SKI ALPIN: «Die Situation ist anders als vor Sotschi»

Eine Woche vor dem WM-Start analysiert Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher (46) im Interview den Zustand seines Teams und blickt auf die noch anstehende zweite Selektionsrunde voraus.

Stefan Klinger, St. Moritz
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Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher. (Bild: Keystone)

Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher. (Bild: Keystone)

Hans Flatscher, das Rennwochenende von St. Moritz war im Grunde ein Spiegelbild der Saison. Nach dem tollen Resultat in der Abfahrt am Samstag folgte im Super-G gleich wieder ein herber Dämpfer.

Hans Flatscher: Das stimmt. Grundsätzlich ist es bei uns in diesem Winter so: Wir haben Chancen auf Siege und Podestplätze, aber dafür muss dann auch alles aufgehen. Der Super-G hat das aufgezeigt, wovor ich Respekt habe. Wenn zwei Athletinnen, in diesem Fall Lara Gut und Fabienne Suter, ausscheiden und Dominique Gisin ja gerade verletzt ausfällt, dann sieht das Resultat gleich so aus, wie es am Sonntag im Super-G ausgesehen hat. Wir haben kein Mittelfeld.

Alles in allem sind es in dieser Saison drei Podestplätze. Zwei Siege von Lara Gut, ein dritter Platz von Wendy Holdener. Hätten Sie das nach den Erfolgen des letzten Winters gedacht?

Flatscher: Wir sind im Speedbereich unter meinen persönlichen Erwartungen geblieben. Ein Grund dafür sind die Verletzungen. Marianne Abderhalden hinkte nach ihrem Knorpelschaden im Knie in der Saisonvorbereitung hinterher. Nach zwei Tagen Training hat sie zwei Tage Pause gebraucht. Während der Saison mussten wir dann auch oft eine Kompromiss­lösung suchen, weil es einfach nicht so richtig ging. Sie braucht mehr Pausen als andere, da brauchen wir Geduld. Nadja Jnglin-Kamer hat uns nach ihrer Knieverletzung speziell auf manchen Strecken sehr gefehlt. Da müssen wir jetzt einfach schauen, dass wir noch das Beste aus der Saison holen. Lara Gut ist keine Maschine, sie gewinnt nicht automatisch jedes Speedrennen. Und Dominique Gisin war ja bis zu ihrer Verletzung gut unterwegs, es hat nur der letzte Zwick gefehlt. Aber es nur auf die Verletzungen abzuschieben, wäre zu einfach.

Woran liegt es noch?

Flatscher: Es war auch die eine oder andere Athletin nicht in der Form, wie wir sie gerne hätten. Wir sind zwar immer wieder an der Spitze dran und man spürt: Jetzt geht es aufwärts. Aber dann packen wir es doch nicht, weil sich irgendwo ein Fehler einschleicht.

Und es fehlt offenbar an der Breite, damit ein, zwei Ausfälle nicht gleich derart ins Gewicht fallen.

Flatscher: Wir haben von Anfang an gewusst, dass wir eine kleine Truppe haben und nicht viel passieren darf. Es fällt sofort auf, wenn eine Fahrerin weg ist, da wackelt bereits die ganze Hütte. Das zu kaschieren, ist bei uns nicht möglich, dafür sind wir zu schwach abgestützt. Wir können so weit zurückgreifen, wie wir wollen, wir haben keine Breite im Kader. Es ist sicher so, dass wir aus dieser Mannschaft in der vergangenen Saison hinsichtlich der Olympischen Spiele das Maximum herausgeholt haben. Wichtig ist, dass wir nun Ruhe bewahren und den gesunden Fahrerinnen unser Vertrauen schenken.

Wie bewerten Sie den Zustand Ihres Teams in den technischen Disziplinen?

Flatscher: Im Slalom ist die Bilanz in Ordnung, da sind wir auf Kurs. Wendy fuhr einmal aufs Podest, und auch Michelle Gisin überzeugte. Anders sieht es im Riesenslalom aus. Da wussten wir, dass es schwierig wird, da nur Lara und Dominique vorne mitfahren können. Nach ihnen klafft eine grosse Lücke.

Und jetzt fällt Dominique Gisin vorerst auch noch aus.

