SKI ALPIN: Dominique Gisin: «Ich habe mit der Medaille geschlafen»

Dominique Gisin (28) spricht im Interview darüber, wie sie die turbulente Zeit seit ihrem Olympiasieg erlebt hat, was für sie die emotionalsten Glückwünsche waren – und vor welche Herausforderung sie dieser Erfolg nun stellt.

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Olympia-Siegerin Dominique Gisin freut sich über ihre Medaille in Rosa Khutor. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Olympia-Siegerin Dominique Gisin freut sich über ihre Medaille in Rosa Khutor. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Dominique Gisin, was ist Ihnen heute Morgen als Erstes durch den Kopf geschossen, als Sie aufgewacht sind?

Dominique Gisin: Ich habe an mir runtergeschaut, ob die Medaille noch da ist.

Haben Sie Ihre Goldmedaille, seitdem Sie sie am Mittwoch bekommen haben, noch nicht einmal abgenommen?

Gisin: (strahlt übers ganze Gesicht) Heute Nacht nicht, da habe ich mit der Medaille um den Hals geschlafen. Heute Morgen musste ich sie aber zum Gravieren abgeben. Sie hatten bei der Medaillenübergabe im Olympiapark ja nur eine gravierte Goldmedaille da, und die hatte Tina Maze bekommen. Aber seitdem ich sie am Nachmittag zurückbekommen habe, habe ich sie nicht mehr ausgezogen.

Haben Sie denn überhaupt schon so richtig realisiert, was Ihnen da für ein Triumph gelungen ist?

Gisin: Ich glaube nicht, dass ich die Tragweite schon verstehe. Seit meinem Erfolg ist so viel auf mich eingeprasselt, das war alles sehr emotional. Ich versuche, alles ein wenig zu dämpfen, um mich auf den Super-G am Samstag vorzubereiten. Das ist für mich jetzt das Wichtigste. Ich versuche, die Momente, die mir Energie geben, in mich aufzusaugen und zu geniessen, aber gleichzeitig so viel wie möglich im normalen Athletenalltag zu sein und mich auf die zwei weiteren Einsätze zu konzentrieren.

Was waren denn die Momente, die Ihnen Energie geben?

Gisin: Einer war die Medaillenübergabe. Es ist schon sehr speziell, wie sie aufgezogen ist. Ich habe mir noch vor dem Rennen gesagt: Ich will unbedingt an diese Medaillenfeier, einfach, um auch mal das alles da unten in Sotschi zu erleben. Ich war ja bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht im richtigen olympischen Dorf gewesen und hatte noch nicht das olympische Feuer gesehen. Und jetzt stand ich da. Dann die vielen Nachrichten, die ich auf allen Plattformen bekomme – das ist schon überwältigend. Und zwischendurch die Momente, die ich mit dem Team und vor allem meiner Familie teilen kann. Das ist alles sehr wertvoll.

Obwohl Ihre Familie nicht hier ist.

Gisin: Es wäre zwar wunderschön, wenn sie hier wäre, aber dann hätte ich wirklich keine Chance mehr, mich auf den Super-G zu konzentrieren. Denn jedes Mal, wenn ich mit ihnen Kontakt habe, ist das sehr berührend. Für sie ist das auch sehr emotional. Ich habe meinen Bruder Marc noch nie so emotional erlebt. Das war schon beeindruckend, megaschön. Und meine Schwester Michelle hat, glaube ich, den ganzen Tag geweint.

Und Ihre Grosseltern nicht zu vergessen, die Sie noch aus der Leaderbox unter Tränen angerufen haben.

Gisin: Ich würde meinen Grossvater als den ersten Skiverrückten in unserer Familie bezeichnen. Er ist ein leidenschaftlicher Skifahrer und war von klein auf immer dabei, wenn ich Ski gefahren bin. Er und meine Grossmutter haben sehr viel mit mir gemeinsam erlebt, vor allem auch die harten Momente, weil ich immer bei ihnen gewohnt habe während der Rehabilitationszeit. Sie wohnen ja nicht allzu weit von der Rennbahnklinik entfernt. Deshalb war es mir in der Leaderbox wichtig, dass sie auch diesen schönen Moment mit mir teilen können.

Was waren denn die schönsten Glückwünsche, die Sie bekommen haben?

