SKI ALPIN: «Ein Gefühl, als ob eine riesige Last weg ist»

Sieben Monate nach ihrem Olympiasieg erzählt Dominique Gisin (29, Engelberg) im Interview mit unserer Zeitung, wie sich ihr Alltag und sie sich selbst seither verändert hat – und weshalb sie vor Sotschi an Rücktritt dachte.

Interview Stefan Klinger
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«Ich bin gelassener geworden»: Olympiasiegerin Dominique Gisin Ende Juli in einem Hotel in Vevey. (Bild: Freshfocus/Urs Lindt)

«Ich bin gelassener geworden»: Olympiasiegerin Dominique Gisin Ende Juli in einem Hotel in Vevey. (Bild: Freshfocus/Urs Lindt)

Dominique Gisin, lassen wir den Trubel um Ihre Person und das Finanzielle mal vorerst aussen vor: Wie haben Sie sich persönlich seit Ihrem Olympiasieg im Februar verändert?

Dominique Gisin: Als Sportlerin bin ich gelassener geworden. Ich habe jetzt im einen oder anderen Bereich die Gelassenheit, die ich vor Sotschi noch nicht hatte.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Gisin: Ich habe nun mehr den Mut, auch mal einen Tag lang gar nichts zu machen. Das heisst nicht, dass ich jetzt weniger trainiere oder nachlässiger geworden bin. Aber der Körper braucht zwischendurch unbedingt immer mal wieder einen Tag zur Erholung. Einen Tag, an dem du gar nichts machst. Während ich mich früher dann aber immer gefragt habe, solltest du vielleicht nicht doch noch das oder jenes tun, kann ich mich nun an solchen Tagen schön entspannen. Ich habe nun die Gelassenheit zu sagen: Es geht nicht gleich die ganze Saison kaputt, nur weil ich einen Tag nicht trainiere.

Es ist ja nur allzu menschlich, dass Sportler nach dem grössten Erfolg ihrer Karriere in ein Spannungsloch fallen. Sie haben seit dem Beginn der Saisonvorbereitung schon wieder fast 30 Skitage hinter sich – waren Sie da wirklich an allen auch motiviert und hatten Lust aufs Skifahren?

Gisin: Also, motiviert zum Skifahren bin ich immer. Wenn wir auf die Ski gehen, bin ich dann wirklich jeden Tag happy. Es ist nun aber schon ein anderes Gefühl, das ich bei der täglichen Arbeit auf den Ski habe.

Inwiefern?

Gisin: Es ist ein Gefühl, als ob eine riesige Last weg ist. Das, was ich letzten Winter geschafft habe, kann mir keiner mehr nehmen. Ich meine damit nicht nur, dass ich am Ende Olympia-Gold gewonnen habe – sondern vor allem, dass ich es noch einmal geschafft habe, mich zu überwinden. Das zu fahren, was ich kann. Das Limit zu suchen und voll zu fahren. Das war mir seit meiner letzten Knieverletzung im Januar 2012 nicht mehr gelungen. Ob ich das im nächsten Winter wieder regelmässig schaffe, werden wir sehen. Aber falls es mir nicht gelingt, weiss ich seit Sotschi trotzdem, dass ich es nach all dem, was gewesen ist, noch einmal geschafft habe, aus dieser Phase herauszukommen – auch wenn das am Ende dann nur für ein Rennen gewesen sein sollte.

Eine riesige Erleichterung.

Gisin: Viele fragen mich, ob ich mich als Olympiasiegerin nun mega unter Druck fühle. Ich antworte dann immer: überhaupt nicht, im Gegenteil. Dieser Triumph, begleitet von dem Gefühl, wieder mit vollstem Vertrauen in mich am Start gestanden zu sein, hat mir eine gewisse Gelassenheit gegeben. Ich habe mir bis jetzt noch nicht den Kopf zerbrochen, was die Medien schreiben, wenn ich als Olympiasiegerin im nächsten Winter eine schlechte Saison habe. Und wenn ich jetzt daran denke, was im schlimmsten Fall für Schlagzeilen kommen könnten, muss ich sagen: Dann soll man es halt so schreiben. Ich bin überzeugt, dass mich das nicht mehr so stressen würde wie vor Sotschi.

Hätten Sie denn ohne diese Erfahrung in Sotschi überhaupt Ihre Karriere im Frühjahr fortgesetzt?

Gisin: Wenn ich es in Sotschi wieder nicht geschafft hätte, alles zu geben, oder wenn ich das Gefühl gehabt hätte, alles gegeben zu haben, aber dann wieder Achte geworden wäre, dann hätte ich aufgehört. Dann hätte ich keinen Sinn mehr darin gesehen, meine Karriere fortzusetzen. Oder ich hätte gesagt: Ich fahre ab sofort nur noch Riesenslalom, weil ich glaube, dass ich in dieser Disziplin mit Training und Arbeit noch etwas herausholen kann.

