SKI ALPIN: Das Knie diktiert den Feuz-Fahrplan

Nach einem Jahr Pause kehrt Beat Feuz (26) an die Stelle seines grössten Erfolges zurück. In welchen Rennen er dabei in Wengen antritt, ist ungewiss. Doch genau das ist auch ein gutes Zeichen.

Stefan Klinger, Wengen
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Beat Feuz: Einmal sind die Schmerzen im linken Knie extrem stark, einmal sind sie gering, hier beim Rennen in Gröden. (Bild: Keystone)

Beat Feuz: Einmal sind die Schmerzen im linken Knie extrem stark, einmal sind sie gering, hier beim Rennen in Gröden. (Bild: Keystone)

Im Fall von Beat Feuz ist es weit mehr als nur eine von Athleten gern zitierte Phrase: «Ich schaue von Tag zu Tag, von Rennen zu Rennen.» Es ist ein Satz, den Profisportler gerade in den Wochen vor Grossereignissen, in der entscheidenden Phase der Meisterschaft, immer wieder gerne ins Feld führen, um den Erwartungsdruck zu dämpfen, um die aufkommende Euphorie zu bremsen. Als Beat Feuz jedoch kürzlich diesen Satz sagte, steckte dahinter kein Taktieren – sondern eine bittere Botschaft.

Der 26-Jährige aus dem Emmental kann beim besten Willen nicht vorausschauen und sich bestimmte Platzierungen als Ziele für die demnächst anstehenden Rennen setzen – weil er schlichtweg nicht weiss, bei welchen Rennen er überhaupt starten kann. Denn dieser Tage bestimmt nicht der Sportler selbst seinen Einsatzplan, sondern sein linkes Knie. Mal sind die Schmerzen so gering, dass er sie kaum wahrnimmt, dass er ein paar Tage am Stück im erhofften Umfang trainieren kann. Dann aber sind die Schmerzen im Knie wieder so stark, dass sie bis in den Nacken ausstrahlen, seinen ganzen Körper blockieren und er wie Anfang Januar einen geplanten Trainingsblock in Hinterreit (Ö) schon nach nur drei Läufen abbrechen musste. Es sei freilich nicht optimal, unter welchen Rahmenbedingungen er zurzeit aktiv ist, sagt Feuz, aber «ich muss zufrieden sein, bei dieser Vorgeschichte».

Entzündung nach Fischöl-Therapie

Immerhin ist es alles andere als selbstverständlich, dass Feuz im Januar 2014 überhaupt noch im Weltcup antreten kann. Ja sogar, dass er überhaupt auf Ski stehen kann. Denn noch vor 13 Monaten stand es alles andere als gut um ihn. Nach einem Knorpel- und neuerlichen Meniskusschaden im linken Knie, in dem er schon früher einen Kreuzbandriss und eine Meniskusverletzung hatte, musste sich Feuz einmal mehr operieren lassen und unterzog sich einer Therapie, bei der Fischöl injiziert wurde. In der Folge kam es zu einer bakteriellen Entzündung im Knie, die die Ärzte einfach nicht in den Griff bekamen. «Kurzzeitig standen eine Versteifung des Knies und sogar eine Amputation im Raum», sagt Feuz.

Dieser fatale Schritt blieb ihm letztlich glücklicherweise erspart. Stattdessen absolvierte Feuz eine Reha, an deren Ende er sogar im vergangenen August wieder mit dem Skitraining anfangen konnte. Seither kämpft sich der fünfmalige Weltcup-Sieger wieder nach oben. Zwar hoch motiviert und mit dem unbändigen Willen, eines Tages wieder eine komplette Skisaison zu bestreiten und in jedem Rennen um die Podestplätze mitzufahren. Aber auch mit der nötigen Geduld und der Weitsicht, die es in solchen Situationen braucht – und die eine von falschem Ehrgeiz angetriebene Lindsey Vonn leider nicht hatte.

So hinterfragt Feuz jeden Tag seinen Trainings- oder Wettkampfplan und passt ihn je nach der Befindlichkeit mit seinem Knie entsprechend an. Lässt er mal ein Speedrennen, wie die Abfahrt von Bormio Ende Dezember, aus, nervt in das zwar, doch er weiss: Manchmal muss das eben sein. «Nach den Rennen in Gröden habe ich damals einfach eine Pause gebraucht», blickt Feuz zurück. Und was sind schon ein, zwei verpasste Weltcup-Rennen, wenn er dafür noch jahrelang weiterfahren kann, statt den Start zu erzwingen und einen weiteren Rückschlag und damit sogar das Ende seiner Karriere zu riskieren?

Die Abfahrt hat in Wengen Priorität

Und so weiss er auch noch nicht, ob er nun alle Rennen bis Olympia bestreitet oder am letzten Wochenende vor den Spielen in Sotschi die Abfahrt von Garmisch auslässt und sich lieber noch einmal eine Pause gönnt. Und vor allem: Ob er am Freitag in Wengen zur Super-Kombination, in der er 2012 immerhin Zweiter wurde, antritt, oder sich nur auf die Abfahrt konzentriert. «Ich werde mich kurzfristig entscheiden, je nachdem wie sich mein Knie verhält», sagt Feuz, «die Abfahrt hat klar Priorität.»

Denn da rechnet sich der Lauberhorn-Sieger von 2012 schon wieder einiges aus. Rang sechs in der Abfahrt von Beaver Creek Anfang Dezember hat gezeigt, dass er schon wieder vorne reinfahren kann. Allerdings, so mahnt Feuz, sei das nur immer mal wieder in einzelnen Rennen möglich, da er nicht viel zwischen den Rennen trainiere. Bis er Woche für Woche wieder zu den Favoriten zählt, ist es noch ein weiter Weg.

Ein Weg, auf dem ihn Sepp Brunner begleitet. Ihn hat Swiss-Ski seit April als Individualtrainer für Feuz abgestellt. Ein Mann, der einst Sonja Nef aus einer vergleichbaren Situation an die Weltspitze führte. «Sie war damals ebenfalls ziemlich am Ende, es funktionierte nichts mehr. Das Knie war in einem ähnlichen Zustand», sagte Feuz gegenüber der «Berner Zeitung», «Sonjas Fall zeigt, dass die Rückkehr gelingen kann.»

Erst recht, weil Beat Feuz sein Comeback mit der nötigen Weitsicht angeht – und sich auch selbst am Lauberhorn nicht von den Emotionen verleiten lässt, koste es was es wolle, in Abfahrt und Super-Kombination anzutreten.