierenden Amerikanerin. «Warum ich jetzt ausgeschieden bin, weiss ich auch nicht so genau», sagte die bitter enttäuschte Titelaspirantin später, «es wird dauern, über dieses Match, über diese Niederlage hinwegzukommen.»

Diesmal keine Schimpf­tirade

Ein neuerlicher Eklat oder Skandal der Ausnahmespielerin allerdings blieb aus an Tag 9 von ­Melbourne – obwohl ein solcher Zorn- und Wutausbruch durchaus nahe lag. Denn bevor sich der Plot dieses Matches noch einmal sensationell wendete, hatte Williams bei jener 5:1-, 40:30-Führung ein Ass ins Feld der baumlangen Tschechin platziert. Es war eigentlich alles vorbei, Williams schien in die Halbfinals eingezogen, doch in der nächsten Sekunde erscholl der «Fussfehler»-Ruf einer Linienrichterin. Das Ass war annulliert, das Ende der Partie aufgehoben. Aber Williams hielt irgendwie eisern die Contenance, verzichtete auf eine ähnlich wüste Schimpftirade wie noch im US-Open-Final gegen die Japanerin Naomi Osaka. Vielleicht auch, weil sie glaubte, der Aufwand lohne sich nicht, mit einer beruhigenden, haushohen Führung im Rücken.

Gedanklich schon in der Umkleidekabine

Aber es kam dann alles ganz anders. Beim nächsten Ballwechsel knickte Williams leicht mit dem Knöchel um, sie verlor den Matchball, sie servierte danach einen Doppelfehler, sie musste das 2:5 hinnehmen. Und dann ging es für die etwas angeschlagene Powerfrau schleichend, aber unaufhaltsam bergab, erst 3:5, dann 4:5 gegen eine Rivalin, die plötzlich wie aufgedreht spielte, wieder Mut und Zutrauen fasste und Gewinnschläge in Serie produzierte. «Sie hat überirdisch ausgesehen in den letzten Minuten», sagte Williams hinterher, «so gut habe ich sie noch nie erlebt.»

Was besonders für das spektakuläre zehnte Spiel dieses dritten Aktes galt: Da nämlich hatte Williams auf einmal noch drei weitere Matchbälle, ebenso jäh wie unerwartet nach dem krassen Absturz zuvor. Pliskova, der gern in solchen Partien und Situationen die Nerven versagen, wehrte sich aber fulminant, erzwang das 5:5 und brach damit end­gültig den Widerstand der 37-jährigen Tennismutter. «Beim ersten Matchball von Serena war ich gedanklich schon halb in der Umkleidekabine», sagte die Tschechin hinterher, «und nun stehe ich im Halbfinal. Ich kann es nicht fassen.»

Williams wies später alle Spekulationen zurück, der Auslöser der aufsehenerregenden Niederlage sei die dezente Verletzung gewesen, der Ausrutscher beim ersten Matchball: «Es war die grossartige Leistung von Karolina», sagte sie, «ich sah auch keinen Grund, mich behandeln zu lassen. Es wirkte alles okay für mich, nicht so schlimm.» Geplatzt war mit dem irrwitzigen Scheitern der Überfrau des Welttennis so nicht nur der Traum vom 24. Rekordtitel auf Grand-Slam-Niveau, sondern, ganz und gar nicht nebenbei, auch eine neuerliche Verabredung mit der US-Open-Gewinnerin Naomi Osaka. Denn die Neuauflage des irren New Yorker Finals wäre heute zu bewundern gewesen, Osaka hatte mit ihrem 6:4-, 6:1-Sieg über die Ukrainerin Elina Svitolina dafür die Steilvorlage geliefert. Aber Williams verwertete den Pass nicht, das grosse Drama war schon vorbei, ehe sich die Kontrahentinnen der legendären Big-Apple-Partie wiederbegegnen konnten.

Bemerkenswert: Im Halbfinal ist Tennis-Amerika dennoch vertreten. Nicht durch die ewige Serena. Sondern durch eine gewisse Danielle Collins, die 25-jährige Überraschungsfigur aus Florida, die auch die beiden deutschen Asse Angelique Kerber und Julia Görges aus dem Titelrennen geworfen hatte. Vor den Australian Open 2019 hatte Collins genau null Spiele bei einem Major-Turnier gewonnen.

Melbourne. Australian Open. Grand-Slam-Turnier (42,9 Mio. Franken/Hart). Männer. Viertelfinals: Djokovic (SRB/1) s. Nishikori (JPN/8) 6:1, 4:1 Aufgabe (Oberschenkelverletzung). Pouille (FRA/28) s. Raonic (CAN/16) 7:6 (7:4), 6:3, 6:7 (2:7), 6:4.

Halbfinal-Tableau: Djokovic (1) – Pouille (28), Tsitsipas (14) – Nadal (2).

Frauen. Einzel. Viertelfinals: Osaka (JPN/4) s. Switolina (UKR/6) 6:4, 6:1. Pliskova (CZE/7) s. Serena Williams (USA/16) 6:4, 4:6, 7:5.

Halbfinal-Tableau: Pliskova (7) – Osaka (4), Kvitova (8) – Collins.

Doppel. Halbfinals: Babos/Mladenovic (HUN/FRA/2) s. BradyRiske (USA) 6:4, 6:2. Stosur/Zhang (AUS/CHN) s. Strycova/Vondrousova (CZE) 7:5, 4:6, 7:5.

Juniorinnen. Achtelfinals: Lulu (SUI/7) s. Rossi (ITA/Q) 4.6, 6:2, 6:4. Tauson (DEN/1) s. Ryser (SUI) 6:2, 7:5.