Gisin: Es waren so unglaublich viele, ich hatte noch gar keine Zeit, alle zu lesen. Und das ist sehr schade! Denn die, die ich gelesen habe, waren einfach überwältigend. Diese Unterstützung und die Freude, die in den Nachrichten rüberkommt – es ist wirklich unglaublich. Die Glückwünsche von meinen Geschwistern, meiner Familie und meinen besten Freunden waren sehr emotional für mich. Dass mir der Bundespräsident gratuliert hat, war eine Ehre. Ganz cool waren die Glückwünsche von Mando Diao (Anmerkung der Redaktion: eine schwedische Rockband, mit deren Mitgliedern Dominique Gisin schon seit Jahren befreundet ist). Sie haben geschrieben, dass sie aus dem Flugzeug gerannt seien, gleich nach dem Resultat geschaut hätten und dann vor Freude geschrien hätten. Oder der Tweet von Stanislas Wawrinka – einfach genial. Und, und, und.

Hat es Ihre Freude eigentlich ein wenig geschmälert, dass Sie Ihren Erfolg mit Tina Maze teilen mussten?

Gisin: Diesen Moment mit jemandem wie Tina teilen zu können, hat die Freude eher grösser gemacht als kleiner. Ich bin ein bekennender Fan von Tina Maze, ich liebe, wie sie Ski fährt, und habe mir schon so viele Videos von ihr angeschaut. Sie ist eine ausserordentliche Frau, die mich immer inspiriert hat.

Ihr Leben wurde seit dem Triumph auf den Kopf gestellt. Hat der Olympiasieg auch Sie persönlich schon ein bisschen verändert?

Gisin: Ich bin immer noch der gleiche Mensch. Aber es ist eine Erleichterung, dass ich etwas geschafft habe, das mir niemand mehr wegnehmen kann.

Eine Erleichterung, die sicher auch förderlich fürs Skifahren ist.

Gisin: Ich glaube, ich funktioniere unter Druck besser. Daher werde ich auch vor dem Super-G noch versuchen, irgendwie wieder den Druck aufzubauen. Ich weiss nicht, was das alles jetzt auslöst bezüglich meiner Skileistungen. Es gibt mir sicher sehr viel Energie, und das ist etwas, womit ich gekämpft habe in den letzten zwei Jahren. Nicht dass ich keine Kraft hatte oder Ausdauer. Ich fühle mich körperlich topfit. Aber energetisch alles zu geben, wenn du nichts mehr hast, das ist schwer – ich hoffe, dass das jetzt wieder einfacher wird.

Dann liegen also vier erfolgreiche Jahre bis zu den nächsten Olympischen Spielen vor Ihnen, wo Sie einen glanzvollen Abschied feiern können.

Gisin: Wahrscheinlich werde ich in vier Jahren eher nicht mehr dabei sein. Ich habe immer gesagt, ich möchte so lange Ski fahren, bis ich mein volles Potenzial ausgeschöpft habe. Ich möchte nicht sagen, dass nun dieser Moment gekommen ist. Ich habe aber schon ein paar Mal im vergangenen Winter, aber auch in diesem Winter gespürt, dass ich technisch dieser Grenze immer näher komme. Ich fühle mich körperlich topfit, ich kann nicht mehr mehr machen, mehr trainieren zum Beispiel. Ich habe mir daher diesen Winter oft die Frage gestellt, was ich tun kann, um besser zu werden.

Und die Antwort lautet?

Gisin: Die Antwort habe ich jetzt noch nicht definitiv. Ich habe mich gefragt: Muss ich eine Person in meinem Umfeld wechseln oder irgendetwas anderes verändern? Die Antwort auf jede Frage dabei war immer: nein. Das ist etwas, was mich schon sehr beschäftigt hat. Jetzt kommt es darauf an, wie ich mich dann wieder auf der Piste fühle. Wenn ich fühle, dass ich nicht mehr besser werden kann, dann ist für mich der Sinn hinter der ganzen Sache verloren. Mit diesem Gold lässt es sich dann sicher einfacher abtreten.

Doch auch wenn Sie das Gefühl haben, nicht mehr besser werden zu können: Die Aussicht, regelmässig Weltcup-Siege erreichen zu können, ist doch auch ganz schön anspornend.

