SKI ALPIN: Eine neue Erfahrung für Holdener

Wendy Holdener gehört mittlerweile zur Weltspitze, hat sich gedanklich aber noch nicht damit angefreundet. Sie müsse mehr mit breiter Brust auftreten, sagt die Schwyzerin.

Claudio Zanini, Crans-Montana
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Shiffrin gibt morgen ihr Comeback. (Bild: Keystone / Alessandro della Valle)

Shiffrin gibt morgen ihr Comeback. (Bild: Keystone / Alessandro della Valle)

Wendy Holdener setzt sich in einen schwarzen Fauteuil in der Bar des Teamhotels in Crans-Montana. Im barocken Sessel scheint die zierliche Schwyzerin förmlich zu versinken. Ihr Blick schweift durch den Raum. Nebenan gibt Fabienne Suter ein Fernsehinterview, weiter hinten ist Lara Gut Mittelpunkt einer Traube von Medienschaffenden. In der gedimmten Atmosphäre hält Holdener entspannt fest: «Doch, doch. Die Enttäuschung von Maribor ist bereits wieder weg.»

Einen Lauf «einfach mal gut finden»

Seit dem Slalom in Maribor sind zwei Wochen vergangen. Dort verschaffte sich Holdener eine vorzügliche Ausgangslage für einen möglichen ersten Weltcup-Sieg. Zur Rennhälfte führte sie zeitgleich mit der Tschechin Sarka Strachova – dann wurde das Rennen abgebrochen, die warmen Temperaturen liessen keine schnellen Zeiten mehr zu. «Ich bin froh, musste ich nun nicht einen Monat auf den nächsten Einsatz warten», sagt sie. Denn morgen findet das Ersatzrennen für Maribor in Crans-Montana statt.

Sportlich gesehen sind die Weltspitze und Holdener in dieser Saison eins geworden. Wenn die Schwyzerin derzeit zwei solide Läufe abliefert, ist sie vorne dabei. Sie habe intensiv an Timing und Linienwahl gearbeitet. Das beste Ergebnis der bisherigen Saison gelang ihr mit dem zweiten Platz Ende Dezember in Lienz. Nur sieben Hundertstel fehlten zum grossen Coup. Geistig sei sie aber noch nicht in der Spitze angekommen, sagt sie. Die letzte Überzeugung fehle. Das letzte gewisse Irgendetwas. Das, was die ganz schnellen Fahrerinnen ausmacht und was schlecht trainierbar ist. «Ich muss mehr mit breiter Brust auftreten. Damit meine ich aber nicht, arrogant zu sein», sagt die 22-Jährige und führt ein Beispiel an: «Im zweiten Slalom von Flachau hatte ich die Startnummer 1. Und das machte mich nervös. Genau in solchen Situationen ginge es aber darum, mit der nötigen Coolness hinzustehen. Diese letzte Überzeugung fehlt noch. Aber die erlangst du nicht von heute auf morgen.»

Zu dieser erwünschten Coolness gehöre ausserdem auch, einen Lauf «einfach mal gut zu finden», was Holdener noch nicht so recht gelingen mag. Bei der Videoanalyse kommt es vor, dass sie einen Lauf trotz ordentlicher Zeit als «doof aussehend» abkanzelt. «Ich habe nun mal einen anderen Fahrstil als beispielsweise Frida Hansdotter.» Holdener zermürbt sich aber nicht mit Selbstkritik. Es geht darum, die Bodenhaftung nicht zu verlieren, aber gleichzeitig mehr zu wollen – stolze Resultate hin oder her.

Jung ist sie immer noch

Während sich die Slalomspezialistin vor den Journalisten erklärt und abwägt, was sie sagen soll und darf, wird augenfällig, was in der öffentlichen Wahrnehmung meist untergeht. Holdener ist auch im Februar 2016 noch jung. Sie ist lediglich lange dabei. Im Herbst 2010, im Alter von 17 Jahren, gab sie ihren Einstand im Weltcup. Einen Monat nach ihrem Debüt holte sie zum ersten Mal Weltcup-Punkte. Und im Frühling 2013 war sie für den ersten Schweizer Podestplatz im Slalom nach zehn Jahren besorgt. Sonja Nef war die Letzte vor Holdener.

Unter den aktuellen Top-Fahrerinnen ist nur eine jünger als die Schwyzerin: Mikaela Shiffrin, die Amerikanerin, die in Crans-Montana ihr unerwartet frühes Comeback nach dem Innenbandriss im rechten Knie gibt (siehe Box). Dass die Olympiasiegerin und Doppelweltmeisterin ins Wallis reiste, vermag Holdener nicht aus der Ruhe zu bringen. «Sie kommt gerade aus einer Verletzung zurück. Wir wissen nicht, wie es um ihre Form steht. Aber ich hoffe, dass wir sie noch im Griff haben», sagt sie, als wollte sie schon einmal ausprobieren, wie es wäre, mit breiterer Brust aufzutreten.

