SKI ALPIN: Sie will noch höher hinaus

Mit zwei Siegen und zwei 2. Plätzen innert eines Monats stürmt Wendy Holdener an die Weltspitze. Im Slalom beschliesst sie die Saison als Nummer 3.

Richard Hegglin, St. Moritz
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Freut sich über Platz 3 in der Slalom-Disziplinenwertung: die Schwyzerin Wendy Holdener. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Freut sich über Platz 3 in der Slalom-Disziplinenwertung: die Schwyzerin Wendy Holdener. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Richard hegglin, St. Moritz

Seit Ende Februar, seit dem City Event in Stockholm, sind alle Schleusen offen. Wendy Holdener (22), die wohl weltbeste Stangenakrobatin im Kampf Frau gegen Frau, feierte im Parallelslalom, ihrem 99. Weltcuprennen, den ersten Triumph und ist seither vom Podest kaum mehr runterzubringen.

Die Schnapszahl leitete den Dammbruch ein: Darauf folgten zweite Ränge in der Kombination von Soldeu und im Slalom von Jasna. Und dann als absolutes Highlight ihrer bisherigen Karriere die Kombination auf der Lenzerheide. «Nach einem Fehler, den man im Fernsehen nicht sah, habe ich mir keine Gedanken mehr gemacht», erinnert sie sich schemenhaft an ihren Husarenritt. Erst im Ziel erwachte sie wieder – als Siegerin und Gewinnerin der Kombi-Kugel. Damit ist die Schwyzerin definitiv auf dem obersten Level der Weltklasse angekommen.

Weltcup-Debüt mit Rang 55

Als Nummer 1 des Jahrgangs 1993 in Abfahrt, Super-G und Slalom und vielen Vorschusslorbeeren war Holdener vor fünf Jahren als 17-Jährige in den Weltcup eingestiegen. «Sie hat wahrscheinlich nur einen Fehler», meinte damals ihr Schweizer Ausrüster-Chef Lucio Zallot: «Sie weiss wohl gar nicht, wie man bremst. Sie greift immer an.» Doch selbst bei einem Talent, das mit Lara Gut verglichen wurde, wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Und der 55. Rang bei ihrem ersten Rennen in Sölden mit 8,08 Sekunden Rückstand bildete keine Empfehlung. Obwohl einst auch Lindsey Vonn mit einem 55. Rang ihr Debüt gegeben hatte.

Und plötzlich tauchte eine auf, die noch zwei Jahre jünger war und allen um die Ohren fuhr – Mikaela Shiffrin. Da setzten viele Leute Vergleiche mit der Amerikanerin an und vergassen, dass Holdener unter den Spitzenfahrerinnen weiterhin die zweitjüngste war. Da und dort hörte man Stimmen von Stagnation und von «Verheizen eines Talentes».

Der Bruder ist ihr Manager

Aber Wendy Holdener ging ihren Weg. Und mit Hans Flatscher wurde ein Mann Cheftrainer, der das nötige Feeling im Umgang mit aufstrebenden Talenten hat. Die Verpflichtung des Südtirolers Alois «Luis» Prenn, ebenfalls ein sehr erfahrener Trainer, erwies sich als weiterer Glücksfall. Holdener braucht ein Umfeld, in dem sie sich wohl fühlt. Bei ihrem Ad-hoc-Konditionstrainer Ruedi Holdener, einem Treuhänder und Freund ihres Vaters, machte sie einst ein kurzes Praktikum. Dieser unterstützt auch ihren Bruder Kevin, der ihr Management macht – eine Inhouse-Lösung wie einst bei Roger Federer.

Mit ihrem Bruder und Manager pflegt sie eine vom Schicksal geprägte Beziehung. Kevin, der einst dem C-Kader angehörte, erkrankte vor den Weltmeisterschaften in Garmisch 2011 an Krebs. «In jener WM-Saison war es am schlimmsten», sagt Holdener über jene Zeit, «ich konnte nicht damit umgehen und war auf das Thema nicht ansprechbar.» Lange sei das im Hinterkopf gewesen, aber anderseits hätte sie sich nach Enttäuschungen weniger aufgeregt und diese leichter weggesteckt: «Mir wurde bewusst, dass es im Leben Wichtigeres gibt als Skifahren.» Inzwischen ist Kevin wieder gesund und schliesst bald sein Wirtschaftsstudium ab.

Mit seiner Schwester betreut er mittlerweile eine Athletin mit Star-Potenzial. Denn diese will noch höher hinaus. Ihr Massstab bleibt Mikaela Shiffrin. Was macht noch die Differenz aus? «Mikaela kann», so Wendy, «genau das umsetzen, was sie im Training macht. Uns anderen gelingt das noch nicht so gut – das ist der Hauptunterschied. Sie kommt nie aus dem Konzept. Aber ich bin motiviert, auch so gut zu werden.»