Gisin: Diese Aussicht hätte sicher ihren Reiz. Die Konstanz einer Maria Höfl-Riesch ist aber etwas Wahnsinniges. Wenn du im Ziel bist und Maria steht am Start, zitterst du immer. Egal, ob es weich, hart, warm, kalt, flach oder steil ist. Egal, ob im Slalom, Riesenslalom, Super-G oder in der Abfahrt. Das ist unglaublich. Aber ich bin mir auch nach diesem Erfolg nicht sicher, ob ich überhaupt jemals auf dieses Niveau kommen kann. Aber das ist etwas, was ich selber spüren muss.

Sie führen Tagebuch. Verraten Sie uns bitte noch, was Sie am Mittwochabend reingeschrieben haben.

Gisin: Es ist wie ein Traum, aber viel schöner – weil es die Realität ist.

Gold macht Gisin kaum reich

Wie viel Geld ist das Abfahrtsgold von Dominique Gisin (28) wert? Etwa 100 000 Franken pro Jahr an Mehreinnahmen, sagt ein Branchenkenner.

Sie hat eigentlich alles, was es dazu braucht, um als erfolgreiche Sportlerin einträglich vermarktet werden zu können. Dominique Gisin ist eine charismatische, spannende Persönlichkeit, sie ist sympathisch und smart, und nicht zuletzt sieht sie auch ganz gut aus. Dennoch wird es die Engelbergerin schwer haben, aus dem grossartigen Sieg in der Olympia-Abfahrt den grossen Reibach zu machen. Sie sagt: «Ich habe mir keinen Kopf darüber gemacht, was ein Olympiasieg für mich finanziell bedeuten könnte.» Sie freue sich einfach für ihre Sponsoren, die trotz der langen Verletzungsgeschichte an sie geglaubt und viel in sie investiert hätten. «Jetzt kann ich ihnen etwas zurückgeben.»
Gisin muss wissen, was sie will
Dominique Gisin wird seit vielen Jahren von der Agentur 4sports betreut, und der für sie zuständige Daniel Giger sagt: «Ich werde sicher keine Zahlen nennen, was die Höhe der Prämien angeht, die sie mit ihrem Olympiasieg aus den bestehenden Verträgen einnimmt. Und ich werde auch nicht beziffern, was für sie in Zukunft finanziell drinliegt.» Schliesslich, merkt er an, hänge das Vermarktungspotenzial vor allem auch davon ab, welche Plattformen Dominique Gisin künftig nutzen wolle – und welche nicht. Aber das will Giger mit der ersten Olympiasiegerin der Zentralschweiz besprechen, wenn sie aus Sotschi zurück ist.

Geld liegt nicht mehr auf den Pisten

Ein Schweizer Energiekonzern ist bereits ihr persönlicher Sponsor, und unter anderen ist Dominique Gisin Markenbotschafterin für einen im oberen Preissegment tätigen Uhrenhersteller. Für eine bis zum Mittwoch dreifache Weltcup-Siegerin ist sie im Vermarktungsbereich ganz ordentlich aufgestellt, und ein Insider, der Gisins Situation aus eigener Erfahrung kennt, sagt: «Alle Verträge, die Gisin besitzt, haben einen Wert von rund einer Viertelmillion Franken pro Jahr. Ich gehe davon aus, dass sich ihre Einnahmen durch den Olympiasieg nun auf gut 350 000 Franken steigern lassen. Aber mehr liegt da nicht drin.»

Das hat nicht nur damit zu tun, dass der Sponsoring-Kuchen für Frauen kleiner ist als jener für Männer. Sondern vor allem auch damit, dass die Hersteller von Ski, Bindung und anderweitiger Ausrüstung längst nicht mehr so viel Geld zur Verfügung haben wie noch vor zehn Jahren. Das haben die besten Athletinnen auf der Einnahmenseite massiv zu spüren bekommen. Darum lässt sich Geld meistens mit Sponsoren verdienen, die sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen ausserhalb der Skiszene bewegen.

Mit ihren geschätzten 350 000 Franken jährlich wird Gisin zu den besser situierten Athletinnen im Skizirkus zählen. Nur Lindsey Vonn, Maria Höfl-Riesch, Lara Gut, Anna Fenninger und Tina Maze verdienen deutlich mehr.

Einen schönen Batzen für ihre grandiose Leistung bekommt Dominique Gisin von Swiss Olympic: Die ausgelobte Prämie für einen Olympiasieg beträgt 40 000 Franken.

Andreas Ineichen