SKI ALPIN: Die Schattenmänner treten ans Licht

Seit je waren die Slalomfahrer die Stief­kinder von Swiss-Ski. Sukzessive ­entwickelt sich nun die Sorgen- zur Paradedisziplin.

Richard Hegglin
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Erreichten zusammen drei Top-Ten-Plätze: die beiden Schweizer Slalomspezialisten Daniel Yule (links) und Luca Aerni. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Erreichten zusammen drei Top-Ten-Plätze: die beiden Schweizer Slalomspezialisten Daniel Yule (links) und Luca Aerni. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Die Statistik zeigt ein unmissverständliches Bild. 116 Mal stellten die Schweizer Abfahrer einen Weltcupsieger. Die Slalomfahrer dagegen weisen nur mickrige 15 Erfolge aus. Und der erfolgreichste Slalomfahrer bleibt weiterhin Dumeng Giovanoli, der in den Pionierzeiten des Weltcups zweimal siegte. Auch der letzte Weltcupsieg liegt schon neun Jahre zurück – ein Paradigmenwechsel ist überfällig.

Zwar egalisierten später Pirmin Zurbriggen oder Didier Plaschy die Bestmarke von Giovanoli, aber darüber hin­aus kamen auch sie nicht. Das vermeintliche Zwischenhoch Mitte des letzten Jahrzehnts mit den Siegen von Marc Berthod (in Adelboden mit Nummer 60!) und Marc Gini auf der Reiteralm sowie den Podestplätzen von Silvan Zurbriggen und Daniel Albrecht fiel aus unterschiedlichen Gründen wieder in sich zusammen.

Viele deutlich unter 25-jährig

Inzwischen wird auch im Verband mehr Gewicht auf diese Disziplin gelegt. Das war im letzten Jahrhundert noch anders: Als Michael von Grünigen 1997 in der Sierra Nevada 47 Jahre nach dem WM-Titel von Georges Schneider völlig unerwartet wieder eine WM-Medaille gewann, war die gesamte Swiss-Ski-Leitung schon abgereist zu den Junioren-Weltmeisterschaften auf dem Hochybrig. Von Grünigen, sonst ein eher stiller Zeitgenosse, liess sich zu einer Brandrede hinreissen: «Das zeigt, welchen Stellenwert Swiss-Ski dem Slalom beimisst. Die haben eine Medaille gar nicht verdient.» Dank der Erfolge an Junioren-Weltmeisterschaften wuchs nun ein Slalom-Team zusammen, das höchst erfreuliche Perspektiven aufweist. Ausser Routinier Marc Gini, der nach einer fast vierjährigen Verletzungspause mit umgestellter Technik wieder auf dem Weg nach vorne ist, sind alle andern deutlich unter 25-jährig. Fünf von ihnen, Reto Schmidiger (Hergiswil), Justin Murisier, Ramon Zenhäusern, Luca Aerni und Daniel Yule, errangen Junioren-WM-Medaillen. Die Skiwelt beneidet uns um dieses Team, zumal bis zum letzten Jahr die Hälfte aller Weltcup-Fahrer zum Teil deutlich über 30 Jahre alt war. Die Youngster-Truppe hat auch schon den einen oder andern Pflock eingeschlagen. Mit Daniel Yule (6. und 9.) sowie Luca Aerni (5.) errangen sie schon drei Top-Ten-Plätze. Das gelang in andern Disziplinen nur noch Carlo Janka (2x 5. und 8.), Patrick Küng (9.) sowie Gino Caviezel beim Parallel-Riesenslalom (7.). Schmidiger, Zenhäusern und Bernhard Niederberger (Beckenried) schafften mit höheren Nummern die Qualifikation oder verpassten diese nur um Hundertstelsekun­den. Und mit «Nobody» Marc Rochat (27. mit Nr. 62 in Santa Caterina) trat einer in den Vordergrund, der jahrelang fast nur verletzt war – auch solche Leute erhalten eine Chance.

Slalom-Chef will hungrige Fahrer

Im Slalom-Team herrscht eine Leistungskultur, bei dem keinem etwas geschenkt wird. Der neue Slalom-Chef Matteo Joris, ein Italiener aus Courmayeur, der Steve Locher abgelöst hat, bläut seinen Athleten ein: «Ein 7. oder 11. Rang sind schöne Ergebnisse. Aber in zwei, drei Jahren hat man diese vergessen. Nachhaltig in Erinnerung bleiben nur Podestplätze.» Joris will «Athleten, die hungrig sind». Er nennt Beispiele aus seinem Heimatland: «Italien hat im Verband eine katastrophale Struktur. Aber das erzieht die Athleten zur Eigeninitiative. So ­haben ausgemusterte Leute wie De Aliprandini, Tonetti, Ballerin dank persönlichem Engagement den Weg in den Weltcup zurückgefunden. Deshalb legt Joris seinen Athleten keinen roten Teppich aus: «Wer in den Weltcup will, muss im Europacup mindestens Fünfter werden.» Gini und Rochat haben so Startplätze erkämpft. Markus Vogel (Beckenried), der im letzten Winter aus dem Kader fiel und privat weitertrainiert, verpasste diese Vorgabe knapp. Und wird deshalb heute in Adelboden nicht starten können. Von den 9 Startplätzen wird die Schweiz nur 7 beanspruchen. Immerhin: Binnen dreier Jahre haben sie die Zahl ihrer Startplätze verdoppelt – ein aussergewöhnlicher Leistungsausweis, den die Öffentlichkeit kaum wahrnimmt, aber die Basis für kommende Spitzenresultate bildet.

Richard Hegglin

Riesenslalom abgesagt

Adelboden sda. Der Weltcup-Riesenslalom der Männer in Adelboden fiel gestern dem schlechten Wetter zum Opfer. Hauptgründe für die erste Absage seit 2010 waren der Nebel und die zu weiche Piste am Chuenisbärgli. FIS-Renndirektor Markus Waldner: «Der Grund war vor allem der Nebel. Dieser führte zu einer Reaktion des mit Salz behandelten Schnees.»
Für den heutigen Slalom (1. Lauf 10.30) sieht es besser aus. Nach der Wetterberuhigung gestern Nachmittag wurde eine klare Nacht mit kaum Niederschlag erwartet. Deshalb zeigte sich Waldner «zuversichtlich, dass es mit dem Slalom klappt».