Flatscher: Ihr Ausfall schmerzt, das ist überhaupt keine Frage. Der Ausfall einer Olympiasiegerin, einer solchen Persönlichkeit wie Dominique, würde sich bei jedem Team bemerkbar machen. Doch auch wenn eine der wichtigsten Stützen im Team fehlt, muss man weiter funktionieren. Man kann jetzt nicht einfach das als Ausrede benutzen.

Wie schätzen Sie denn ihre Chancen auf einen WM-Start ein?

Flatscher: Wir sind realistisch genug, um zu wissen, dass die Chance eine sehr kleine ist. Aber vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist. Sie und ich klammern uns an jeden Funken Hoffnung. Ich hoffe nach wie vor, dass sie in Beaver Creek zumindest einzelne Rennen bestreiten kann. Dominique war eine Medaillenkandidatin, ich habe nicht fünf davon in meinem Team, deshalb können wir jetzt nicht mehr mit den gleichen Erwartungen zur WM antreten. Aber das heisst nicht, dass wir mit dem Gedanken, chancenlos zu sein, in die USA reisen.

Weil Sie ja noch Lara Gut, Wendy Holdener und Fabienne Suter haben.

Flatscher: Unsere Chancen auf Medaillen sind auf wenige Beine gestellt. Aber es gibt Fahrerinnen, die welche holen können. Deshalb ist klar: Swiss-Ski muss nach Beaver Creek gehen, um dort Medaillen zu gewinnen. Lara ist sicher unser Haupttrumpf. Ich glaube, sie kann damit gut umgehen und lässt sich nicht verrückt machen. Und die Strecke liegt ihr. Sie liegt ihr mehr als beispielsweise einer Lindsey Vonn. Sie kann im steilen Gelände sehr enge Radien fahren, das kann Vonn nicht so gut. Ich möchte in Sachen WM aber noch etwas anderes deutlich machen.

Bitte schön!

Flatscher: Im Vergleich zum letzten Jahr haben wir nun eine ganz andere Situation. Vor Sotschi hatten wir beispielsweise in der Abfahrt sechs Fahrerinnen, welche die Selektionskriterien erfüllten. Da konnten sich die Athletinnen gegenseitig fordern, es war eine Dynamik spürbar, und die Chance war natürlich grösser, dass dann eine ganz vorne dabei ist. Davon sind wir im Moment weit entfernt. An der WM geht es nun also nicht nur um Medaillen, sondern auch um die Zukunft. Wir werden nicht nur Fahrerinnen an den Start schicken, die Medaillen holen können, sondern auch den Jungen eine Chance geben, Erfahrungen zu sammeln. Alles andere wäre zu kurzfristig gedacht.

Immerhin steht ja in zwei Jahren die Heim-WM in St. Moritz an.

Flatscher: In zwei Jahren müssen wir so weit sein, dass wir in jeder Disziplin Fahrerinnen haben, die an der Spitze mithalten können. Es geht darum, dass wir einzelne Athletinnen behutsam auf die Stufe Weltcup vorbereiten. Im Slalom haben wir nun wieder etwas Fuss gefasst. Wenn Wendy und Michelle gesund bleiben, werden sie vorne mitfahren. In der Abfahrt wird Lara die Stellung halten müssen. Denn es ist nicht klar, ob die älteren Fahrerinnen wie Marianne oder Nadja in zwei Jahren noch dabei sind. Also müssen wir versuchen, diese Lücke zu schliessen. Aber es ist utopisch zu glauben, dass wir in den nächsten paar Jahren ein Abfahrtsteam mit zehn guten Athletinnen haben werden, die unter die ersten 20 fahren.

Das heisst, Sie werden diesmal also auch junge Athletinnen wie die Schwyzerin Corinne Suter und Priska Nufer aus Alpnach selektionieren, obwohl sie die Kriterien nicht erfüllten.

Flatscher: Wir werden uns am Montag gut überlegen, was Sinn macht, und nicht einfach auffüllen. Priska Nufer hat im Super-G in dieser Saison dreimal Weltcup-Punkte geholt und dürfte an der WM in den Top 30 starten, daher hat sie sehr gute Karten. Corinne Suter ist momentan nicht dabei. Bei ihr brauchen wir Geduld. Sie wird Erfolg haben, aber es braucht noch Geduld. Aber wir haben ja auch im Slalom in dieser Saison schon Europacup-Podestplätze geholt – zum Beispiel durch Charlotte Chable.