SKI ALPIN: Der Titelhamster hat noch nicht genug

Aksel Lund Svindal dominiert die Speed- Disziplinen in der laufenden Saison. Im Interview spricht der 33-jährige Norweger über die Lauberhorn­- abfahrt, Freeride-Pläne mit seinem Vater und die Nervosität von Didier Cuche.

Interview Claudio Zanini
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Bereitet sich in Hasliberg auf die Rennen in der Schweiz vor: der norwegische Olympiasieger Aksel Lund Svindal. (Bild Nadia Schärli)

Bereitet sich in Hasliberg auf die Rennen in der Schweiz vor: der norwegische Olympiasieger Aksel Lund Svindal. (Bild Nadia Schärli)

Aksel Lund Svindal, das norwegische Team ist für zwei Wochen in Hasliberg stationiert. Gefällt es Ihnen hier?

Aksel Lund Svindal: Sehr gut sogar. Ich glaube, das ist eine Gegend, die sich mit viel Tiefschnee in der Natur zum Free­riden eignet.

Gehen Sie oft freeriden?

Svindal: Jeweils nach der Saison gehe ich mindestens eine Woche. In diesem Jahr wahrscheinlich nach Kanada, im vergangenen Jahr war ich in Alaska. Geplant ist auch eine spezielle Tour mit meinem Vater. Er ist bereits 65 Jahre alt, fährt aber noch gut Ski. Daher muss ich ihn mitnehmen, bevor er zu alt ist (lacht).

Sie sind mittlerweile 33 Jahre alt. Haben Sie nach Ihrem Achillessehnenriss und der verpassten letzten Saison nie überlegt, ob Sie sich die Strapazen überhaupt noch antun wollen?

Svindal: Nein, solche Gedanken gab es nicht. Der Skisport macht mir immer noch enorm Spass. Hinzu kommt, dass ich diesen Spass mit guten Freunden teilen kann. Damit meine ich nicht nur meine Teamkollegen, sondern auch Trainer und Servicemänner. Keine Ahnung, wie lange ich noch fahren werde. Ein Zeitplan wäre nicht ideal. Einfach zu fahren, solange es Spass macht, ist besser. Aber natürlich war die Verletzungspause eine Herausforderung für mich.

Empfinden Sie es nicht als mühsam, ununterbrochen umherzureisen?

Svindal: Darum ist es gut, dass wir nun hier im Hasliberg sind. Die Rennen in Adelboden und Wengen sind unweit entfernt. Das bedeutet, dass wir nicht viel Auto fahren müssen. Danach geht es Schlag auf Schlag weiter mit den Rennen in Kitzbühel, Garmisch und schliesslich Südkorea. Das wird anstrengend.

Worauf verzichten Sie ungern, wenn Sie auf Reisen sind?

Svindal: Ich bin ein unkomplizierter Mensch. Ich brauche ein gutes Bett und ein sauberes Badezimmer. Ansonsten habe ich immer etwas zum Lesen dabei. Und natürlich Smartphone und Laptop, um zu schauen, was auf der Welt los ist. Wenn man sich nur noch auf den Rennbetrieb konzentriert, dann wird die Welt plötzlich sehr klein.

Welche Bücher haben Sie zuletzt gelesen?

Svindal: Viele langweilige Bücher! (lacht) Vor allem Sachbücher aus den Bereichen Ökonomie, Jura oder Medizin. Ich muss ja eine Idee bekommen, was ich nach meiner Karriere machen könnte. Anderseits lese ich gerne Biografien über inspirierende Persönlichkeiten wie Steve Jobs, Zlatan Ibrahimovic, Warren Buffet oder Keith Richards.

Welchen Stellenwert messen Sie den Rennen in Adelboden und Wengen bei?

Svindal: Es sind zwei der grössten Rennen im Weltcup. An beiden Orten herrscht jeweils eine spezielle Stimmung. Ohne die Rennen in der Schweiz, aber auch ohne diejenigen in Österreich, wäre unser Sport nicht der vielleicht grösste Wintersport der Welt. Wengen und Kitzbühel sind sehr kräfteraubend. Dennoch versuche ich, diese Rennen zu geniessen. Insbesondere Wengen, mit der ganzen Geschichte und dieser faszinierenden Natur.

Aber Sie haben nicht nur gute Erinnerungen an Wengen. Zumindest konnten Sie die Lauberhornabfahrt nie gewinnen.

Svindal: Gewonnen habe ich zwar noch nie, aber ich war einige Male nahe dran. Das ist eine Abfahrt für klassische Abfahrer. Denn sie ist nicht sehr kurvenreich. Ich kam ursprünglich vom Riesenslalom und war deswegen in meinen jungen Jahren nie schnell am Lauberhorn. Es hat lange gedauert, bis ich solche Strecken in den Griff bekam. Bei meinem letzten Einsatz 2014 wurde ich Dritter. Leider wurde der Start nach unten versetzt – ich hingegen war vor allem im oberen Teil schnell. Das Jahr davor stürzte ich mit der aktuellen Bestzeit. Natürlich wäre es cool, in Wengen einmal gewinnen zu können. Aber ich bin keiner, der sagt, ich muss unbedingt in Wengen siegen. Abgesehen davon braucht es auch Glück dafür. Oder zumindest kein Pech.

