SKELETON: Der Kick 10 cm über dem Eis

Marco Rohrer war früher ein exzellenter Sprinter. Den Speed transferierte er in den Eiskanal: Diese Woche misst sich der Obwaldner an der WM in Winterberg an der internationalen Elite.

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Tempi bis zu 140 Stundenkilometer: Marco Rohrer rast den Bobrun von St. Moritz hinunter. (Bild Roger Schaffner)

Tempi bis zu 140 Stundenkilometer: Marco Rohrer rast den Bobrun von St. Moritz hinunter. (Bild Roger Schaffner)

roland bucher

Pardon, Skeleton? Tönt nach Grischuna, nach Cüpli-Bar, tönt auch elitär. Weit gefehlt. Marco Rohrer, der 27-jährige Mann aus Sachseln, schmunzelt: «Ja, es gibt den legendären Cresta Run in St. Moritz, doch der trägt die Etikette eines geschlossenen Gentlemen’s Clubs. Aber was wir mit dem Skeletongerät betreiben das ist Spitzensport mit allen Facetten, mit jeder Herausforderung. Es braucht als Tourist schon sehr viel Mut, eine gute physische Verfassung und eine gewisse Schmerzresistenz, um im Skeleton den Bobrun hinunterzurasen.»

Wenn Marco Rohrer dies behauptet, darf man ihm durchaus eine beträchtliche Glaubwürdigkeit attestieren. Früher, als seine sportliche Vorliebe noch anders gelagert war, hetzte er als einer der 20 besten Schweizer Sprinter über die 100-Meter-Distanz. Seine Bestzeit von 10,94 Sekunden trägt die Zahl einer bestandenen leichtathletischen Reifeprüfung: «Wenn du unter 11 Sekunden läufst, hast du so etwas wie eine Schallmauer geknackt», betont er, «im Rückblick darf ich auf diese Leistung schon ein bisschen stolz sein.»

Die Zufallsbegegnung

Doch dann kam diese zufällige, einschneidende Begegnung kurz vor den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver mit dem Schweizer Skeleton-Ass Pascal Oswald. Der rieb Marco Rohrer die spektakulären Reize und geheimnisvollen Feinheiten dieser Sportart derart süffig unter die Nase, dass «ich nicht anders konnte, als bei nächstbester Gelegenheit auch mal auf diesen Schlitten zu liegen». Das Tempo, dieser unbeschreibliche Flow 10 Zentimeter über dem Eis, die Pflicht zur absoluten Kontrolle des Gefährtes bei 140 Stundenkilometern: «Das alles hat mir den Ärmel schnell einmal reingezogen.»

Sein Speed, zäh erlangt in unzähligen Sprint- und Krafttrainings, präferierte den 1,73 Meter grossen und 82 Kilogramm kräftigen Anfänger natürlich enorm: «Am Start, wenn du so schnell wie möglich den über 30 Kilogramm schweren Schlitten auf Tempo bringen musst, potenziert sich jede Hundertstelsekunde, die du herauswürgen kannst.» Das Adrenalin pumpte, Marco Rohrer war schnell bei den Leuten. Dieser oder jener Sturz, der auch mal blaue Flecken oder eine Prellung provozierte, war schnell weggesteckt, Marco Rohrer perfektionierte seine Fahrkünste: «In den Kurven ist der Druck teilweise so hoch, dass ich den Kopf aufs Eis legen muss. Das ist mit einem Blindflug zu vergleichen. Du kannst dich allein durch Druckschwankungen und Wellen in der Kurve orientieren. Je öfter man den Eiskanal runterrast, desto mehr Gefühl entwickelt man für diesen Druck und wie man mit ihm richtig umgehen muss.»

Mittlerweile zählt er, der aufwandmässig durchaus Halbprofi-Status beansprucht, zu den besten Skeleton-Künstlern in der Schweiz. Der Lohn für Beharrlichkeit und Trainingsfleiss: die Teilnahme an den Weltmeisterschaften in Winterberg, wohin er vorgestern ­reiste und wo er am Donnerstag die Läufe Nummer 1 und 2 und am Freitag die finalen dritten und vierten Läufe absolviert.

Seine Sorge um die Natur

Es macht Spass, mit Marco Rohrer zu parlieren, die Begeisterung zu spüren, die er dem Skeletonsport (und nach wie vor der Leichtathletik) entgegenbringt. Schwenkt man ab, lernt man adäquates Verhalten bei seiner akademischen Ausbildung kennen. Der in Sachseln aufgewachsene und bei seinen Eltern untergemietete Hobby-Biker ist an der Uni Bern Doktorand in Klimawissenschaften, steckt mitten in der Dissertation und betont: «Einerseits ist diese Materie unerhört interessant. Es ist spannend, die Zusammenhänge kennen zu lernen, die vielen Einflüsse, die das Klima prägen, richtig einzuordnen. Ich habe diese Studienrichtung aber auch aus persönlicher Überzeugung gewählt: Wir müssen Sorge geben zur Natur, zu dieser Welt.»

«Ich lasse mich mal überraschen»

Marco Rohrer lebt während seiner Studienzeit bescheiden, aber glücklich in einer WG in Bern, «Geld verdienen kannst du als Skeletonfahrer nur, wenn du Russe oder Brite bist. Die haben Millionenbudgets, die sind Vollprofis. Bei uns in der Schweiz gibts nichts, aber auch gar nichts abzuholen, und wenn meine Eltern und Supporter nicht hie und da ein Nötli rüberschieben würden, müsste ich wohl darben ...» Ganz ist also (auch) an der Skeletonspitze die Chancengleichheit nicht gewährleistet, und solchermassen realistisch reist denn Marco Rohrer auch ins Hochsauerland: «Ich bin glücklich, dabei sein zu dürfen, diese WM-Teilnahme war ja auch primäres Saisonziel. Ich nehme es vorab, lasse mich mal überraschen und wenns in die Top 20 reicht, dann wäre das eine tolle Sache.»

Er, der gesteht, «Herausforderungen in allen Lebensbereichen zu lieben», er, der den Sport als «hervorragende Lebensschule» einschätzt, er hat indes als Skeletonathlet noch längst nicht ausgelernt und weiss: «Meine besten Jahre kommen noch.» So will er denn am Donnerstag und Freitag in Winterberg säen, was dereinst 2018 im südkoreanischen Pyeongchang spriessen und blühen soll: «Dort an den Olympischen Winterspielen 2018 dabei sein zu dürfen das ist mein ganz grosser Traum.»

Marco Rohrer

Geboren: 15. Juli 1987
Wohnort: Sachseln und Bern
Grösse: 1,73 Meter
Gewicht: 82 Kilogramm
Zivilstand: ledig
Beruf/Ausbildung: Doktorand auf Klimawissenschaften an der Uni Bern
Klubs: Zürcher Bob-Club, TV Sarnen
Trainer: Michael Grünberger (Bahn), Cédric Tamani (Athletik)
Erfolge: 2014/15: 6. Rang Intercontinental-Cup Winterberg (ICC); 7. Gesamtrang ICC; Teilnahme an der WM in Winterberg
Hobbys: Sport allgemein, Lesen, Computer
Vorbild: Niemand speziell: alle, die hart für ihre Ziele arbeiten
Homepage: marcorohrer.wordpress.com