Behindertensport
Eine mentale und finanzielle Herausforderung: Für die Rollstuhlsportler fallen die Highlights im Frühling weg

Die Seriensieger im Rollstuhlsport, Marcel Hug und Manuela Schär, sind motiviert. Trotz ungewisser Perspektiven.

Jörg Greb
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Manuela Schär (links) und Marcel Hug nutzen ihre Möglichkeiten gezielt.

Manuela Schär (links) und Marcel Hug nutzen ihre Möglichkeiten gezielt.

Keystone

Die Parallelen sind augenfällig und trotzdem ist vieles anders. Vor gut einem Jahr waren die Vorzeigeathleten im Rollstuhlsport ausgebremst worden wie so viele andere auch. Geschlossene Trainingsstätten, keine Wettkämpfe und eine ungewisse Zukunft. Die Frühjahrsmarathons wurden in den Herbst verschoben, die Paralympics auf den Sommer 2021. Und im Herbst war es dann nochmals anders: Ein einziger Elite-Marathon fand statt – sonst nichts.

Jetzt präsentiert sich die Ausgangslage ähnlich. Wieder sind die grossen Marathons – Tokio, Boston, London – in den Herbst verschoben worden. Zusammen mit Berlin, Chicago und New York versprechen sie ein höchst anspruchsvolles, aber auch attraktives Programm. Nur bleibt offen, ob und wie diese Rennen abgehalten werden können. Auch die im August terminierten Paralympics sind abhängig von der Pandemieentwicklung weltweit. Topsportler wie der Nottwiler Marcel Hug oder die Krienserin Manuela Schär fordert dies zusätzlich. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr sind zumindest in der Schweiz die Trainingsstätten für die Topsportler und den Nachwuchs offen. Statt zu Hause in den eigenen vier Wänden können Hug, Schär und Co. also in der vor 16 Monaten eröffneten Trainingshalle und auf der Rundbahn in Nottwil nach Belieben trainieren. Eine Frage stellt sich dennoch: ­Trainieren wie und wozu? «Wir sind grundsätzlich froh, welche Möglichkeiten sich uns bieten. Und wir nutzen diese gezielt», so die beiden Marathon-Seriensieger.

Coach sorgt für spannende Inputs

Die Tatsache, dass die Höhepunkte zumindest im Frühling wegfallen, ist dennoch eine mentale wie auch finanzielle Herausforderung. «Der Zustand zieht sich hin, umso schöner wäre es, endlich wieder dieses Wettkampffeeling zu verspüren», sagt Schär. «Die Motivation ist aber erstaunlich hoch.» Schär windet in diesem Zusammenhang ein Kränzchen an ihren Coach Claudio Perret: «Er versteht es immer wieder, neue und spannende Inputs einzustreuen.» Einen zusätzlichen Stellenwert hat für sie, die meist für sich alleine trainiert, das Gruppentraining am Montag mit der Männergruppe um Heinz Frei erhalten. «Das tut jetzt besonders gut», sagt sie. Ebenso wichtig vor allem für die mentale Komponente war ein Minitrainingslager mit der Gruppe auf den Langlaufski im Bleniotal. Und gegönnt hat sich Schär auch etwas, das sonst nie möglich war: fünf Tage Skifahren – allein.

Marcel Hug seinerseits verzichtete nach dem abgesagten Dubai-Marathon Anfang Jahr auf ein geplantes Trainingslager im Süden. Am Ansporn, sich in der gewohnten Umgebung effektiv zu fordern, fehlte es dennoch nicht. «Ich arbeitete akribisch und sehr konzentriert», sagt er. Hug und Schär taten dies weniger wettkampfspezifisch. Dafür trainierten sie die Grundlagenausdauer wie noch nie. Beide sind überzeugt, dass sie davon profitieren werden. Sie konnten diese Umfänge und Trainingsstunden bewältigen, weil etwa die Reisen, Akklimatisation und Erholungszeit von den Marathons wegfielen.

Noch fehlt die Schnelligkeit

Nach der Erfahrung des letzten Jahres haben Hug und Schär wie so viele Topsportler eine Gelassenheit gegenüber der Ungewissheit entwickelt. Lachend sagt Schär: «Die Schnelligkeit fehlt mir noch völlig.» Zeit, diese aufzubauen, bleibt noch genügend. Vor allem bis zu den Paralympics im August ist sie aber zwingend, um zu reüssieren. Da werden Hug und Schär nicht nur im Marathon um die (Gold-)Medaillen kämpfen, sondern auch über die Distanzen 400, 800, 1500 und 5000 Meter.