Selbstvertrauen braucht sie auch nach der Saison, wenn sie in Luzern ihre KV-Ausbildung zu Ende bringen will. Im Sommer stehen die Abschlussprüfungen an. Momentan muss Holdener monatlich eine Arbeit abliefern – sei es einen Deutschaufsatz oder eine Wirtschaftsarbeit. «Unterwegs versuche ich meistens, im Auto zu arbeiten. Aber eigentlich mache ich zu wenig. Während der Saison bin ich komplett in dieser Skifahrer-Welt.» Wichtig sei es allemal, im Vorfeld der Prüfungen ordentliche Arbeiten abzuliefern, «um gute Vornoten zu haben». Oder anders gesagt: eine gute Ausgangslage zu schaffen. Und später im zweiten Lauf, den Abschlussprüfungen, den Vorsprung ins Ziel bringen.

Shiffrin sah sich in der Zwangspause jedes Rennen an

Einen zunächst unscheinbaren Eintrag auf der Facebook-Seite von Mikaela Shiffrin: «Ihr habt vielleicht gehört, dass der Slalom von Maribor in Crans-Montana nachgeholt wird», schrieb die Amerikanerin am vergangenen Montag. «Und ich werde da sein. Also, wir sehen uns in einer Woche.» Eine Meldung, so unaufgeregt, als hätte die Olympiasiegerin von 2014 eben einer Freundin den Kinobesuch für Montagabend bestätigt. 
Montagvormittag (9.50/12.50 SRF 2) kehrt sie also wieder in den Weltcup zurück, genau 64 Tage nach der Verletzung im Riesenslalom von Åre. Gestern konnte sich Shiffrin schon einmal an das grosse Medieninteresse gewöhnen, das morgen kaum anders sein wird. Mit einem Applaus wurde sie von knapp 50 Journalisten zu ihrer ersten Pressekonferenz empfangen. 

Der Innenbandriss und die Knochenprellung seien verheilt, der Haarriss auf Schienbeinhöhe verschwunden. Erst am 30. Januar stand Mikaela Shiffrin zum ersten Mal wieder auf den Ski. Vier Tage Training mit Atomic-Servicemann Kim Erlandsson reichten offenbar, um das Vertrauen in das rechte Knie zurückzuerlangen. «Aber anfangs musste ich die Geschwindigkeit niedrig halten, um die Kräfte, die auf die Gelenke wirken, zu beschränken. Wir wollten einfach schauen, wie mein Knie auf Ski und Schnee reagiert, bevor wir mehr Energie in das Ganze stecken», sagt die 20-Jährige. In dieser Woche habe sie sich in Garmisch «voll auf das Slalomtraining» fokussiert.

Anerkennende Worte für Holdener

Shiffrin, die in diesem Winter erst zwei von sieben Weltcup-Slaloms bestritt, steht in der Disziplinenwertung immer noch an achter Stelle. Die kleine Kristallkugel hat sie aber abgeschrieben. «In den ersten zwei Wochen der Verletzungspause war es ein wenig frustrierend, weil ich die Chancen auf den Slalom-Weltcup schwinden sah.» Anstatt den Fernseher bewusst nicht einzuschalten, verfolgte sie haargenau, was im Weltcup vonstattenging. «Ich habe jedes Rennen gesehen, Männer wie Frauen. Ich liebe es, Skirennen anzusehen und bekomme Gänsehaut, selbst wenn ich nur zu Hause auf der Couch sitze.» Imponiert habe ihr unter anderem auch die Entwicklung von Wendy Holdener. «Sie gehört zu den stärksten Fahrerinnen momentan, auch wenn die Konstanz nicht immer da ist», sagt die Doppelweltmeisterin (2013, 2015) anerkennend. Die wichtigste Funktion ihres umfänglichen Weltcup-Konsums sei gewesen, sich motiviert zu halten, erklärt Shiffrin. An der Motivation dürfte es nicht mangeln: Zwei Riesen- und drei Slaloms – sprich: genügend Punkte – stehen noch aus in diesem Winter. 

Frauen-Abfahrt soll am Sonntag stattfinden

Am Samstagmorgen lagen zwischen 50 und 70 cm Neuschnee auf der Piste Mont Lachaux. An gewissen Stellen habe sich der Schnee wegen des Windes bis zu 1,20 Meter aufgetürmt, erklärte Marius Robyr, Präsident des Organisationskomitees, den Grund für die Verschiebung der Frauen-Abfahrt. «Es war unmöglich, eine wettkampfwürdige Piste zu präparieren und die Sicherheit der Fahrerinnen zu gewährleisten.» Die Abfahrt soll nun heute Sonntag um 10.30 Uhr stattfinden – auf Kosten der Kombination, die ersatzlos gestrichen wird. Für morgen ist der Slalom geplant (10.00/13.00). Auch in der Nacht auf heute wurde Schneefall vorausgesagt, der die Durchführung des Rennes gefährden kann. Wegen der Absage von gestern rechnen die Organisatoren mit einem finanziellen Verlust von 200 000 Franken.

Claudio Zanini, Crans-Montana