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SKI ALPIN: Geschwister auf Medaillenjagd

Carole (20) und Semyel Bissig (19) stehen erstmals an den Junioren-WM (6.–14. März) am Start. Im schwedischen Åre streben die Geschwister aus Grafenort den nächsten Karrierenschritt an. Einen Plan B haben die beiden noch – aber nicht mehr lange.
Claudio Zanini
Ein eingespieltes Duo: Carole (links) und Semyel Bissig am See in Beckenried. (Bild: Nadia Schärli (Beckenried, 1. März 2017))

Ein eingespieltes Duo: Carole (links) und Semyel Bissig am See in Beckenried. (Bild: Nadia Schärli (Beckenried, 1. März 2017))

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Mutter Petra Bissig fährt mit dem Kastenwagen vor. Die Karosserie ist komplett schwarz, einzig das Logo eines österreichischen Skiherstellers prangt auf der Aussenseite. Hinter den getönten Scheiben sitzen Carole und Semyel Bissig, die Ski-Geschwister aus Grafenort. Carole ist 20-jährig. Semyel wurde im Januar 19 Jahre alt. Er benötigt noch ein paar Minuten, bis er auftaut, während seine ältere Schwester, eine kommunikative junge Frau, bereits am frühen Morgen den Eindruck erweckt, schon mehrere Stunden auf den Beinen zu sein.

Unser Treffen findet kurz vor der Abreise der beiden nach Schweden statt. Sie fliegen an die Junioren-WM nach Åre, es ist eine Premiere für beide. Morgen wird der erste Wettkampf ausgetragen, die Abfahrt steht auf dem Programm – Frauen und Männer am selben Tag. Carole Bissig hat es vor allem auf Slalom und Kombination abgesehen. Hinter Letztere setzt sie ein Fragezeichen. Denn das Gelände in Schweden kennt sie noch nicht. Ob das vielleicht eine zu grosse Hypothek ist, um im Speed-Durchgang der Kombination schnell zu sein? Sie möchte sich zuerst ein Bild machen vor Ort, bevor sie Prognosen abgibt.

Lehre kann nur bis Sommer 2018 fortgesetzt werden

Semyel wägt weniger ab als seine Schwester. Er hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und sagt: «Wenn ich in jeder Disziplin das zeige, was ich kann, gibt es eine Top-Rangierung. Medaillen habe ich vielleicht schon im Hinterkopf. Vorderhand ist es mir aber wichtiger, wenn ich am Ziel unten stehe und weiss, dass ich alles herausgeholt habe.» Carole Bissig beschreibt ihren Bruder so: «Er ist einer, der das Risiko sucht. Dementsprechend ist auch seine Fehlerquote hoch.» Semyel nickt. «Stimmt. Sie sucht weniger das Risiko, hat weniger Ausfälle. Bei den Frauen bist du dabei, wenn du sauber fährst. Ich muss mehr attackieren, um vorne zu sein.»

Mittlerweile sitzen wir auf einer Bank am See in Buochs. Das Fotoshooting ist vorbei. Es entwickelt sich ein Gespräch über die Grundgesetze des Spitzensports. Die beiden jungen Athleten haben ihre Lehre – beide als Metallbaukonstrukteur – unterbrochen und setzen voll auf das Skifahren. Für diese Saison wurden beide für das C-Kader selektioniert, die vierthöchste Stufe bei Swiss-Ski. Carole war schon einmal im C-Kader, zwischenzeitlich wurde sie zurückgestuft. Semyel hat erstmals diesen Status. Er gilt als grosses Talent. Durch die Saison wird er von seiner Mutter begleitet, sie fungiert als persönliche Betreuerin. Der Plan B, die Berufslehre, könnten die Geschwister theoretisch wieder fortsetzen, aber nur bis im Sommer 2018. Carole Bissig sagt: «Wenn es mit dem Sport nicht klappt, haben wir im Grunde nichts. Und wenn ich es nicht schaffe, habe ich keine Lust, mit 26 noch zu fahren.» Sie meint den Sprung in den Weltcup, dorthin, wo jeder Athlet hinwollen muss, aber es nicht übermässig Plätze gibt. Der Weg, den die Ski-Geschwister wählten, scheint nicht ohne Risiko verbunden. Er benötigt mehr als nur ein bisschen Hingabe. «In der Schweiz braucht der Schritt weg von den gängigen Strukturen Mut», sagt Semyel. Viele seiner ehemaligen Schulkollegen haben mittlerweile ihre Lehren abgeschlossen und gehen einem Job mit fixem Einkommen nach. Er hingegen sei vor allem auf die Finanzierung seines Berufs durch Sponsoren angewiesen, meint er.

Die Abhängigkeit von Geldgebern und Resultaten ist gewissermassen der Preis, um den Traum ausleben zu können. Klar gebe es Momente, in denen das Skifahren mehr Tortur als Genuss sei. Vor allem dann, wenn man um 3.30 Uhr auf den Gletscher in Zermatt muss und erst am Abend zurückkehrt. Aber die schönen Seiten überwiegen. «Wenn es frisch geschneit hat und du die Sonne aufgehen siehst, ist das immer noch das Schönste», sagt Carole Bissig. Sie hat einen erfolgreichen Winter hinter sich. Auf FIS-Stufe hat sie in dieser Saison fünfmal einen Slalom gewonnen. Doch mit ihrer Ausbeute auf der zweithöchsten Stufe, dem Europacup, ist sie nicht zufrieden. «Wenn es gut läuft, dann willst du automatisch mehr», sagt sie.

Bei der Junioren-WM im vergangenen Jahr holte das Schweizer Team in Sotschi sechs Medaillen und belegte Platz 1 im Medaillenspiegel. Zum Weltmeister liess sich auch Marco Odermatt küren, der 19-jährige Buochser kam in der Folge zu Weltcup-Einsätzen. Gegen einen ähnlichen Verlauf in ihrer Karriere hätten die Bissigs wohl nichts einzuwenden. Im Schaufenster von Åre könnte dafür ein erster Schritt gemacht werden.

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