SKI ALPIN: Hans Flatscher: «Es braucht auch Gelassenheit»

Der Cheftrainer zieht Zwischenbilanz: Hans Flatscher spricht über die Leistungen der Zentral- schweizerinnen und richtet den Blick auf die WM 2017.

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Stehen besser da als noch in der vergangenen Saison: die Schweizer Skifahrerinnen Michelle Gisin, Lara Gut, Wendy Holdener und Fabienne Suter (v. l.). (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Stehen besser da als noch in der vergangenen Saison: die Schweizer Skifahrerinnen Michelle Gisin, Lara Gut, Wendy Holdener und Fabienne Suter (v. l.). (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Interview claudio zanini

Zehn Podestplätze stehen bisher zu Buche. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine ganze Menge. Denn in der Saison 2014/15 standen Schweizer Skifahrerinnen nur dreimal auf dem Podium. Hinzu kam die Bronzemedaille von Lara Gut in der WM-Abfahrt von Beaver Creek. Man war sich einig: Die Ausbeute des Verbands ist in Relation zu den aufgewendeten finanziellen Mitteln zu wenig.

Doch nun hat sich die Situation geändert. Die Schweizerinnen sind schnell unterwegs und beweisen in dieser Saison, dass sie in allen Disziplinen – Riesenslalom ausgenommen – vorne mitfahren können. Im Interview erklärt Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher, gerade unterwegs in Garmisch-Partenkirchen, warum es in dieser Saison besser läuft und wo die Zentralschweizer Fahrerinnen noch Verbesserungspotenzial haben.

Hans Flatscher, Sie tönen gestresst.

Täuscht der Eindruck?

Hans Flatscher: Nein, nein, alles gut. Ich bin grad unterwegs. Der übliche Zirkus halt. (lacht)

Eigentlich müssten Sie zufrieden sein. 10 Podestplätze nach 23 Rennen. Ihr Team macht einen soliden Eindruck in dieser Saison.

Flatscher: Ich bin zufrieden mit den Leistungen. Wenn man die Situation im Frühling betrachtet, haben wir die Mannschaft ein Stück vorwärtsgebracht und sind nun sicher auf Kurs. Bezüglich der Resultate wäre es überheblich, wenn wir noch mehr erwartet hätten. Froh war ich, dass wir bereits von Anfang an gute Leistungen erbracht haben. Denn bis Mitte Januar wäre unsere Gnadenfrist abgelaufen, und die Rücktritte nach der letzten Saison wären vergessen gewesen.

Was läuft grundsätzlich besser als im letzten Jahr?

Flatscher: Man kann es nicht an einem Aspekt festmachen. Die Mannschaft ist gesund und hat sich weiterentwickelt. Wir haben nichts über den Haufen geworfen nach dem Ausbleiben der gewünschten Resultate und haben uns nicht von unserem Weg abbringen lassen. Es gab viele Diskussionen im Frühjahr. Jetzt haben wir einen Spirit entwickelt. Ein gutes Klima. Aber verstehen Sie mich nicht falsch – kein Wohlfühlklima.

Führen die fehlenden Grossanlässe letztlich einfach zu weniger Druck?

Flatscher: Der Druck beginnt jedes Jahr in Sölden und endet im Weltcup-Finale. Dass keine Grossanlässe stattfinden, spielt für Betreuer und Athleten keine Rolle. Wir gehören einem Verband an, der einiges an finanziellen Mitteln verbratet. Dadurch sind wir auch zu Leistungen verpflichtet.

In Val d’Isere gelang den Schweizerinnen ein Effort mit vier Podestplätzen. Seither sind die Spitzenplatzierungen ein wenig zurückgegangen. Haben Sie mehr erwartet?

Flatscher: Der weitere Verlauf nach Val d’Isere entspricht ziemlich genau meinen Erwartungen. Fabienne Suter fiel verletzungsbedingt aus, Lara Gut schied in der Abfahrt von Zauchensee aus – dann wird die Decke auf einmal ganz dünn. Die anderen Fahrerinnen haben seither teilweise die Leistungen erbracht.

