SKI ALPIN: «Es schmerzt, zuschauen zu müssen»

Der zum Saison- ende geschasste Männer-Cheftrainer Osi Inglin (44) über seine Sicht der Entlassung – und die Auswirkungen der unklaren Personalsituation im Verband.

Stefan Klinger, Lenzerheide
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Osi Inglin blickt in eine ungewisse Zukunft: «Irgend etwas (Bild: Freshfocus/Valeriano Di Domenico)

Osi Inglin blickt in eine ungewisse Zukunft: «Irgend etwas (Bild: Freshfocus/Valeriano Di Domenico)

Osi Inglin, was machen Sie am kommenden Montag?

Osi Inglin: Da fahre ich nach St. Moritz, wo nächste Woche die Schweizer Meisterschaften stattfinden. Ich werde zwar nach dieser Saison nicht mehr Männer-Cheftrainer sein, aber deshalb nicht gleich nach dem Weltcup-Final am Sonntag alles stehen und liegen lassen. Ich habe am Mittwochmorgen auch nochmals mit einigen Trainern gesprochen und sie aufgefordert, die Saison mit Stil zu Ende zu bringen. Auch wenn die Ungewissheit, wie es weitergeht, gross ist, müssen wir die Saison auf allen Ebenen athleten­gerecht zu Ende führen. Denn für einige Sportler geht es in den bis Mitte April anstehenden FIS-Rennen noch um sehr viel, zum Beispiel in Sachen Kaderstatus.

Okay, blicken wir weiter voraus: Was machen Sie am 1. Juni, einen Tag nachdem Ihr Vertrag ausgelaufen ist?

Inglin: Ich habe noch keine Idee, wie es dann weitergeht. Ich habe mir darüber auch noch keine intensiven Gedanken gemacht, weil ich nach wie vor auf die laufende Saison fokussiert bin. Irgend­etwas wird sich schon ergeben.

Blicken wir mal zurück: Wie überraschend kam es für Sie, dass Swiss-Ski Ihren Vertrag als Cheftrainer zum Saisonende aufgelöst hat?

Inglin: Ich war felsenfest überzeugt, dass ich trotz der mageren Resultate auf der Stufe Weltcup in meiner Funktion weiterarbeiten kann. Denn als ich vor zwei Jahren angefangen habe, war mir bewusst, dass es in den nächsten beiden Wintern zäh werden kann, wenn ein, zwei Topfahrer ausfallen. Und das hat sich auch in meinem Vertrag so abgebildet. Ich wollte durch meine finanzielle Regelung unterstreichen, dass ich an die Zukunft des Teams glaube, es aber die notwendige Geduld und Gelassenheit braucht. Dass man das nun nicht mehr hatte, hat mich sehr überrascht. Denn obwohl die Weltcup-Saison voll in die Hose ging, gab es auf den anderen Stufen viele erfreuliche Tendenzen. Der Rundbau stimmt – so sehr, dass wir schon bald wieder ein anderes Bild im Weltcup abgeben werden.

Was stimmt Sie da so zuversichtlich?

Inglin: Die jungen Nils Mani, Elia Zurbriggen, Manuel Pleisch, Ramon Zenhäusern und Luca Aerni haben alle in diesem Winter erstmals Weltcup-Punkte geholt. Zudem werden unsere Nachwuchshoffnungen bis Saisonende im Europacup drei oder vier Weltcup-Fixstartplätze erkämpft haben. In drei verschiedenen Disziplinen, durch drei verschiedene Athleten – das gab es in der Schweiz noch nicht so oft. All diese Jungen haben sich zuletzt enorm weiterentwickelt und zählbare Resultate geholt. Und sie werden sich so weiterentwickeln, dass sie gemeinsam mit den Rückkehrern Beat Feuz und Justin Murisier schon sehr bald für ein anderes Bild sorgen werden.

Umso bitterer für Sie, dass Ihre offenbar guten Ansätze bei der Förderung der Athleten im zweiten Glied in der Gesamtbewertung für die Strategen von Swiss-Ski keine Rolle spielten.

Inglin: Das tut mir am meisten weh. Wir haben gewusst, dass es auf Stufe Weltcup eine schwierige Saison wird, und auch, dass es nach dem Ausfall von Beat Feuz ein Durchhaltewinter wird. Dass ich nun zuschauen muss, wie die Jungen ihren Weg weitergehen, ich aber nichts mehr damit zu tun habe, schmerzt sehr.

Ihnen wurde vor allem das schwache Abschneiden im Weltcup zum Verhängnis. Wie viele Trainingstage waren Sie in der Vorbereitung mit den Weltcup-Athleten unterwegs und hatten einen unmittelbaren Einfluss auf deren Trainingssteuerung?

Inglin: Es ist schwierig, wenn du für etwas verantwortlich bist, bei dem andere Leute mitentscheiden dürfen. Wir haben rund 30 Mitarbeiter, die alle eine gewisse Autonomie haben. Es gab klare Aufträge an diese Gruppentrainer, die sie nicht erfüllt haben. Aber so differenziert hat man offenbar nicht gedacht, als der Entscheid fiel, der zu meinem Ausschluss führte.

Liessen sich die Strategen von Swiss-Ski bei ihrer Analyse zu sehr vom öffentlichen Druck beeinflussen?

Inglin: Das müssen Sie die Leute fragen, die diese Analyse gemacht haben.

Beissen Sie sich nun deshalb auf die Zunge, weil Sie künftig bei Swiss-Ski in anderer Funktion arbeiten wollen?

Inglin: Das ist nicht mein primäres Ziel. Vielmehr will ich den Flurschaden so klein wie möglich halten. Und das ist schwierig genug, weil alle nervös sind, weil es noch keine neuen Leute gibt und daher die ganzen Trainer nicht wissen, wie es für sie weitergeht.