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SKI ALPIN: Auf Besuch in der Slalom-WG

Wendy Holdener und Michelle Gisin wollen in der zweiten WM-Woche für Furore sorgen. Wir haben die beiden 21-Jährigen aus der Zentralschweiz in ihrem Trainingslager in Aspen besucht auf und neben der Piste.
Erst die Arbeit, dann der Genuss: Michelle Gisin (links), Physiotherapeutin Miryam Leyrer (Mitte) und Wendy Holdener beim Mittagessen, das sie selbst gekocht haben. (Bild: Stefan Klinger)

Erst die Arbeit, dann der Genuss: Michelle Gisin (links), Physiotherapeutin Miryam Leyrer (Mitte) und Wendy Holdener beim Mittagessen, das sie selbst gekocht haben. (Bild: Stefan Klinger)

Stefan Klinger (Text und Bilder), Aspen

Michelle Gisin ballt ihre Hände zu Fäusten und hämmert sie gegen ihre Brust. Eben noch hat sie locker und entspannt mit ihrem Coach über Karla Kolumna und Benjamin Blümchen gewitzelt nun gilt es für sie ernst. Die witzige Diskussion übers Mittagessen, die Gruppentrainer Alois Prenn eben noch ausgelöst hatte, als er über den Streckenfunk fragte, wie viel Eier er und seine Mitbewohner eigentlich noch im Kühlschrank haben, verstummt schlagartig. Volle Konzentration. Noch einmal atmet Gisin tief durch und fokussiert sich auf die vor ihr aufgebauten Slalomstangen. Dann beugt sie sich nach vorne und katapultiert sich zwischen den beiden als provisorischen Start aufgestellten und mit einer Zeitnahme versehenen Plastikstangen den Hang hinunter.

Willkommen im Skigebiet von Aspen (US-Bundesstaat Colorado). Willkommen im WM-Trainingslager der Schweizer Technikspezialistinnen Wendy Holdener (21/Unteriberg) und Michelle Gisin (21/Engelberg). Hier am Hang «Aspen Highlands», gut zwei Stunden vom WM-Ort Beaver Creek entfernt gelegen, bereiten sich die beiden jungen Zentralschweizerinnen auf die Titelkämpfe vor, bei denen sie in der kommenden Woche für Furore sorgen wollen. Es ist ein Ort, an dem sie die perfekten Trainingsbedingungen vorfinden. Eine bestens präparierte breite Piste, die sie sich lediglich mit ein paar norwegischen und österreichischen Athleten teilen müssen. Und vor allem: Sie sind fernab des ganzen Trubels am WM-Ort. «So eine Vorbereitung wie hier ist sensationell», schwärmt Gisin, «hier haben wir unsere Ruhe und können uns auf uns konzentrieren.»

Wie wertvoll so eine Ruhe vor dem Sturm sein kann, haben die beiden vor ziemlich genau einem Jahr erfahren müssen. Denn da wurden sie nach ihrer Ankunft in Sotschi von all den überwältigenden Eindrücken, die auf die Sportlerinnen bei der ersten Teilnahme an Olympischen Spielen einprasseln, fast erschlagen. Die Folge: Sie konnten beim Saisonhöhepunkt nicht ihre beste Saisonleistung abrufen.

Doch diesmal ist alles anders. Diesmal bereiten sie sich nicht auf den offiziellen Trainingspisten in Vail, dem Nachbarort von Beaver Creek vor, sondern eine Woche in der Abgeschiedenheit von Aspen. Dort, wo sie kaum auf andere Athleten treffen und sie nichts ausser den Live-Übertragungen von den Rennen im Fernsehen an die für sie unmittelbar bevorstehende WM erinnert.

Holdener gelassener als vor Sotschi

Und das ist nicht die einzige Lehre, die sie und ihre Trainer aus den Erfahrungen der Vergangenheit gezogen haben. «Ich habe aus den letzten drei Grossanlässen gelernt», sagt Holdener und blickt auf zwei WM- sowie eine Olympiateilnahme zurück, «ich habe dort immer zu viel gewollt und mir damit das Leben selbst schwer gemacht.» Zwar ist es freilich nicht ganz einfach, gegen sein Naturell anzukommen, den eigenen Ehrgeiz im Griff zu haben doch wie sich Holdener und Gisin dieser Tage in Aspen geben, wie konzentriert und konsequent sie ihre Trainingsläufe absolvieren und zugleich zwischen den Läufen locker sind, das zeigt: Sie scheinen diesmal die richtige Balance aus konzentrierter Vorbereitung, Fokussierung auf ein Ziel sowie einer gewissen inneren Ruhe und Gelassenheit zu haben. «Ich fühle mich gut und locker», sagt Holdener, «es ist cool, dass wir alleine hier sind, das hilft.»

Was das Ganze erst recht sensationell um es mit den Worten von Gisin zu formulieren – macht: Um das Wohl der beiden Athletinnen kümmern sich gleich sechs Personen. Die Trainer Alois Prenn und Werner Zurbuchen, Konditionstrainer Andreas Durtschi sowie Physiotherapeutin und «Mädchen für alles» Miryam Leyrer. Hinzu kommen die Servicemänner Silvio Hafele, der nur für Wendy Holdeners Ski zuständig ist, und Christian Gamper, der sich um Michelle Gisin kümmert. «Unsere kleine Gruppe hier ist ein super Team», sagt Gisin, «es herrscht eine super Stimmung.»