Sie stehen in Ihrer 15. Weltcup-Saison, sind Olympiasieger und fünffacher Weltmeister. Verspüren Sie eigentlich noch Nervosität am Start?

Svindal: Viele Athleten sagen meistens, sie seien nicht nervös und würden vor allem Vollgas geben wollen. Ich behaupte, in 70 Prozent der Fälle entspricht dies nicht der Wahrheit. Wenn jemand beim Hahnenkammrennen am Start steht und sagt, er sei überhaupt nicht nervös, kann ich das einfach nicht glauben. Sogar Didier Cuche war einer, der so richtig nervös war in Kitzbühel, weil er genau wusste, wie viel Gas er geben musste, um das Rennen gewinnen zu können. Die Besten sind deswegen meist nervös am Start. Ich persönlich achte vor allem darauf, die richtige Spannung zu finden. Bin ich zu angespannt, konzentriere ich mich mehr auf die Strecke und gehe etwa die Kurven nochmals durch. Wenn ich zu wenig angespannt bin, kümmere ich mich aktiver um den Rennverlauf und das Klassement.

In dieser Saison haben Sie von bisher sieben Speed-Rennen deren fünf gewonnen, obwohl Sie eine lange Verletzungspause hinter sich haben. Was ging Ihnen nach dem ­ersten Sieg in Lake ­Louise durch den Kopf?

Svindal: Ich war logischerweise froh, dass es im ersten Anlauf sogleich geklappt hat. Aber Kjetil Jansrud und ich waren in Lake Louise bereits im Training schnell unterwegs. Für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder ein Rennen gewinne.

Aber Sie gewinnen nicht nur ein Rennen, sondern quasi alle.

Svindal: Ich habe auch gut trainiert. Und im Sport hat nun mal derjenige die grössten Siegchancen, der sich am besten vorbereitet. Und unser Training in Südamerika war von hoher Qualität. Die meisten Teams gehen vielleicht zwei oder drei Wochen ins Übersee-Training, wir hingegen fünf. Direkt vor der Saison und an den Rennen in Lake Louise sind wir sehr viel Ski gefahren in den USA. Aber eben, es braucht nebst dem Training auch den Mut, so viel Gas zu geben, wie für einen Sieg nötig ist.

Mit Reto Nydegger haben Sie seit kurzem einen Schweizer als Trainer. Wie erleben Sie die Arbeit mit ihm?

Svindal: Reto ist ein ruhiger Typ und arbeitet sehr professionell. Er bringt genau die Eigenschaften mit, die wir als Team suchen. Wir wollen möglichst wenig Wirbel, damit wir viel und auf hohem Niveau Ski fahren können.

Norwegen hat traditionell hervorragende Langläufer und Skispringer. Hat das Interesse am alpinen Skisport mit den Leistungen von Kjetil Jansrud und Ihnen zugenommen?

Svindal: Vielleicht sind wir mittlerweile die Nummer 2, aber Langlauf ist nach wie vor am beliebtesten. Das liegt daran, dass Langlauf bei uns ein echter Volkssport ist und viel besser vereinbar mit Studium oder Arbeit. Als Skifahrer kannst du dir während der Saison keine Pausen gönnen, sonst verlierst du sofort FIS-Punkte. Dennoch herrscht in Norwegen jeweils grosse Freude, wenn wir gewinnen. Neulich nach unserem Dreifach-Sieg im Super-G von Gröden übertrug der grösste norwegische Fernsehsender tags darauf die Abfahrt auf NRK 1, während Langlauf auf NRK 2 lief. Das ist sicher ein gutes Zeichen.

Wird der Skisport in Norwegen jemals so beliebt werden wie Langlauf?

Svindal: Nein, aber darauf sind wir auch nicht angewiesen. Die Mitte der Skiwelt ist nun mal in den Alpen. Deshalb muss dort das Interesse an uns gross sein. Schauen Sie: Ich habe keinen einzigen Sponsor aus Norwegen, ausser unserem Teamsponsor. Und meine Ausrüster müssen Skiverkäufe im Alpenraum und in Amerika generieren, nicht in Norwegen. Deshalb macht es keinen Sinn, gegen den Stellenwert von Langlauf in Norwegen anzukämpfen.

Sie gestatten erstaunlich viel Zeit für Interview und Fotoshooting, obschon Sie erkältet sind. Gibt es auch einen weniger entspannten Aksel Svindal?

Svindal: Ich bin mit den Jahren tatsächlich relaxter geworden. Man merkt wohl erst mit der Zeit, wie cool das eigentlich ist, was man tagtäglich machen darf. Ich geniesse auch alles, was rundherum stattfindet. Ich meine damit nicht, ins Ziel zu fahren und von 20 000 Zuschauern bejubelt zu werden, sondern etwa die Trainings zwischen den Saisons. Da kommen wir viel zum Fahren und müssen wenig Zeit für Medienarbeit oder Dopingkontrollen aufwenden. Das macht mir fast mehr Spass als der Winter ... (überlegt), oder sagen wir, der Sommer macht mindestens so viel Spass wie der Winter.