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SKI ALPIN: «Ich habe ein gutes Gewissen»

Das Sportjahr 2014 ist geprägt von zwei Grossanlässen: der Fussball-WM – und den Olympischen Winterspielen. Bernhard Russi (65) hat in Sotschi die Skipisten erschaffen. Im Interview spricht der Abfahrts-Olympiasieger von 1972 über seine Abenteuer, die er bei der Arbeit in Russland erlebte, die Kritik an den Spielen von Sotschi und den Wandel der Olympischen Spiele.
Interview Stefan Klinger
Bernhard Russi besichtigt im Februar 2012 die Abfahrtspiste in Krasnaja Poljana, die er für die Olympischen Spiele gebaut hat. (Bild: Keystone/Della Bella)

Bernhard Russi besichtigt im Februar 2012 die Abfahrtspiste in Krasnaja Poljana, die er für die Olympischen Spiele gebaut hat. (Bild: Keystone/Della Bella)

Bernhard Russi*, in Wolgograd, nur 700 Kilometer von Sotschi entfernt, hat es zwei Anschläge mit mindestens 31 Todesopfern gegeben. Welches Gefühl beschleicht Sie da vor dem Hintergrund, dass Anfang Februar die Olympischen Spiele eröffnet werden, bei denen Sie dann auch vor Ort sind?

Bernhard Russi: Leider ist es heutzutage so, dass dir auf der ganzen Welt etwas passieren kann. Man muss ja nur mal überlegen, wo es schon überall Anschläge gegeben hat. Da ich jeden Tag im Radio von Anschlägen höre, ist mir natürlich auch bewusst, dass es da und dort innenpolitische Schwierigkeiten gibt. Aber ich finde, dass es keinen Wert hat, sich deswegen verrückt machen zu lassen. Ich bin davon überzeugt, dass alles getan wird, damit die Olympischen Spiele in Sotschi sicher sind.

Dann ist die Vorfreude auf Olympia bei Ihnen also ungetrübt.

Russi: Ich fiebere den Spielen zwar nicht so entgegen, wie es ein Athlet vielleicht tut, bei mir steigt auch nicht von Woche zu Woche die Anspannung, aber ich freue mich sehr auf Olympia in Sotschi. Immerhin ist es für mich der Abschluss einer achtjährigen Tätigkeit.

Wie oft waren Sie denn in dieser Zeit in Sotschi?

Russi: Ganz genau weiss ich das nicht, aber ich war auf jeden Fall zwischen 20 und 30 Mal dort.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie das erste Mal auf der künftigen Olympiastrecke standen?

Russi: Oh ja, das war ein ziemliches Abenteuer. Das Gebiet war ja relativ unangetastet. Da gab es zwar ein, zwei Forstwege, aber die waren eigentlich auch zugewachsen. Daher sind wir mit unserer Delegation im Helikopter dorthin geflogen. Allerdings konnte der Pilot wegen des schlechten Wetters nicht landen. Da habe ich ihn gebeten, ein bisschen tiefer zu fliegen. Als ich dann das Gefühl hatte, dass wir niedrig genug sind, bin ich abgesprungen. Im Heli waren noch 20 andere Leute, 18 von ihnen sind wieder ins Tal geflogen. Wir sind dann zu dritt den Berg hinuntergelaufen, in einem Gebiet, in dem noch nie gross jemand war. Überall Wald, Steine und Bäche.

Warum haben Sie das gemacht?

Russi: Um mir Geländeübergänge anzuschauen, die attraktiv werden könnten, um dann darüber die Skipiste verlaufen zu lassen. Ich habe an Bäumen und Steinen oder auf dem Boden verschieden farbige Markierungen angebracht. Der Geometer hat diese Punkte dann per GPS auf einen Plan übertragen. Das war die erste von sechs bis sieben Begehungen, bei denen wir dann immer wieder etwas verändert haben, bis wir am Ende die Linie für den Pistenverlauf hatten.

Und dann der Wald so gerodet wurde, wie Sie es sich gewünscht haben.

Russi: Am Ende ja. Aber bis wir diese endgültige Linie hatten, mussten wir auf einiges Rücksicht nehmen. Wir waren im ständigen Gespräch mit den Förstern, weil es mit dem Umweltschutz und der Forstwirtschaft sehr eng gehalten wurde. Da mussten wir oft um etwas herumbauen oder einen anderen Weg nehmen. Das traut man den Russen gar nicht so zu. Ausserdem muss zum Thema Eingriff in die Natur noch eines erwähnt werden.

Bitte, nur zu.