Inzwischen ist es kurz nach 12 Uhr. Vier Slalom- und drei Parallelslalomläufe haben Holdener und Gisin an diesem Morgen absolviert. In knapp drei Stunden geht es weiter mit dem Kraft- und Konditionstraining. Noch einmal über eine Stunde werden die beiden dann schuften und schwitzen. Es ist nochmals ein richtig intensiver Trainingstag, bevor sie einen Tag frei haben werden. Einen Tag, an dem sie sich dann mal nicht sportlich betätigen, sondern mit einem Spaziergang durchs Städtchen oder entlang des idyllischen, naturbelassenen Baches den Kopf vom Skirennsport lüften werden.

Doch jetzt steht erst einmal eine ganz andere Aufgabe an. Denn zum speziellen Flair dieses Trainingslagers gehört es, dass die Gruppe um die beiden Innerschweizer Athletinnen nicht im Hotel wohnt sondern Appartments angemietet hat. Selbstverpflegung statt Vollpension. Und so müssen Holdener und Gisin, die zusammen mit ihrer Physiotherapeutin in einer Wohnung untergebracht sind, alles rund ums Essen eigenständig erledigen. Vom Einkaufen übers Kochen bis hin zum Abwasch. Klingt mühsam, ist für die beiden aber eine herrliche Abwechslung zum ständigen Hotelleben im restlichen Jahr des Sportleralltags. «So eine Wohnung ist gemütlicher als ein Hotelzimmer. Sie ist grösser, und du kannst dich mehr einrichten», sagt Gisin, «und du kannst auch mal in Skiunterwäsche essen und musst dich nicht jedes Mal umziehen.»

Seit langem schon Weggefährten

Ähnlich flink und elegant, wie sie sich zwischen den Slalomstangen bewegen, gehen sie nun auch mit Herd, Pfanne und Kochlöffel um. Dabei ist es nicht die Aussicht auf Erfolg, der sie antreibt sondern schlichtweg der Hunger nach einem intensiven Trainingsvormittag. Während Holdener Spaghetti zubereitet und Gisin die vegetarischen Quinoa-Tätschli anbrät, beginnen die beiden, die bei Weltcuprennen oder Trainingslagern stets zusammen im Zimmer sind, ihre spezielle Beziehung zu charakterisieren.

Sie erzählen, dass sie sich auch im Sommer mal zu Biketouren mit anschliessender Einkehr treffen, aber jede auch noch ihren eigenen Freundeskreis hat und sie nicht alles zusammen machen. Dass ihnen trotz der vielen gemeinsamen Zeit auf engstem Raum selbst in Trainingslagern wie jenem in Aspen noch genug Abstand von der anderen und Freiraum für sich selbst bleibt. Und dass sie beim Fernsehprogramm auf einer Wellenlänge liegen. Michelle Gisin: «Wir lieben ‹Big Bang Theory›. Sheldon ist unser Held.»

Es ist ziemlich genau zwölf Jahre her, da kreuzten sich die Wege der beiden erstmals. Es war das Jahr 2003, als sie beim Final des Grand-Prix-Migros in Les Crosets gemeinsam auf dem Podest standen und anschliessend auf der Abfahrt ins Tal lange miteinander quasselten. So zumindest hat es Michelle Gisin in Erinnerung. Es begann ein Aufstieg in Richtung Weltelite, bei dem sie die meiste Zeit über Weggefährten waren. Im nationalen Leistungszentrum in Engelberg fuhren sie im gleichen Team, danach auch im C-Kader. 2010 trennen sich jedoch vorübergehend ihre Wege. Während sich Gisin erst mit verschiedenen kleineren Verletzungen rumschlagen musste und im März 2011 gar einen Kreuzbandriss erlitt, startete Holdener durch. Sie bestritt ihre ersten Weltcuprennen und fasste dort gleich Fuss.

Für Gisin, die verletzt im Fernsehen mit ansehen musste, was ohne Verletzung möglich gewesen wäre, eine doppelt bittere Zeit? Ganz im Gegenteil. «Für mich war Wendys Aufstieg in den Weltcup eher Motivation», sagt sie, «es hat mir gezeigt, was möglich ist. Daher habe ich dann noch mehr drangesetzt, dort auch hinzukommen.»

Holdener startet in 3 Wettkämpfen

Inzwischen ist sie dort angekommen, inzwischen sind sie die beiden besten Slalomfahrerinnen der Schweiz und aus dem Weltcup nicht mehr wegzudenken. Inzwischen fahren sie gar auf so einem Niveau, dass sie ein fester Bestandteil des Schweizer WM-Teams sind. Und nicht nur das: Gerade Holdener, die im Slalom in diesem Winter ihren zweiten Podestplatz holte und den dritten nur um vier Hundertstel verpasste, zählt zu den wenigen Medaillenkandidatinnen.

Heute beenden Wendy Holdener und Michelle Gisin ihr Trainingslager in Aspen und ziehen in den WM-Ort um. Dort treten sie im Team-Event (Dienstag während Holdener gesetzt ist, muss sich Gisin den Startplatz erst noch in einer teaminternen Qualifikation erkämpfen), Riesenslalom (Donnerstag) und Slalom (Samstag) an. Dann werden sie sich wieder auf die vor ihnen aufgebauten Tore fokussieren und sich aus dem Starthaus katapultieren – und versuchen, den grössten Erfolg ihrer noch jungen Karriere einzufahren.

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