SKI ALPIN: Die Krücken sind weggestellt

Vitus Lüönd (28)kämpft nach einem Knorpelschaden im Knie um die Rückkehr in den Weltcup. Doch nicht nur wegen seiner Gesundheit ist es für ihn eine wegweisende Zeit.

Stefan Klinger
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Vitus Lüönd hat in den letzten drei Wochen 700 Kilometer auf dem Velo hinter sich gebracht. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Vitus Lüönd hat in den letzten drei Wochen 700 Kilometer auf dem Velo hinter sich gebracht. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Es ist ein trüber Vormittag, als Vitus Lüönd bei seiner Trainingsfahrt rund um den Zugersee in die Pedale tritt. Mit etwa 25 km/h rollt der Schwyzer Skirennfahrer auf seinem Rennvelo am Seeufer entlang. Kilometer für Kilometer. Tritt für Tritt. Monotoner geht es kaum – bis ihn plötzlich eine Gruppe ehrgeiziger Hobbyradsportler überholt. Wie beim Mannschaftszeitfahren der Radprofis wechseln die sich in der Führungsarbeit ab, bieten sich gegenseitig Windschatten und rauschen im Nu an Lüönd vorbei. «Da jetzt dranhängen und in diesem Tempo mitfahren – das wärs», sagt Lüönd sehnsüchtig.

Diesmal bleibt er aber ruhig und zieht konsequent sein eigenes Tempo durch. Vor ein paar Tagen war das noch anders. Denn da war die Versuchung, der Reiz eines kleinen Wettkampfes einfach zu gross. Und so wollte der 28-Jährige einen schnellen Hobbyradler, der ihn soeben überholt hatte, einfach nicht davonziehen lassen. Ein paar Kilometer ging Lüönd das Tempo mit, ein paar Kilometer ging alles gut. Doch dann musste er dafür büssen. Schon bald war Lüönd «völlig blau», wie der Sportprofi sagt. Völlig ausgepumpt.

Noch kein richtiges Training

Wie soll es derzeit auch anders sein. Wo soll eine ausgeprägte Kondition auch herkommen. Erst vor drei Wochen konnte Lüönd, der an der WM im Februar einen Knorpelschaden im rechten Knie erlitt und operiert werden musste, seine Krücken wegstellen. Nach fast zwei Monaten, in denen er in seinem Alltag massiv eingeschränkt war, konnte er da die Gehhilfen endlich ablegen und sich seither wieder einigermassen normal bewegen. Zumindest im Alltagsleben. Denn davon, ein richtiges Training zu absolvieren, ist er noch ein ganzes Stück entfernt. Dreimal pro Woche absolviert er eine Physiotherapie, einmal wöchentlich eine Therapie im brusthohen Wasser. Hinzu kommt immer mal wieder ein stark vermindertes Krafttraining. Das wars. Und eben die Trainingsfahrten auf dem Rennvelo – die einzige Möglichkeit, das lädierte Knie viel zu bewegen, damit den Knorpelwachstum anzuregen und es aber nicht gleich zu überfordern. Schon mehr als 700 Kilometer hat Lüönd in den vergangenen drei Wochen auf seinem Zweirad zurückgelegt. Teils begleitet von seiner Freundin, teils an der Seite seines Teamkollegen Patrick Küng. Aber vor allem alleine. Monotone, mühsame Tage sind das dann. «Wenn ich ganz alleine auf dem Rennvelo unterwegs bin, hält sich der Spass schon ziemlich in Grenzen», sagt Lüönd, «aber das muss jetzt eben sein.»

Und obwohl sein Körper derzeit nicht so kann, wie er es am liebsten hätte, blickt Lüönd positiv drein. Denn der Heilungsverlauf seines Knies ist bislang nahezu perfekt. «Wenn ich zu lange gestanden war, hatte ich zuletzt ein bisschen Knieprobleme, aber nach den Belastungen in den Therapien oder dem Velotraining spüre ich nichts», sagt er, «wenn es so weitergeht, kann ich wohl schon Ende Juli wieder Ski fahren.»

Patrick Küng fährt Lüönds Ski ein

Sollte sein Knie dabei tatsächlich mitspielen, so würde Vitus Lüönd verhältnismässig noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen. Denn bis auf ein paar Testtage hätte er dann so gut wie keine Skitage verpasst. Und auch die fehlenden Testtage, bei denen die Skiprofis im Frühjahr die Ski für die kommende Saison einfahren, weil neu gebaute Rennski erst nach einigen Fahrten richtig schnell sind, wären für Lüönd kein allzu grosser Nachteil. «Patrick Küng ist schon ein paar Mal auf meinen Ski gestanden und hat sie für mich eingefahren», freut sich Lüönd.

Und das war für den Schwyzer nicht die einzige gute Nachricht in den letzten Tagen. Denn die Zeit des Zweifels, der unklaren Zukunft ist vorbei. Die Trainer haben entschieden: Vitus Lüönd gehört in der kommenden Saison dem B-Kader an. Für den 28-Jährigen, der die Selektionskriterien wegen eines einzigen Zählers nicht erfüllt hatte, ist das eine riesige Erleichterung. «Bis zu meiner Verletzung hatte ich die Kriterien für das B-Kader klar erfüllt, dann sind aber bis zum Saisonende in der Rangliste noch einige an mir vorbeigezogen», erklärt Lüönd, «daher freue ich mich, dass man die Verletzung entsprechend berücksichtigt hat und ich im B-Kader bin.» Denn ohne eine Kaderzugehörigkeit, da ist er sich sicher, wäre seine Karriere nun zu Ende gewesen. «Wenn du nicht im Kader und dann auch nicht in der Weltcup-Gruppe bist, musst du komplett selbstständig trainieren. Beim Konditionstraining ist das zwar nicht so schlimm, aber ein Skitraining alleine geht eigentlich nicht», verdeutlicht er, «du kannst dich zwar irgendwelchen internationalen Teams anschliessen, aber das ist dann richtig teuer.»

Lüönd verliert seinen Kopfsponsor

Kosten, die Lüönd wohl kaum hätte bezahlen können. Erst recht, weil sich sein Kopfsponsor Emmentaler komplett aus dem Skisport zurückgezogen hat. Und einen neuen Kopfsponsor, die wichtigste Einnahmequelle für ihn, hat er noch nicht. Doch zumindest die Sorge, wie und mit wem er nach seiner Rückkehr auf die Ski trainiert, ist Lüönd erst einmal los. Auch wenn es für ihn mit Swiss-Ski trotzdem noch Redebedarf gibt. Denn statt des üblichen Jahresbeitrags von 3000 Franken, die alle Athleten für sämtliche Reisen rund um die Wettkämpfe und die Trainingslager bezahlen müssen, verlangt der Verband von ihm 6000 Franken, weil er den Kaderstatus nur durch den Trainerentscheid bekommen hat. Die Verhandlungen laufen, der Ausgang ist offen.

Ganz sicher ist dagegen, dass Vitus Lüönd am Samstag mit dem Schweizer Team für acht Tage nach Mallorca fliegt. Ein wenig Krafttraining und vor allem 100 Kilometer Velotraining stehen jeden Tag auf seinem Programm. Damit er künftig bei seinen Velotouren wieder mit ambitionierten Hobbyradlern mithält – und vor allem ab Ende Juli auf der Skipiste mit den Besten der Welt.