Russi: Ich habe dort die Situation angetroffen, dass in diesem Gebiet Lawinen schon ein paar Schneisen geschlagen hatten. Zwei Drittel der Skipisten sind auf Lawinenzügen entstanden. Da mussten wir nur den Abschnitt oben am Kamm beispielsweise mit Abschussanlagen sichern, nichts mehr holzen. Daher habe ich ein gutes Gewissen. Und man muss auch eines wissen: Die Russen wollten ein schönes Skigebiet mit attraktiven Pisten und einer Wettkampfstrecke. Als ich den Auftrag dafür bekommen habe, war noch gar nicht klar, dass Olympia dort stattfindet. Die Russen hätten dieses Skigebiet auch ohne Olympia gebaut.

Aber braucht es wirklich ein Skigebiet an dieser Stelle und Olympische Winterspiele am Schwarzen Meer, an der russischen Riviera, wie die Gegend um Sotschi im Volksmund genannt wird?

Russi: Sie müssen sehen, dass Russland das wahrscheinlich am meisten wachsende Land im Skisport ist. Die Nachfrage ist in Russland enorm gestiegen. Ausserdem muss man das mit der geografischen Lage von Sotschi sehr relativieren. Sotschi liegt auf demselben Breitengrad wie Nizza. Im Fall von Nizza oder Saint Tropez haben Sie ja auch nicht allzu weit entfernt auf der Südseite der Alpen schöne Skigebiete. Und wenn vor dem Eishockeystadion von Sotschi Palmen wachsen, ist das auch nichts anderes als in Lugano.

Sie sind 1972 in Sapporo Abfahrts-Olympiasieger geworden und haben 1976 in Innsbruck in der Abfahrt Silber geholt. Wenn Sie diese beiden Spiele mit Olympia im 21. Jahrhundert vergleichen: Würden Sie sagen, dass die Olympischen Spiele eine gute Entwicklung genommen haben?

Russi: Man muss sich ernsthaft überlegen, ob Olympia nicht zu gigantisch geworden ist. Ich finde, dass Olympia überreizt ist und die Frage nun lauten muss: Wie kann man das Rad zurückdrehen? Ich würde es fantastisch finden, wenn man sich zusammenrauft und sagt: Wir tun etwas dagegen. Doch Sie müssen das auch mal ganz runterbrechen. Ein Drittel weniger in allen Bereichen heisst nicht nur weniger Wettbewerbe und weniger Athleten – sondern auch weniger Medien. Es ist relativ leicht «Gigantismus» zu schreien. Aber die, die das jetzt schreien, sind die, die dort hingehen – und am Ende kann ich dann Olympia auf zehn TV-Kanälen sehen. Vor allem bedeutet eine kleinere Version von Olympia weniger Geld für die internationalen und dadurch dann auch für die nationalen Sportverbände. Es ist nicht das Internationale Olympische Komitee, das das Rad antreibt, sondern es sind die internationalen Sportverbände. Die entscheiden, wie viele Hallen gebaut werden, und die nutzen Olympia als Turbo.

Wenn man allerdings alles so weiterlaufen lässt, wird es irgendwann kaum mehr eine Stadt, kaum mehr ein Land geben, das Olympische Spiele austrägt. Unabhängig vom Eingriff in die Natur sind viele Staaten angesichts ihrer Alltagsprobleme auch nicht mehr in der Lage, derart viel Geld in Olympia zu investieren.

Russi: Das Nein zu Olympia in Graubünden und in München muss man als Warnsignal erkennen. Und klar hören sich 50 Milliarden Franken im Fall von Sotschi wahnsinnig an. Aber man muss die Zahl auch ein bisschen differenziert anschauen und sehen, für was das Geld gebraucht wurde. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Luzern Olympiastadt ist, aber es die Strassen und Bahnverbindungen nach Engelberg und Andermatt nicht gibt, kostet es eben viel Geld, um dort Skirennen, Skispringen, Biathlon und so weiter auszutragen. Und das ist im Fall von Sotschi und Krasnaja Poljana eine nachhaltige Investition: Im Tal Krasnaja Poljana, wo das Skigebiet entstanden ist, leben 4000 Leute. 50 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Sie werden extrem vom künftigen Tourismus profitieren.

* Bernhard Russi gewann 1972 an den Olympischen Spielen im japanischen Sapporo die Goldmedaille in der Abfahrt, zweimal den Abfahrtsweltcup und insgesamt zehn Weltcup-Rennen. Der 65-Jährige hat zwei Kinder, Ian (33) und Jennifer (21), und lebt mit seiner Frau Mari in Andermatt. Der gelernte Hochbauzeichner arbeitet unter anderem als technischer Berater für den Internationalen Skiverband (FIS) und hat mehr als 20 Rennstrecken neu geplant oder umgestaltet.

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