In der Abfahrt nicht mehr?

Gisin: Nein. In der Abfahrt gibt es keine technischen oder physischen Sachen, die ich verbessern muss, da heisst es: Entweder kann ich mich überwinden oder nicht. Wenn es mir gelingt, dass ich regelmässig am Start stehe und merke, heute kann ich voll gehen und habe volles Vertrauen in mich, werde ich auch wieder um ein Podest im Disziplinen-Weltcup mitfahren. Aber noch kurz zur ursprünglichen Frage. Vor Sotschi hat es mich allmählich wahnsinnig gemacht, wenn du jedes Mal ins Ziel kommst und dir denkst: «Da ist mehr möglich.» Aber es ist eben menschlich, dass ich nach neun Knie-Eingriffen denke, ich finde es nicht mehr so cool, dass es heute Nebel und die Piste Schläge hat. Irgendwann musst du dir daher dann sagen: Es war eine coole Zeit, ich habe einen mega geilen Weg gehabt und alles erlebt, was es im Sport geben kann – aber nun ist Zeit für was Neues.

Kommen wir nun zu den finanziellen Auswirkungen Ihres Olympiasieges. Hat sich dieser Triumph ausgezahlt?

Gisin: Ich kann mich nicht beklagen, aber es ist auch nicht so, dass ich mich vor Angeboten retten muss. Ich habe das Gefühl, dass es im Moment keine einfache Wirtschaftssituation ist. Nicht dass es den Leuten schlecht geht, aber es ist ein bisschen instabil. Und wenn du etwas frisch aufbauen willst, musst du eben langfristig planen. Unternehmen, die sich dagegen bereits engagieren, haben schon einige andere. Und in meinem Fall geht es nicht um irgendeine Europacup-Athletin, die du mal noch schnell dazunimmst.

Vergangene Woche hat Alpiq den Rückzug aus dem Skisport im kommenden Frühjahr bekannt gegeben. Für Sie, die das Unternehmen nicht nur als Teamsponsor, sondern auch als privaten Kopfsponsor haben, doppelt bitter.

Gisin: Mein Vertrag mit Alpiq ist ohnehin kürzlich ausgelaufen. Ich hätte zwar gerne mit Alpiq weitergemacht, aber das war ihnen nicht möglich. Aber im Individualsponsoring sieht es gut aus. Und ich sehe das ohnehin ein wenig anders: Vor dem Hintergrund, dass ich 90 Prozent der Zeit das mache, was ich liebe, habe ich ein gutes Einkommen. Ausserdem darf man das auch nicht wie einen normalen Lohn rechnen. Ich habe ja kaum Ausgaben. Wenn ich privat in die Ferien gehe (Gisin beginnt zu lachen), sage ich mir gegen Ende immer: Du musst unbedingt dran denken, für das Hotel zu zahlen. Du musst unbedingt dran denken, hier zu zahlen.

Nach der Saison die Skitests, seit Mai Konditionstraining für die neue Saison, seit Juni schon wieder Skitraining, und, und, und. Dazu die vielen Ortswechsel. Haben Sie da überhaupt noch Zeit und Lust, privat zu reisen?

Gisin: Im Frühling habe ich unbedingt mal zwei Wochen weg müssen. Nach Sotschi war alles mega krass gewesen. Daher hatte ich im Frühling das Bedürfnis, die Kammer des Schreckens einfach mal zuzuschliessen und zwei Wochen lang nicht mehr zu sehen.

Die Kammer des Schreckens?

Gisin: (lacht). So heisst jetzt mein Büro. Nach Sotschi habe ich haufenweise Anfragen, Fanbriefe und Päckchen mit Geschenken bekommen. Das war alles mega lieb, aber es waren eben nicht nur 15, sondern eher 1000. Ich habe das Bedürfnis, wenn sich jemand viel Mühe gibt und mir was schenkt, dass ich dann nicht einfach nur das Päckchen aufreisse und es vergesse, sondern denjenigen auch antworte. Irgendwann haben sich die ganzen Sachen so sehr gestapelt, dass ich das Zimmer in die Kammer des Schreckens umbenannt habe.

Trotz der vielen Anfragen sieht man Sie allerdings verhältnismässig wenig bei Veranstaltungen auftreten.

Gisin: Ich könnte jeden Tag drei verschiedene Sachen machen. Aber ich bin ja 90 Prozent der Zeit im Training. Da bleibt dann schon nicht mehr viel Zeit übrig. Und ein bisschen Zeit für mich selbst brauche ich auch noch. Daher muss ich von 100 Anfragen 99 absagen. Letztlich muss ich ja auf den Ski volle Leistung bringen können. Wenn ich aber meine ganze freie Zeit verplane, kann ich das nicht. Und wenn ich das jetzt im Training nicht kann, dann fahre ich im nächsten Winter hinterher und gewinne keinen Blumentopf – da hat dann niemand was davon.