SKI ALPIN: Ist Patrick Küng reif für die Streif?

Patrick Küng zählt bei der Abfahrt von Kitzbühel zu den Topfavoriten. Der 30-Jährige muss dabei jedoch nicht nur gegen die vielen Tücken auf der Piste bestehen.

Stefan Klinger, Kitzbühel
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Patrick Küng erlebt derzeit ergreifende Momente. (Bild: Keystone)

Patrick Küng erlebt derzeit ergreifende Momente. (Bild: Keystone)

In den vergangenen Tagen erhielt Patrick Küng ein Video, das ihn im innersten Kern berührte. Ein Video, das ein Fan auf der Wengernalp aufgenommen hat und Küng bei der Fahrt zu seinem grössten Erfolg zeigt – den Sieg am Lauberhorn am vergangenen Samstag. «Dieses Video geht unter die Haut», schwärmt der 30-jährige Glarner, «es ist sehr cool, wenn du siehst, welche Stimmung da im Publikum bei meiner Fahrt war.» Es war ein ergreifender Moment für Küng, als er sich dieses Video zum ersten Mal anschaute. Ein Moment, in dem er all die Emotionen vom Sieg in Wengen noch einmal aufleben liess und so richtig genoss – und damit eine grosse Ausnahme war.

Zuletzt «nicht sehr gut geschlafen»

Denn seit seinem Triumph hatte Küng vor allem eines: viel Stress – und so gut wie keine Zeit, um all die schönen Erlebnisse rund um die Abfahrt am Lauberhorn mal ausführlich zu geniessen. «Den Weltcupsieg in Beaver Creek konnte ich viel mehr geniessen. Da hatte ich auf dem langen Rückflug aus den USA genügend Zeit, um alles nochmals Revue passieren zu lassen», sagt Küng, «den Sieg in Wengen habe ich bislang noch kaum geniessen können. Denn in den letzten Tagen war so viel los gewesen.»

Und das hat bei ihm Spuren hinterlassen. Zwar habe der Trubel ein wenig abgenommen, seit er am Montagabend nach Kitzbühel «abgehauen» ist, wie er es formuliert. Die aufgekommene Euphorie um seine Person beschäftigte ihn trotzdem. «In den letzten Tagen habe ich nicht sehr gut geschlafen», sagt er, «ich weiss nicht, woran das liegt. Aber ich bin sicher nicht ganz frei im Kopf.»

Und so lauten die alles entscheidenden Fragen vor dem berüchtigtsten Skirennen der Welt: Gelingt es Patrick Küng, sich bis Samstag von den Strapazen durch die Begleiterscheinungen seines jüngsten Erfolges zu erholen, um dann im physischen und psychischen Bereich frisch an den Start zu gehen? Schafft es Küng, der vor dieser Saison noch nie ein Weltcuprennen gewonnen hat und deshalb auch noch nie derart im Rampenlicht stand, sich vollkommen auf das Rennen auf der Streif zu fokussieren?

Zumindest das Phänomen des Spannungslochs, in das Beat Feuz nach eigener Aussage vor zwei Jahren nach seinem Sieg in Wengen gefallen war und sich deshalb dann nicht mehr zu 100 Prozent auf das Rennen in Kitzbühel konzentrieren konnte, scheint Küng nicht spüren. «Ich bin hungrig auf mehr», sagt er, «ich glaube nicht, dass bei mir nun die Spannung weg ist.»

Küng kämpft für seinen Marktwert

Es ist ein erstes positives Zeichen, dass Patrick Küng mit der für ihn neuen Situation umgehen kann. Ein Zeichen, das zuversichtlich stimmt. Denn klar ist: Die Frage, ob Patrick Küng am Samstag als erst vierter Schweizer nach Roland Colombin (1974), Franz Heinzer (1992) und Didier Défago (2009) innerhalb kürzester Zeit die so prestigeträchtigen Rennen in Wengen und Kitzbühel gewinnt, entscheidet sich in erster Linie dadurch, wie er mit den Ereignissen rund ums Rennen klarkommt. Denn für die Anforderungen auf der Piste ist er parat. «In Kitzbühel braucht es mehr Überwindung als in Wengen. Wenn man hier nicht zu 100 Prozent in Form ist, dann darf man keinesfalls zu viel riskieren», sagt er und fügt selbstbewusst hinzu: «Mein Selbstvertrauen ist jetzt gross. Ich kann hier vielleicht mehr ans Limit gehen als andere. Ich bin gut in Form – auch hier ist etwas möglich.»

Und das würde sich für ihn ganz besonders auszahlen. Denn neben einer Menge Ruhm steht für Patrick Küng auch noch etwas anderes auf dem Spiel. Am Saisonende enden die Verträge mit seinem Kopfsponsor und seiner Skimarke. Im Bezug auf die Ski soll Branchenprimus Head bereits seine Fühler ausgestreckt haben. Ganz sicher ist: Durch den Sieg in Wengen hat Patrick Küng seinen Marktwert schon deutlich gesteigert. Am Samstag in Kitzbühel und zwei Wochen später in Sotschi kann er ihn nun um ein Vielfaches erhöhen.

Das sind die Doppelsieger

Zwölf Athleten haben bereits innerhalb einer Saison die Abfahrten in Wengen und Kitzbühel gewonnen: Christian Pravda (Ö) 1954
Toni Sailer (Ö) 1956 und 1957
Guy Périllat (Fr) 1961
Karl Schranz (Ö) 1966 und 1969
Jean-Claude Killy (Fr) 1967
Gerhard Nenning (Ö) 1968
Roland Collombin (Sz) 1974
Franz Klammer (Ö) 1975, 1976 und 1977
Ken Read (Kan) 1980
Franz Heinzer (Sz) 1992
Stephan Eberharter (Ö) 2002
Didier Défago (Sz) 2009

Wetter bedroht die Hauptattraktion

Neues Programm kli. Die milden Temperaturen der vergangenen Tage bereiten den Strategen bei den Weltcuprennen von Kitzbühel grosse Sorgen. «Im oberen Bereich der Strecke ist alles perfekt», sagt FIS-Renndirektor Günter Hujara, «aber ab der Alten Schneise haben wir, Stand Mittwochabend, noch immer keine Abfahrts-Rennpiste. Im unteren Teil der Strecke war es in den letzten Tagen viel zu warm, da ist die Piste zu weich.» Die Hoffnung: In der Nacht auf heute sollten die Temperaturen deutlich unter den Gefrierpunkt gefallen sein und auch tagsüber heute darunter liegen. In diesem Fall könnte das für 11.30 Uhr (ORF 1) angesetzte Training stattfinden. Erst kurz vor dem Start wird entschieden, ob die Strecke im unteren Bereich über die berühmte Hausbergkante führt oder diese Passage ausgelassen und stattdessen über den Slalomhang ins Ziel gefahren wird. Sollte das der Fall sein, wäre das Rennen am Samstag der Hauptattraktion beraubt, weil Renn- und Trainingspiste identisch sein müssen.
Und damit des drohenden Unheils nicht genug: Sollte das Training heute nicht stattfinden, würde es auf Samstag verschoben werden – auf den publikumsträchtigsten Tag. Die Abfahrt würde dann am Sonntag ausgetragen werden und die für Sonntag angesetzte Super-Kombination ausfallen. Der Slalom ist indes auf Freitag vorgezogen worden. Wegen des für Freitag vorhergesagten starken Schneefalls ist ein Speedrennen an diesem Tag nicht möglich.