SKI ALPIN: Maze: Nur noch zwei Saisons in allen Disziplinen

Tina Maze ist die Dominatorin des letzten Winters. Doch die so erfolgreich verlaufene Saison hat bei der 30-Jährigen Spuren hinterlassen.

Interview Stefan Klinger
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Macht sich Gedanken über die Zukunft nach dem Profi-Sport: Tina Maze in Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Macht sich Gedanken über die Zukunft nach dem Profi-Sport: Tina Maze in Luzern. (Bild Philipp Schmidli)

Tina Maze, wie schwer fällt es Ihnen, früh aufzustehen?

Tina Maze: Für mich ist das kein Problem. Andrea (Anm. der Redaktion: Andrea Massi ist Mazes Trainer und Lebensgefährte) schläft eigentlich lieber länger, aber ich bin ein Frühaufsteher. Ich musste schon als Kind oft um 4 Uhr aufstehen, weil meine Eltern um 5.30 Uhr bei der Arbeit sein mussten und mich vorher noch in den Kindergarten gebracht haben. Heute hilft es mir im Leben als Skirennfahrerin, dass mein Körper schon als Kind an das sehr frühe Aufstehen gewohnt war.

Also haben Sie sich noch nie gedacht, dass Sie vielleicht doch den falschen Sport haben, wenn der Wecker mal wieder sehr früh klingelt.

Maze: Gerade im Sommer, wenn es zum Training auf den Gletscher geht, müssen wir schon extrem früh raus. Denn dann wird der Schnee sehr schnell zu weich. Aber das ist eine Gewohnheitssache.

Dann macht es Ihnen auch nichts aus, dass Sie am Samstag schon um 6 Uhr bei Ihnen zu Hause im italienischen Gorizia los sind, nur um am Abend bei der Saisonabschlussfeier Ihres Skiherstellers Stöckli zu sein.

Maze: Ich fühle mich jetzt zwar ein bisschen müde, aber das stört mich nicht. Denn diese Feier ist für mich mehr als nur ein Geschäftstermin. Ich finde es wichtig, dass die Leute, die unsere Ski herstellen, auch mal die Möglichkeit haben, mit den Athleten direkt in Kontakt zu kommen. Es ist wichtig, dass sie wissen, für wen und für was sie die Ski machen. Wenn du für die Nummer 30 der Welt Ski machst, ist das eine Sache. Wenn du sie aber für jemanden machst, der Kristallkugeln gewinnen will, ist das etwas anderes. Dieses Ziel erreichst du nur, wenn die ganze Firma für den Sport und meinen Erfolg lebt. Ich hoffe, dass ich durch meinen Besuch die Leute für die nächsten Jahre weiter motiviere.

Wie sieht eigentlich momentan Ihr Alltag aus, sind Sie schon wieder im Aufbautraining für die neue Saison?

Maze: Ich habe zu Beginn dieser Woche mit dem Konditionstraining angefangen. Seither gehe ich einmal pro Tag für etwa zwei Stunden joggen oder Radfahren.

Fiel es Ihnen sehr schwer, sich nach einer so erfolgreichen und emotionalen Saison nun für die Knochenarbeit Konditionstraining neu zu motivieren?

Maze: Man muss vergessen, was man alles erreicht hat. Nur dann geht es. Ich weiss, dass ich mir jetzt alles wieder neu erarbeiten muss. Aber grundsätzlich fiel mir der Einstieg ins Training schon sehr schwer. Ich hatte nach dem Saisonende dringend eine Pause gebraucht – für den Körper und den Kopf. Daher wollte ich nach dem Saisonende einfach mal gar nichts mehr machen – und habe dann auch zwei Wochen absolut gar keinen und danach nur sehr wenig Sport gemacht. Das spüre ich nun ein bisschen, aber es wird langsam besser.

Hält es ein Profisportler wirklich aus, zwei Wochen die Beine hochzulegen und gar keinen Sport zu treiben?

Maze: Für mich war das diesmal gar kein Problem. Die letzte Saison war extrem anstrengend. So anstrengend, dass ich nach Saisonende auch keine Energie mehr hatte für die Skitests. Zudem hatte ich gegen Ende der Saison ziemlich Knieschmerzen, die ein Warnsignal meines Körpers waren, dass er jetzt mal eine Pause braucht. Und ich habe mich auch im Kopf ziemlich leer gefühlt. Also sind Andrea und ich zehn Tage auf die Malediven geflogen. Dort waren wir einmal mit dem Katamaran auf dem Meer und ein bisschen surfen – aber sonst bin ich wirklich nur am Strand gelegen.

Und haben dabei über die nächste Saison nachgedacht.

Maze: Ich denke zurzeit so gut wie nie ans Skifahren und habe mich auch noch nicht gross mit der kommenden Saison und was dann meine Ziele sind und so weiter befasst. Für mich ist es gerade schwierig, ans Skifahren zu denken, weil ich im Kopf noch ziemlich leer bin. Daher will ich zurzeit so gut es geht abschalten vom Skirennsport. Ich weiss, was ich nun im Konditionstraining machen muss, damit ich zum Saisonstart parat bin. Aber sonst beschäftige ich mich gerade überhaupt nicht mit dem Skisport.

Sie sind vor ein paar Tagen 30 Jahre alt geworden, haben bis auf einen Olympiasieg nahezu alles erreicht und im vergangenen Winter prestigeträchtige Rekorde aufgestellt. Wer Sie dieser Tage erlebt, erkennt aber auch, dass die ganzen Strapazen des vergangenen Winters, in dem Sie bei allen Rennen gestartet sind, deutliche Spuren hinterlassen haben. Wie lange werden Sie sich das noch so antun?