Knapp am Podest vorbei

Gegen Shiffrin ist vorläufig nicht anzukommen. Aber einen Vergleich mit Lindsey Vonn, ihrer Rang-55-Kollegin beim Debüt, hält Holdener bis jetzt aus. In ihren ersten 100 Weltcuprennen gewann Vonn dreimal, Holdener in 104 Einsätzen zweimal. Auch der Gesamtweltcup könnte mal zum Thema werden. «Ich bin noch nicht bereit, um alles zu fahren», winkt die Unteribergerin ab. «Aber ich möchte ins Speed-Training etwas mehr investieren. Ich muss mal mit den Trainern zusammensitzen, um die nächste Saison zu planen.» Zur Erinnerung: Holdener war in ihrer Altersgruppe die Nummer 1 in Abfahrt und Slalom!

Im letzten Slalom in St. Moritz verpasste die Schwyzerin als Vierte das Podest um drei Zehntelsekunden hinter der Disziplinensiegerin Frida Hansdotter. Auch in diesem Rennen war kein Kraut gewachsen gegen Mikaela Shiffrin, die zum vierten Mal mit über zwei Sekunden Vorsprung siegte. Die Engelbergerin Michelle Gisin kam im ersten Lauf am nächsten an sie heran, ehe sie einem Blackout zum Opfer fiel und ausschied.

Weltcup-Final, Slalom

1. Shiffrin (USA) 1:43,96

2. Velez Zuzulova (SVK) 2,03 zurück

3. Hansdotter (SWE) 2,31

4. Holdener (SUI) 2,66. 5. Kirchgasser (AUT) 2,87. 6. Pietilä-Holmner (SWE) 2,90. 7. Barthet (FRA) 3,11. 8. Thalmann (AUT) 3,27. 9. Strachova (CZE) 3,44. 10. Gagnon (CAN) 3,64. 11. Stiegler (USA) 3,81. 12. Dürr (GER) 4,00. 13. Schild (AUT) 4,10. 14. Mielzynski (CAN) 4,14. 15. Geiger (GER) 4,43.

1. Lauf: 1. Shiffrin 51,03. 2. Noens (FRA) 0,72. 3. Holdener 1,00. 4. Löseth (NOR) 1,07. 5. Velez Zuzulova 1,24. 6. Hansdotter 1,26. – Ferner: 8. Kirchgasser 1,63. 9. Pietilä-Holmner 1,77. – Ausgeschieden: Gisin (SUI).

2. Lauf: 1. Shiffrin 52,93. 2. Velez Zuzulova 0,79. 3. Hansdotter 1,05. 4. Barthet und Pietilä-Holmner 1,13. 6. Kirchgasser 1,24. – Ferner: 11. Holdener 1,66. – Ausgeschieden: Noens und Löseth.

Stand im Weltcup

Frauen. Gesamtwertung (nach 39 von 40 Rennen): 1. Gut (SUI) 1462 Punkte (steht als Siegerin fest). 2. Vonn (USA) 1235. 3. Rebensburg (GER) 1047. 4. Weirather (LIE) 996. 5. Hansdotter (SWE) 893. 6. Holdener (SUI) 817. 7. Hütter (AUT) 811. 8. Brignone (ITA) 747. 9. Shiffrin (USA) und Fabienne Suter (SUI) 648. – Ferner: 29. Corinne Suter (SUI) 356.

Slalom. Schlussklassement nach 11 Rennen: 1. Hansdotter (SWE) 711. 2. Velez Zuzulova (SVK) 626. 3. Holdener (SUI) 561. 4. Shiffrin (USA) 500. 5. Strachova (CZE) 493. 6. Vlhova (SVK) 389. 7. Noens (FRA) 382. 8. Löseth (NOR) 373. 9. Pietilä-Holmner (SWE) 292. 10. Kirchgasser (AUT) 280. – Ferner die weiteren Schweizerinnen: 14. Gisin (SUI) 165. 28. Chable (SUI) 60. 29. Feierabend (SUI) 60. 43. Gut (SUI) 15. 46. Kopp (SUI) 15. 49. Gmür (SUI) 11.

Nationen (nach 83 von 85 Wertungen): 1. Österreich 10 317 Punkte (Männer 5616+Frauen 4701). 2. Italien 8620 (4447+4173). 3. Frankreich 7555 (5531+2024). 4. Schweiz 7111 (2916+4195). 5. Norwegen 5845 (4773+1072). 6. USA 5231 (2154+3077). 7. Deutschland 3840 (2301+1539). 8. Schweden 3365 (975+2390). 9. Kanada 2081 (744+1337). 10. Slowenien 1590 (700+890). 11. Slowakei 1141 (108+1033). 12. Liechtenstein 996 (0+996).