Reden wir doch gleich über Fabienne Suter. Wie wichtig ist sie momentan für das Team?

Flatscher: Sie ist ein tragendes Element und hat sicherlich neue Freude am Skifahren gefunden. Die Auszeit im Sommer hat ihr gutgetan. Sie ist in guter physischer Verfassung im Sommer etwas später zum Team gestossen, hat aber sicher nicht weniger Ski-Tage als die anderen absolviert. Nach der Verletzung lief es ihr von Tag zu Tag besser. Ob jetzt in Garmisch schon alles aufgeht für sie, ist eine andere Frage.

Corinne Suter fährt regelmässig in die Top Ten. Wo hat sie die grössten Fortschritte gemacht?

Flatscher: Corinne legte sich die Latte in der Vergangenheit zu hoch und hat sich manchmal fast zermürbt, wenn es ihr nicht lief. Nun hat sie gelernt, realistische Ziele zu setzen. Sie ist reifer geworden und kann ihre Leistung besser einordnen. In der Abfahrt gibt es wenige Athletinnen ihres Alters, die mit ihr mithalten können. Im technischen Bereich hat sie sicher noch Entwicklungspotenzial. Ziel ist, dass sie im Riesenslalom auch Weltcup-Rennen fährt. Aber für diesen Schritt brauchen wir noch etwas Zeit.

Stichwort Riesenslalom: In dieser Disziplin kann eigentlich nur Lara Gut vorne mithalten. Welche Fahrerinnen werden sonst noch aufgebaut?

Flatscher: Das ist sicher die Disziplin, in der wir uns am schwersten tun. Wendy Holdener kann kontinuierlich in die Punkte fahren. Simone Wild und Rahel Kopp haben das auch schon erreicht. Dahinter haben wir in der zweiten Reihe Fahrerinnen, die noch im Europacup stationiert sind, aber in absehbarer Zeit zu Weltcup-Punkten gelangen werden.

Wendy Holdener hat bisher mit einem zweiten Rang im Slalom geglänzt. Was braucht es bei ihr, dass sie den Sprung nach ganz vorne schafft?

Flatscher: Das wird irgendwann einfach passieren, das kann man nicht erzwingen. Auf das Podest zu fahren ist das eine, gewinnen aber noch mal was anderes. Die Richtung bei Wendy stimmt sicher, aber da braucht es eine gewisse Gelassenheit.

Bei Michelle Gisin stagnieren die Resultate. Braucht es bei ihr auch einfach Gelassenheit?

Flatscher: Nein, das ist ein anderes Thema. Bei Michelle werden die Spitzenplatzierungen nicht von selbst passieren. Sie hat gute Schwünge, aber es braucht noch Training, damit sie stabiler wird. Bei ihr ist das Ziel, dass sie es unter die Top 7 schafft und in der ersten Gruppe starten kann.

Eine andere Obwaldnerin, Priska Nufer, musste mit ihrem Sturz in Val d’Isere einmal mehr einen Rückschlag hinnehmen. Wo steht sie jetzt?

Flatscher: Sie war auf dem Weg, einen grossen Schritt zu machen. In Val d’Isere hat sie einen regelrechten Abflug ins Netz erlebt. Danach die Sicherheit zurückzuerlangen, braucht einen Moment. Priska muss sich wieder überwinden können. Super-G ist sicher ihre stärkste Disziplin, aber sie kann auch in der Super-Kombination stark sein.

Von den bisher zehn Podestplätzen gingen sieben auf das Konto von Lara Gut. Haben Sie genug Breite im Kader im Hinblick auf die WM 2017 in St. Moritz?

Flatscher: Wir wollen bis zur WM in jeder Disziplin Athletinnen haben, die Medaillen gewinnen können. Momentan fehlt uns diese Breite noch. Aber ich bin überzeugt, dass es nicht utopisch ist, ein solches Ziel zu verfolgen.