Maze: Wir haben auch schon überlegt, ob ich künftig nur noch in zwei Disziplinen antrete, um weniger Stress zu haben. Aber das Problem ist, dass es mir unheimlich gefällt, in allen Disziplinen anzutreten und ich ja auch überall erfolgreich bin. Ich denke, dass ich noch eine Saison oder vielleicht auch zwei so weitermachen kann. Das Ziel ist jetzt mal bis zur WM 2015 in Vail (USA) zu fahren – dann sehen wir weiter.

Sie haben ja mal ein Pädagogik-Studium begonnen und es vor drei Jahren unterbrochen. Können Sie sich wirklich vorstellen, das schon bald zu Ende zu führen und dann eines Tages als Lehrerin zu arbeiten?

Maze: Sag niemals nie. Nach der Schule wollte ich Architektur studieren, aber das liess sich mit dem Skirennsport nicht vereinbaren. Den Stoff, den ich beim Pädagogik-Studium lerne, kannte ich ja teils schon vom Gymnasium. Daher war der Inhalt des Studiums nicht etwas ganz Neues wie beim Architekturstudium – und ich konnte bis vor drei Jahren Studium und Skisport betreiben. Irgendwann wurde aber auch das zu viel, ich muss jetzt meine Pausen im Sport anders gestalten und mehr zur Erholung nutzen. Aber ich weiss, dass ich nach wie vor sehr gerne mit Kindern arbeite – warum also nicht als Lehrerin. Denn eines weiss ich: Skitrainerin im Profibereich werde ich nicht.

Im vergangenen Winter waren Sie die Dominatorin im Skirennsport, haben den Gesamtweltcup und drei weitere Weltcupwertungen gewonnen, haben 2414 Punkte geholt – so viele wie noch nie jemand – und und und. Wie gross war da der Rummel um Ihre Person in Slowenien?

Maze: Als ich nach dem Weltcupfinal mein Heimatdorf Crna na Koroskem besucht habe, haben mich dort 4000 Leute auf dem Dorfplatz empfangen. Obwohl es da den ganzen Tag sehr stark geregnet hatte, haben die alle nur wegen mir ausgeharrt. Am nächsten Tag gab es eine weitere Feier für mich in Ljubljana mit 11 000 Fans. Das war alles sehr emotional und hat mich an früher erinnert.

Inwiefern?

Maze: Wir sind zwar nur ein kleines Dorf mit 2500 Einwohnern, aber haben immerhin neun Olympiateilnehmer hervorgebracht, unter anderen die beiden Skirennfahrer Mitja Kunc und Katjusa Pusnik. Und wenn die von einem Rennen zurückkamen, bei dem sie einen Podestplatz geholt hatten, hat immer das ganze Dorf ein riesiges Fest für sie veranstaltet. Ich war damals natürlich auch immer auf dem Dorfplatz dabei. Diese Erlebnisse haben mich als Kind immer motiviert und angespornt. Ich dachte mir: Das will ich auch mal erleben.

Und nun sind Sie der Star des Dorfes – und sicher nicht nur des Dorfes.

Maze: Meine Freunde haben mir erzählt, dass viele Leute an ihrer Arbeitsstelle oder in den Shopping-Centern sowie die Kinder in den Schulen immer zusammen Fernsehen geschaut habe, wenn ich gefahren bin. Zudem hat mir der slowenische Präsident gesagt, dass ich durch meine Erfolge für die Leute in der Heimat ein Lichtblick in dieser schwierigen Zeit mit der hohen Arbeitslosigkeit sei. Das alles macht mich sehr stolz. Es ist schön, dass man als Sportler die Möglichkeit hat, den Menschen Kraft und Freude zu geben oder ihnen auch einfach nur einen schönen Sonntag, der sie für kurze Zeit ihre Alltagssorgen vergessen lässt, zu bescheren – und wenn einem das dann gelingt.

Sie sind nun eine überaus erfolgreiche Athletin, ein internationaler Sportstar und eine Botschafterin Ihres Landes. Hätten Sie das im Sommer 2008 nur ansatzweise für möglich gehalten?

Maze: Absolut nicht. Damals war ich sehr, sehr nah dran, mit dem Skisport aufzuhören. Als ich gesehen habe, wen der slowenische Verband für die neue Saison als Trainer verpflichtet hatte und Andrea Massi, mit dem ich damals schon zusammen war, nicht mehr wollte, habe ich gewusst, dass ich so nicht mehr weiterkomme. Dann hatte Andrea aber die Idee, ein eigenes Team aufzubauen. Das war am Anfang zwar sehr schwierig. Im ersten Jahr hatten wir von einem Sponsor ein Auto bekommen, vom slowenischen Sportminister ein bisschen Geld – das war es eigentlich schon. Inzwischen sind wir viel besser gestellt, nicht nur finanziell. Wir hatten im vergangenen Winter das perfekte Team zusammen.

Nun nicht mehr?

Maze: Techniktrainer Livio Magoni hat uns verlassen, weil er eine Familie zu Hause hat und es einfach nicht mehr geht, dass er die ganze Zeit weg von daheim ist. Ich hoffe, dass der neue genauso tickt wie wir. Aber viel wichtiger ist, dass mein Coach Andrea Massi und mein Servicemann Andrea Vianello bleiben. Es ist so schwierig, gute Leute zu finden, die das ganze Programm mitmachen. Wenn du alle fünf Disziplinen bestreitest, bist du im Winter nie daheim. Aber da habe ich jetzt zwei super Leute gefunden. Und ich brauche auch keine Angst zu haben, dass es Probleme wegen der familiären Situation gibt: Andrea Vianello ist mit der spanischen Fahrerin Carolina Ruiz Castillo zusammen – und Andrea Massi ja mit mir.