SKI ALPIN: «Habe gut gelebt und trotzdem gesiegt»

Seine Karriere war eine relativ kurze – aber dabei hat er mächtig Eindruck hinterlassen: Roland Collombin (63) war der letzte Schweizer Rock’ n’ Roller auf Abfahrtsski. Ein Gespräch mit dem zweifachen Kitzbühel-Sieger über die Streif, seine Karriere und sein Leben.

Interview Andreas Ineichen
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Am 26. Januar 1974 jagt der Walliser Roland Collombin auf der Streif seinem zweiten aufeinanderfolgenden Sieg in Kitzbühel entgegen, nachdem er eine Trainingsfahrt schwänzte und die zweite aufrecht fahrend bestritt. Im Ziel lässt er sich vom zweitplatzierten Giuliano Besson feiern. (Bild: Keystone/Str)

Am 26. Januar 1974 jagt der Walliser Roland Collombin auf der Streif seinem zweiten aufeinanderfolgenden Sieg in Kitzbühel entgegen, nachdem er eine Trainingsfahrt schwänzte und die zweite aufrecht fahrend bestritt. Im Ziel lässt er sich vom zweitplatzierten Giuliano Besson feiern. (Bild: Keystone/Str)

Roland Collombin, was haben Sie am letzten Sonntag gemacht?

Roland Collombin: Mit dem Helikopter flogen Christian Constantin und ich von Sion an den Start der Lauberhorn-Abfahrt, um das Rennen zu sehen. Ich bin praktisch jedes Jahr in Wengen.

Einfach, weil Sie die Abfahrt gerne sehen – oder in irgendeiner Mission?

Collombin: Wir sind Jahr für Jahr praktisch immer die gleiche Gruppe aus der Westschweiz. Eine Firma hat mich als Guide engagiert. Wir treffen uns jeweils am Donnerstagabend in Interlaken, fahren dann Ski und schauen uns das Rennen am Hundschopf an.

Was verbindet Sie denn mit Sion-Präsident Christian Constantin?

Collombin: Er ist ein guter Freund von mir, ich bin an jedem Heimspiel der Sittener.

Es gab ja mal die Geschichte, dass Ihre Tochter ein Verhältnis mit Constantin gehabt haben soll.

Collombin: Wissen Sie, die Leute reden viel. Aber die Geschichte ist nicht wahr.

Reden wir über den Höhepunkt der alpinen Skisaison. Heute findet die Abfahrt auf der Streif statt. Es gibt nicht wenige Experten, die sagen, dass nur harte Typen in Kitzbühel gewinnen.

Collombin: Ja, das ist ganz sicher so. Man muss ein guter Abfahrer sein, um auf der schwierigsten Strecke der Welt zu siegen.

Sie haben das gleich zweimal geschafft, 1973 und 1974. Der Ex-Skirennfahrer Marco Büchel sagte im ZDF, dass jeder Abfahrer von der Angst ergriffen wird, wenn er im Starthaus der Streif stehe, weil es gleich steil runtergehe. Erging es Ihnen auch so?

Collombin: Jeder denkt, dass es unmöglich sei, da runterzukommen – und erst noch gesund. Das ist der erste Eindruck. Ja, ich glaube, ich hatte damals schon auch Angst, aber je mehr man sich mit der Strecke auseinandersetzt, je mehr man sich fokussiert und konzentriert, umso mehr wird daraus Respekt.

Hermann Maier, die österreichische Ski-Legende, erklärte jüngst, dass es auf der Streif keine Zufallssieger gebe, weil man Erfahrung brauche, um zu gewinnen, weil man wissen müsse, was man auf welchem Streckenteil riskieren könne, sonst ende die Geschichte mit dem Karrierenende oder noch schlimmer. Sie scheinen eine Ausnahme zu sein, gewannen die Streif schon mit 21 und 22.

Collombin: Ich hatte wirklich mehr Mut als Erfahrung (er lacht). Aber die Strecke und ich, das hat irgendwie ganz gut gepasst.

So gut, dass Sie sich vor Ihrem zweiten Sieg in Kitzbühel sogar leisten konnten, das erste Training zu schwänzen.

Collombin: (schmunzelt) Ja, ich konnte um drei Uhr in der Nacht immer noch nicht schlafen. Und dann war ich einfach zu müde, um aufzustehen.

Weil Sie um die Häuser gezogen sind?

Collombin: Nein, ich konnte einfach nicht schlafen.

Und im zweiten Training sind Sie aufrecht hinunter gefahren?

Collombin: Ja, das stimmt.

Aber das Rennen haben Sie dann gewonnen.

