SKI ALPIN: Schneller als die Giganten

Ein einsames Duell tragen Henrik Kristoffersen und Marcel Hirscher auch in Adelboden aus. Aber Ramon Zenhäusern nimmt ihnen im 2. Lauf über eine halbe Sekunde ab und wird Siebter.

Richard Hegglin, Adelboden
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Für den Walliser Ramon Zenhäusern ist es ein grosser Tag geworden. (Bild: Freshfocus / Christian Pfander)

Für den Walliser Ramon Zenhäusern ist es ein grosser Tag geworden. (Bild: Freshfocus / Christian Pfander)

Normalerweise droht Langeweile, wenn immer die Gleichen vorne reinfahren: Kristoffersen vor Hirscher, dann Hirscher vor Kristoffersen und nun in Adelboden wieder der Norweger vor dem Österreicher. Was aber die beiden auf der Piste bieten, ist Skisport in solcher Perfektion, dass man nie davon genug bekommen kann. Der Russe Alexander Choroschilow, der wie in Santa Caterina nach dem 1. Lauf das Rennen anführte, blieb wieder nur der dritte Rang.

Doch das erfreulichste Fazit des Jubiläumsrennens «60 Jahre Adelboden»: Ein Schweizer hielt mit den Topstars mit: Ramon Zenhäusern, wegen seines Gardemasses «Doppelmeter» genannt, fuhr im 2. Lauf 0,63 Sekunden schneller als Kristoffersen und 0,76 Sekunden schneller als Hirscher. Dadurch katapul­tierte er sich mit der Startnummer 38 über den 21. Zwischenrang auf Platz 7, seine mit Abstand beste Klassierung. Sonst war er über zwei 19. Ränge nicht hinausgekommen. Das ist nach Luca Aerni (5. in Madonna di Campiglio) und Daniel Yule (6. in Santa Caterina) der drittbeste Platz eines Schweizer Slalomfahrers in diesem Winter.

Nur scheinbar unbeweglich

3:1 steht nun das Giganten-Duell für den erst 21-jährigen Norweger, der in seiner Fahrweise so ziemlich das Kontrastprogramm zum Erzrivalen bildet. «Henrik flink und geschmeidig – Marcel brachial und kraftvoll», beschreibt der 36-fache Weltcup-Sieger Benjamin Raich die beiden. Kristoffersen verhinderte, dass Hirscher Altmeister Raich in der ÖSV-Siegstatistik überholte. So blieben beide bei 36 Siegen.

Auch den Adelboden-Rekord mit 5 Siegen muss Hirscher weiterhin mit Ingemar Stenmark teilen. Dafür hat er mit 10 Podestplätzen eine neue Bestmarke aufgestellt. «Das bedeutet mir sehr viel», meinte Hir­scher, «weil dieser Hang und die Atmosphäre in Adelboden einzigartig sind.» Immerhin sorgten trotz garstigem Wetter 10 000 Zuschauer für die legendäre Chuenisbärgli-Stimmung, nachdem schon beim abgesagten Riesenslalom am Samstag 20 000 ausgiebig gefeiert hatten.

Bei Hirscher schimmerte nach der Niederlage um 0,07 Sekunden Enttäuschung durch: «Es gibt 2. Plätze, nach denen ich total zufrieden bin, weil ich das Maximum gegeben habe. Aber heute wäre ohne meine Fehler mehr möglich gewesen.» Wobei Aussenstehende seine Fehler selbst mit der Lupe kaum erkennen konnten. Kristoffersen sprach von einem «Lauf am Limit. Mehr wäre nicht möglich gewesen.»

Ausser Zenhäusern schaffte es nur Manuel Feller, mit einer hohen Nummer (30) in die Phalanx der Top Ten einzubrechen. Alle andern trugen die Nummer 1 bis 9, was aufzeigt, welches Potenzial in Zenhäusern steckt. Viele trauten dem Walliser wegen seiner scheinbaren Unbeweglichkeit eine solche Leistung nicht zu. Insider wussten aber: Zenhäusern befindet sich auf Augenhöhe mit den Weltbesten. Das hat er im Training oft bewiesen. Slalom-Chef Matteo Joris, der Steve Locher im Frühling als Verantwortlicher abgelöst hat, verrät ein Beispiel aus dem Training in Santa Caterina: «Unser Team trainierte mit Choroschilow und den Österreichern Schwarz und Feller. Ramon war in jedem Lauf der Schnellste – meist mit einer halben Sekunde Vorsprung.» In Adelboden lieferte er die Bestätigung ab. «Jetzt darf ich künftig in der 2. Gruppe starten», freute sich Zenhäusern. «Auf diesen Exploit habe ich lange gewartet. Im Training und im Europacup sind mir schon ein paarmal gute Leistungen gelungen. Nur im Weltcup wollte es nicht klappen, weshalb ich mich mit Rängen zwischen 20 und 30 begnügen musste.»

