SKI ALPIN: Lara Gut – Superstar ohne eine einzige Stunde Skischule

Eine Schweizer Gesamtweltcup-Siegerin nach 21 Jahren: Das Skiwunder Lara Gut (24) nahm 2007 auf 3200 Metern über Meer seinen unkon- ventionellen Anfang.

Richard Hegglin, St. Moritz
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Lara Gut im Jahr 2007 als 15-jähriger Teenager. (Bild: Keystone / Alessandro Della Bella)

Lara Gut im Jahr 2007 als 15-jähriger Teenager. (Bild: Keystone / Alessandro Della Bella)

Es sind oft die ersten Eindrücke, die bleiben. 9 Uhr im März 2007, Super-G-Wettkampftag an der Schweizer Meisterschaft, Schauplatz Talstation Piste de l’Ours in Veysonnaz. Die Topathletinnen stehen mit hängenden Köpfen herum. Was ist los? Rennen abgesagt?

Nein, es ist schon zu Ende. Vorgezogen ins Morgengrauen wegen schlechten Wetters. Und wer hat gewonnen? «Die da!» Wer ist «die da»? Da stand ein kleines Mädchen mitten zwischen den Stars, mit einem ausgeleierten blau-schwarz gepunkteten Anzug der spanischen Skinationalmannschaft. Es war Lara Gut.

Im Ersatzanzug ihrer Trainingskollegin José Maria Rienda Contreras, damals Seriensiegerin im Weltcup, fuhr die nun 15-jährige Lara Gut in ihrem ersten Meisterschaftsrennen allen Stars «um die Ohren» und gewann den Titel. Später, bei der Siegerehrung zwischen Fabienne Suter und der Olympiazweiten Martina Schild stehend, hatte sie sich dann eine grüne Skijacke übergestreift.

Nicht auf dem Radar der Medien

So ging es überall, wo Lara Gut in jener Saison 2006/07 auftauchte. Vorher hatte sie keine FIS-Rennen bestreiten dürfen. Die Limite liegt bei 15 Jahren. An der Trofeo Topolino in Italien, dem berühmtesten Kinderskirennen der Welt für 11- bis 14-Jährige, hatte sie zwar mit einem Sieg schon ihre Visitenkarte abgegeben. Aber davon nahm man in der Schweiz kaum Notiz, obwohl die Siegerliste dort ein Who is who des Skisports ist: Janica Kostelic, Lindsey Vonn, Tina Maze, Anna Fenninger, Mikaela Shiffrin – und eben Lara Gut. Da Lara Gut Tessinerin ist, ist sie ohnehin unter dem Radar der Deutschschweizer Medien durchgerutscht. Kaum jemand bemerkte, was sich in der Sonnenstube tat. Dass da ein unbekümmerter Teenager im Begriff war, die Skiwelt aufzumischen. Dabei waren in ihrem Skigebiet, der Alpe Pescium in Airolo, schon zwei Ikonen des Skisports gross geworden – Michela Figini und Doris de Agostini.

De Agostini, die Ski-Beauty mit der Modelfigur, ging noch mit Laras Vater Pauli zur Schule. Und sie alle waren Mitglieder des Skiclubs Airolo. Aber Pauli Gut war Doris de Agostini weniger wegen seines skifahrerischen Könnens aufgefallen, vielmehr wegen seiner musischen Begabung: «Er hatte aussergewöhnliches Talent im Zeichnen. Er malte geniale Bilder», sagte Doris de Agostini.

So ging dann Pauli Guts Weg mehr in Richtung Kunst als Sport. «Ich ging», erzählt er, «nach Mailand in die Kunstakademie und liess mich später zum Lehrer ausbilden.» In Lugano erhielt er eine Anstellung, zog von Airolo nach Comano und lernte seine Frau Gabriella kennen, eine Sportlehrerin aus dem Jura mit italienischen Wurzeln. Deren Vater stammte aus Brescia, die Mutter aus dem Liechtenstein, weshalb Lara, die 1991 zur Welt kam, auch die italienische und die liechtensteinische Nationalität besitzt.

Meistens im Toblerone-Hüttchen

So also begann es mit dem Skiwunder Lara Gut. Denn damals, als Lara als Zweijährige von ihrer Tante Plastik-Ski bekam, war sie nicht mehr zu bremsen, zuerst im Garten, dann auf Schnee. Sie besass einen natürlichen Instinkt für dieses Gerät und einen unwiderstehlichen Bewegungsdrang. «Sie hatte keine Stunde Skischule», sagt Mama Gabriella, «sie machte automatisch alles richtig.»

«Wir hatten, da wir beide Lehrer waren, im Sommer viel Zeit», erzählt Pauli Gut. Sie kauften sich ein Wohnmobil und kurvten in Europa herum. Airolo, wo Vater Pauli mit seinem Jugendfreund Mauro Pini im elterlichen Betrieb als Schreiner gearbeitet hatte, wurde zum Basislager, Pini später zum Co-Trainer. «Primär», so Gut, «machten wir das aus Plausch, weil Lara Spass daran hatte.» Doris de Agostini traut sich nicht zu, das aussergewöhnliche Talent von Lara schon damals erkannt zu haben: «Sie fuhr sehr gut, aber ich sah sie zu wenig. Meist weilten die Guts in ihren Toblerone-Hüttchen am Griesgletscher.»

Papa Gut erklärt das Geheimnis dieser Toblerone-Häuschen, die wegen des spitzen Giebeldachs so genannt wurden: «Das war auf 3200 Metern. Ich habe sie zusammen mit meinem Vater gebaut. Wir verbrachten viel Zeit auf dem Gletscher. Einmal waren wir zehn Tage am Stück dort oben, nur Lara und ich.» Was für die Kostelics einst ein klappriger VW-Bus war, waren für die Guts die Toblerone-Häuschen – ein Herberge der andern Art.

Der Sturz aufs Podest

Und so mutierte der Plausch allmählich in Sport, in knallharten Spitzensport. Paul Gut gründete einen eigenen Skiclub, weil sich seine Ideen mit jenen des SC Airolo nicht mehr deckten. Und kaum war Lara 15, gings los mit FIS-Renneinsätzen. Die erstbeste Gelegenheit bot sich in Las Lenas, wo Lara Gut auf Anhieb Zweite und drei Tage später argentinische Meisterin wurde – und Ende Saison auch Schweizer Meisterin.

46 Rennen bestritt sie in ihrem ersten Skiwinter, mehr als heute. Dazu gehörten auch die Junioren-WM, wo sie hinter Tina Weirather den Titel um 0,07 Sekunden verpasste. Notfallmässig war für sie ein Rennanzug angefertigt worden, da sie ja nicht in spanischem Kleid antreten konnte. «Political correctness» war schon damals nicht ihre Stärke. Diese bewies sie dann auf der Piste, wo sie ein Jahr später in St. Moritz ihr denkwürdiges Abfahrtsdebüt mit dem Sturz ins Ziel und aufs Podest gab.

Lara Gut im Jahr 2007 als Super-G-Siegerin zwischen Fabienne Suter und Martina Schild (ganz links). (Bild: Keystone / Olivier Maire)

Lara Gut im Jahr 2007 als Super-G-Siegerin zwischen Fabienne Suter und Martina Schild (ganz links). (Bild: Keystone / Olivier Maire)