Collombin: Als ich im Ziel angekommen bin, sah ich in die verdutzten Gesichter der Zuschauer. Kaum einer applaudierte, alle schienen geschockt (schmunzelt). Ich hatte Bestzeit, dabei hiess es doch, Collombin sei nicht in Form, weil er im Training hinten gelegen hatte.

1972, als Sie hinter Bernhard Russi Zweiter an den Olympischen Spielen in Sapporo wurden, mussten Sie vom damaligen Delegationsleiter und späteren Bundesrat Adolf Ogi nach einer Nacht aus dem Gefängnis geholt werden. Was passierte damals?

Collombin: Mit dem Eishockey-Spieler Jacques Pousaz machte ich ein Fest, weil ich meinen Medaillengewinn gebührend feiern wollte.

Und dann gab es eine Prügelei.

Collombin: Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Die Details müssen Sie bei der Polizei erfragen (lacht).

Worauf ich eigentlich hinaus will: Kann man sagen, dass Sie der letzte Schweizer Rock ’n’ Roller im Ski-Weltcup waren?

Collombin: Ja, das ist wohl so. Ich habe gut gelebt und trotzdem gewonnen.

Ist das in der heutigen Zeit, bei all der Professionalität im Ski-Weltcup, überhaupt noch möglich, ein Bonvivant zu sein und Erfolg zu haben?

Collombin: Ich glaube schon. Ich denke da an Alberto Tomba. Oder in der Gegenwart an Bode Miller, der, so glaube ich, sicher auch ein wenig Rock ’n’ Roller ist.

Wie schätzen Sie die Chancen auf einen Schweizer Sieg am Samstag in Kitzbühel ein?

Collombin: Als absolut intakt. Carlo Janka hätte schon das Lauberhorn gewonnen, wenn er im Kernen-S keinen Fehler begangen hätte. Er ist wieder da.

Vier Jahre nach Ihrem Debüt 1971 im Weltcup war Ihre Karriere vorbei. Wie ein Jahr zuvor stürzten Sie im Training zur Abfahrt in Val d’Isère schwer und waren danach sogar zwei Tage gelähmt. Denken Sie manchmal daran, was Sie für weitere Erfolge verpasst haben könnten?

Collombin: Darauf kann ich problemlos mit einem Nein antworten, weil ich nun wirklich kein Nostalgiker bin. Ich hatte zwei Tage lang kein Gefühl mehr in meinen Beinen, und darum war ich nur froh darüber, dass ich danach wieder laufen konnte. Bis heute geht es mir gut. Aber wissen Sie was?

Nein, aber Sie werden es hoffentlich gleich sagen.

Collombin: Mich wurmte vor allem, dass ich vor diesem schweren Sturz viel trainiert hatte und mich in grosser Form fühlte. Ich hätte bei den Olympischen Spielen 1976 eine gewisse Rolle spielen können.

Damals triumphierte Franz Klammer vor Bernhard Russi am Patscherkofel.

Collombin: Sie werden am nächsten Mittwoch meine Gäste bei der offiziellen Eröffnung meiner Bar Raclette in Martigny sein.

Aber Sie waren doch jahrelang Weinhändler.

Collombin: Ja, aber die Getränkehandlung habe ich vor einem Jahr verkauft.

Mit Bernhard Russi laden Sie einen ehemaligen Teamkollegen ein, der in der Deutschschweiz wegen seines Olympiasieges, seiner beiden WM-Titel und vor allem seiner Tätigkeit als TV-Experte viel bekannter ist als Sie. Dabei waren Sie es, der auf gefährlichen Pisten triumphiert hat – Russi in seiner ganzen Karriere hingegen nie.

Collombin: (schmunzelt). Das stimmt schon. Aber vergessen Sie nicht: In Kitzbühel war Russi mal Zweiter – natürlich hinter Collombin.

Roland Collombin

Geburtstag: 17. Februar 1951

Geburtsort: Versegères

Grösse/Gewicht: 175 cm/80 kg

Grösste Erfolge: Olympia-Silber und WM-Silber 1972, zweimal Disziplinen-Sieger in der Abfahrt (1973 und 1974), acht Weltcup-Siege (1972 Gröden/It, 1973 zweimal Garmisch-Partenkirchen/De, 1973 Kitzbühel/Ö, 1974 Garmisch-Partenkirchen/De, Avoriaz/Fr, Wengen/Sz, Kitzbühel/Ö).
Karrierenende: 7. Dezember 1975 nach einem Sturz auf der Piste Oreiller-Killy in Val d‘Isère, seither wird die Stelle «Bosse à Collombin» genannt.