Niederberger: «Das ist bitter»

Zenhäusern stammt aus einer sportfreundlichen Familie. Vater Peter ist Sportreporter beim Walliser Lokalsender Radio Rottu, seine Schwester Romaine war eine ausgezeichnete Tennisspielerin, bevor sie ihre Karriere wegen einer Verletzung abbrechen musste. Sie war die letzte Schweizerin, die Belinda Bencic besiegte – und das gleich zweimal. Auch Ramon war ein guter Tennisspieler und einst am gleichen Wochenende Walliser Vizemeister im Tennis und Kantonalmeister im Slalom geworden.

Hinter Zenhäusern bewiesen auch Daniel Yule und Luca Aerni – trotz kleinen Fehlern – mit den Rängen 13 und 14, wie kompakt das Schweizer Team mittlerweile ist. Sonst brachten nur die Deutschen drei Mann in die Top 15. Und seit Val d’Isère 2010 (vier unter den ersten dreizehn) fuhr nie mehr ein Schweizer Team so stark. Dabei hatten einige Pech wie Marc Gini (Sturz nach gutem Start) oder Bernhard Niederberger (32., drei Zehntel zu langsam). «Das ist bitter, schon wieder so knapp die Qualifikation zu verpassen. Ich machte einen oder zwei kleine Fehler zu viel», bedauerte der Nidwaldner. Nur Reto Schmidiger hatte mit der Nummer 55 keine Chance mehr: «Es hatte schon ziemlich Furchen in der Piste, obwohl die Organisatoren das Maximum geleistet hatten.» Der letzte Qualifizierte trug die Nummer 41.

Slalom in Adelboden

Männer. Weltcup: 1. Kristoffersen (NOR) 1:51,34. 2. Hirscher (AUT) 0,06 zurück. 3. Choroschilow (RUS) 0,60. 4. Pinturault (FRA) 0,89. 5. Gross (ITA) 1,23. 6. Feller (AUT) 1,25. 7. Zenhäusern (SUI) 1,32. 8. Neureuther (GER) 1,42. 9. Dopfer (GER) 1,48. 10. Razzoli (ITA) 1,52. 11. Lizeroux (FRA) 1,70. 12. Foss-Solevaag (NOR) 1,72. 13. Yule (SUI) 1,88. 14.Aerni (SUI) und Stehle (GER) 2,06. 16. Muffat-Jeandet (FRA) 2,15. 17. Tonetti (ITA) 2,18. 18. Byggmark (SWE) 2,36. – 28 der 30 Finalisten klassiert.

1. Lauf: 1. Choroschilow 55,21. 2. Hirscher 0,24. 3. Kristoffersen 0,32. 4. Dopfer 0,81. 5. Pinturault 0,97. 6. Neureuther 1,03. – Ferner: 12. Yule 1,78. 21. Zenhäusern 2,26. 27. Aerni 2,45. – Nicht für den 2. Lauf qualifiziert: 32. Niederberger (SUI) 2,84. 42. Schmidiger (SUI) 3,77. – Ausgeschieden u. a.: Gini (SUI), Rochat (SUI), Myhrer (SWE), Grange (FRA), Ligety (USA).

2. Lauf:1. Zenhäusern 55,19. 2. Feller 0,31. 3. Razzoli 0,33. 4. Lizeroux 0,35. 5. Aerni 0,55. 6. Kristoffersen 0,62. – Ferner: 8. Hirscher 0,76. 9. Pinturault 0,86. 13. Yule 1,04.

Gesamt (16/45): 1. Hirscher 801. 2. Svindal (NOR) 636. 3. Kristoffersen 571. 4. Jansrud (NOR) 411. 5. Neureuther 350. 6. Muffat-Jeandet 333. 7. Théaux (FRA) 275. 8. Ligety 248. 9. Fill (ITA) und Fayed (FRA) 235. – Ferner die besten Schweizer: 25. Janka 152. 33. Yule 113. 48. Murisier 73. 51. Gino Caviezel 70. 55. Aerni 63.

Slalom (4/12): 1. Kristoffersen 380. 2. Hirscher 340. 3. Choroschilow 174. 4. Neureuther 142. 5. Lizeroux 120. 6. Dopfer 119. 7. Yule 113. – Ferner die weiteren Schweizer: 17. Aerni 63. 21. Zenhäusern 48. 35. Schmidiger 14. 45. Rochat 4.

Trotz garstigem Wetter sorgten 10 000 Zuschauer für die legendäre Chuenisbärgli-Stimmung (Bild: Keystone / Peter Schneider)

Trotz garstigem Wetter sorgten 10 000 Zuschauer für die legendäre Chuenisbärgli-Stimmung (Bild: Keystone / Peter Schneider)