SKI ALPIN: Am Ziel ihrer Träume

Dominique Gisin (28) ist die Siegerin in der Olympia-Abfahrt! Eine Entschädigung für viele Schmerzen.

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Olympiasiegerin Dominique Gisin bei der Flower-Ceremony: «Es ist verrückt, einfach nur Wahnsinn.» (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Olympiasiegerin Dominique Gisin bei der Flower-Ceremony: «Es ist verrückt, einfach nur Wahnsinn.» (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Es waren nur ganz wenige Minuten – doch sie entschädigten Dominique Gisin für alles, was sie in ihrer so turbulenten Karriere erlebt hatte. Oder besser gesagt: erleben musste. Als die 28-Jährige aus Engelberg am späten Abend im Olympiapark von Sotschi die Goldmedaille für ihren Triumph in der Königsdisziplin um den Hals gehängt bekam, genoss sie dieses Gefühl, das nur den allerwenigsten in der ganzen Masse an guten Profisportlern vorbehalten bleibt: Ich bin Olympiasieger, ich habe den bedeutendsten Titel im Sport gewonnen.

Es ist ein Gefühl, das sich zwar mit vielen Worten erklären lässt, das aber kein noch so hochtrabend formulierter Satz treffender beschreibt als jenes Bild, wie Gisin während der Siegerehrung tief ergriffen vor lauter Rührung Tränen vergoss. «Es ist verrückt, einfach nur Wahnsinn. Das ist der Tag, auf den du jahrelang hinschaffst», schwärmte sie später, «es ist wie ein Traum, aber viel schöner, weil es die Realität ist. Das hat mir die Energie zurückgegeben, für das alles, wofür ich sie in den letzten Wochen und Jahren gebraucht hatte.»

Karriere 2005 kurz vor dem Aus

Und die hatten Dominique Gisin eine Menge an Energie gekostet. Denn ihre Karriere mit dem Wort «verrückt» zu beschreiben, wie sie das selbst macht, ist eigentlich noch untertrieben. Es ging immer hoch und runter, vorwärts und rückwärts. «Insgesamt irgendwie mehr rückwärts als vorwärts», sagt Gisin. Das ist zumindest das subjektive Empfinden. Immerhin musste sie mehr Rückschläge hinnehmen, als dass sie Siege bejubeln durfte. Und beinahe wäre 2005 schon alles aus gewesen. Gisin, damals 20 und bereits fünfmal wegen gravierender Knieverletzungen im Operationssaal gelegen, gewann im Pitztal als Gaststarterin die österreichischen Juniorenmeisterschaften in der Abfahrt. Und das vor einigen renommierten Athletinnen. «Hätte ich damals nicht gewonnen, wäre meine Karriere wohl zu Ende gewesen», sagt sie heute. Doch sie gewann, gehörte danach erstmals einem der Swiss-Ski-Kader an und bestritt ein paar Monate später in Lake Louise ihr erstes Weltcup-Rennen.

Sie gewann, weil sie nicht nur verdammt gut Ski fährt, sondern auch dem Druck schon immer gut standhalten konnte. Und so nahm ihre Karriere nun richtig Fahrt auf. Gisin wurde zwar in grausamer Regelmässigkeit durch gravierende Knieverletzungen (siehe Seite 30) ausgebremst und zurückgeworfen. Doch das warf sie nie aus der Bahn. Stattdessen bewies sie in der Krise eine weitere grosse Stärke ihrer Person. Ihr Motto: Situationen, die sie ohnehin nicht beeinflussen oder nicht mehr ändern kann, schnell abhaken. Kostet nur unnötig Energie.

Und so fing sie auf beeindruckende Weise jedes Mal aufs Neue wieder von vorne an. Mit einer Zielstrebigkeit, die nur bei wenigen derart ausgeprägt ist. Immer angetrieben von dem Gefühl, dass sie sich vor ihrer jüngsten Verletzung noch nicht am Leistungslimit befunden hatte. Dass sie, um es in ihren Worten zu formulieren, «noch nicht an allen Schrauben gedreht» hatte.

Ob beim Material, bei ihren technischen Fähigkeiten oder bei der Ernährung, um nur mal drei Beispiele zu nennen – Gisin strebte in allen Bereichen nach Perfektion. Und das nicht mit der Verkrampfung, mit der viele gefallene Stars ihre Rückkehr nach ganz oben erzwingen wollen. Nein, es konnte kommen, was wollte – Dominique Gisin war vielleicht mal kurz down. Doch sie bewahrte sich immer ihre Fröhlichkeit und ihre von Grund auf positive Einstellung zu sich und ihrer Umwelt.

Sie gewann in der Abfahrt zwei und im Super-G ein Weltcup-Rennen, holte sieben Podestplätze. Sie entwickelte sich von der Speedspezialistin zu einer Fahrerin, die im Riesenslalom in die erweiterte Weltspitze vorstiess. Alles lief nach Plan, weitere Erfolge schienen nur eine Frage der Zeit. Doch dann kam jener verhängnisvolle Tag im Januar 2012.

Es war das Training von Cortina d’Ampezzo. Und Gisin bekam ausgerechnet in dem Moment einen Schlag aufs Knie, als sich ihr Unterkörper ohnehin in einer extremen Lage befand und die Kräfte besonders hoch waren. Die Verletzung, ein Meniskus- und Knorpelschaden im linken Knie, war für sie zwar nichts Neues. Doch die Umstände machten es ihr fortan sehr schwer. «Ich musste die Saison abbrechen, ohne dass ich damals gestürzt bin. Nach diesem Vorfall hatte ich grosse Mühe, in den Rennen alles zu geben», sagt sie. Mal habe sie hier die extreme Ideallinie um einen halben Meter verlassen, mal dort, mal habe sie vor einem Sprung ein bisschen früher aufgemacht. So kam sie zwar immer unverletzt ins Ziel. «Aber so gewinnt man kein Rennen», sagt sie.

Doch dann kamen die Spiele von Sotschi, und Dominique Gisin musste im Training erst einmal eine teaminterne Qualifikation bestreiten. Die entscheidende Aktion in Richtung Olympiasieg. Denn so musste sie alles in die Waagschale werfen und ihre Komfortzone, in der sie sich als für den Weltcup gesetzte Athletin viel zu lange befand, verlassen.

Und als das dann auch noch aufging und Gisin schnell und unverletzt das Ziel erreichte, war das letzte noch fehlende Quäntchen Selbstvertrauen zurück. «Ich habe mich nicht mehr wie eine Athletin gefühlt», sagt sie, «aber jetzt fühle ich mich wieder wie eine. Das ist der schönste Sieg.» Weil er ihr zeigt, dass für sie noch einiges drinliegt.