SKI ALPIN: Suter geht nach elf Jahren neuen Weg

Fabienne Suter (30) ist in der am Wochenende beginnenden Weltcup-Saison die routinierteste Athletin im Schweizer Frauenteam. Im Interview erzählt die Schwyzerin, warum sie nach langem Zögern doch weitermacht.

Interview Stefan Klinger
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Konzentriert sich in dieser Saison auf die Speed-Rennen: Fabienne Suter (im Bild beim Super-G der letzten Saison in Garmisch-Partenkirchen). (Bild: EPA/Karl-Josef Hildenbrand)

Konzentriert sich in dieser Saison auf die Speed-Rennen: Fabienne Suter (im Bild beim Super-G der letzten Saison in Garmisch-Partenkirchen). (Bild: EPA/Karl-Josef Hildenbrand)

Interview Stefan Klinger

Fabienne Suter, am Samstag findet mit dem Riesenslalom in Sölden der traditionelle Weltcup-Auftakt statt. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren fehlen Sie in Ihrer 12. Weltcup-Saison diesmal allerdings auf der Startliste. Warum das?
Fabienne Suter:
Mit der Nummer, mit der ich starten müsste, habe ich nachher mehr körperliche Probleme, als dass es etwas bringen würde. Ich müsste inzwischen etwa mit der Nummer 60 starten, da hat die Piste dann immer schon viele Löcher. Und weil die Pisten im Weltcup sehr hart sind, verursachen diese Löcher extrem harte Schläge. Ich habe schon zu Beginn meiner Karriere gemerkt, als ich auch eine hohe Startnummer hatte, dass mir solche Rennen Rücken- und Knieprobleme verursachen. Damals musste ich im Frühjahr immer ein Spezialtraining machen, um im nächsten Winter die Belastungen wegstecken zu können. Aber jetzt bin ich eben keine 20 mehr.

Also volle Konzentration auf die Speed-Disziplinen.
Suter:
Genau. Man muss das auch mal realistisch sehen: Hätte ich im Riesenslalom Chancen auf einen Top-Platz, sähe es sicher anders aus. Aber bei dem, was ich mir mit einer Startnummer um die 60 ausrechnen kann – das ist es mir nicht mehr wert, den ganzen Aufwand zu betreiben und die körperlichen Auswirkungen hinzunehmen. Also habe ich gesagt: In diesem Winter liegt die Priorität auf dem Speed-Bereich. Zum ersten Mal in meiner Karriere werde ich es mal ausprobieren, nur Super-G und Abfahrt zu fahren.

Was ja auch eine Zeitersparnis und weniger reisen bedeutet.
Suter:
Das war bei der Überlegung auch ein wichtiger Punkt. Sonst brauchst du immer vor dem Rennen zwei Tage, um im Riesenslalom wieder reinzukommen. Und hinterher wieder zwei Tage, um dich auf die langen Ski umzustellen. Das fällt nun weg. Zudem kann ich nun an etwas arbeiten, wenn gerade ein Wochenende mit Technik­rennen ansteht. So habe ich einfach deutlich mehr Zeit.

Gegen Ende der letzten Saison haben Sie den Eindruck vermittelt, dass Sie Ihre Karriere beenden werden. Täuscht dieser Eindruck?
Suter:
Nach der WM in Beaver Creek hatte ich das Gefühl: Ich will nicht mehr. Ich hatte mir von dieser WM viel mehr erhofft, weil mir die Piste dort und das ganze Drumherum sehr zusagen. Ich hatte gedacht: Wenn es hier nicht endlich mal mit einer Medaille an einem Grossanlass klappt, wo dann? Entsprechend frustriert war ich hinterher. Aber ich habe mir bewusst bis zum Frühling Zeit genommen, um es nicht aus der Emotion heraus zu entscheiden. Mein Leben hat ja bisher vor allem aus Skifahren bestanden, das wollte ich nicht vorschnell aufgeben und es hinterher vielleicht bereuen.

Für Sie hat die Zusammensetzung des Teams eine grössere Bedeutung als für andere. Inwiefern hat es da bei Ihrer Überlegung eine Rolle gespielt, dass mit Dominique Gisin und Nadja Jnglin-Kamer zwei Athletinnen zurücktraten, mit denen Sie sich meist das Zimmer teilten – und dass Sie künftig vorwiegend mit deutlich Jüngeren unterwegs sein würden?
Suter:
Für mich war es überraschend und hat mir zu denken gegeben, als eine nach der anderen kam und gesagt hat, dass sie aufhört. Aber von den jungen Athletinnen sind einige auch schon länger dabei. Man kann mit ihnen gut diskutieren. Und ich finde es auch interessant, mal über andere Themen als über die bei den Gesprächen mit Gleichaltrigen zu reden. Ich habe ja auch jüngere Schwestern in diesem Alter, das passt gut. Wir haben zurzeit ein super Klima im Team, und es bringt ja auch Vorteile, dass wir eine kleine Mannschaft sind. Zumal mit Tina Weirather und jetzt im Winter dann auch wieder Lara Gut zwei Weltklasse-Fahrerinnen dabei sind, mit denen ich mich gut verstehe, austauschen und messen kann.

Und offenbar hat es Sie auch nicht abgehalten, dass nun ein Winter ohne absoluten Höhepunkt, also ohne WM oder Olympia, ansteht.
Suter:
Dieses Thema wird oft aufgebauscht. Man denkt, dass die Sportler nur von Grossanlass zu Grossanlass planen. Aber als Athlet findest du in jeder Saison Höhepunkte für dich, Ziele, die du erreichen willst.

Welche sind das in Ihrem Fall?
Suter:
Für mich ist es nach wie vor ein grosser Erfolg, ein Höhepunkt, wenn ich im Weltcup einen Podestplatz erreiche. Zudem habe ich das Ziel, eine ganze Saison gut zu fahren. Um ehrlich zu sein: Ich geniesse es, wenn es eine Saison ohne Grossanlass ist. Da hast du intern weniger Druck. Sehen Sie: Wir sind etwa 300 Tage im Jahr zusammen unterwegs, sind wie eine Familie – doch dann sind wir kurz vor einem Grossanlass plötzlich Konkurrentinnen, wenn sieben, acht Topathletinnen um vier Startplätze kämpfen.

Dann ist es die Summe aus diesen Punkten, die Sie zum Weitermachen bewogen haben, oder gab es noch ein weiteres gewichtiges Argument?
Suter:
In dem Moment, als ich es geregelt hatte, dass ich den Sommer über etwas ganz anderes ausserhalb des Skisports arbeiten kann, aber mir daneben noch die Zeit bleibt, um die konditionellen Grundlagen für den Winter zu legen, war das für mich eine Lösung, die stimmt. Das war der Punkt, an dem ich mir gesagt habe: Ich mache weiter.

Weil Sie schon in der Vergangenheit im Sommer mal auf einer Alp gearbeitet oder in einem Restaurant bedient haben und Sie immer wieder unbedingt ein bisschen Abstand vom ganzen Skizirkus brauchen, um sich die Lust am Skirennsport zu erhalten?
Suter:
Mir gefällt es einfach, zwischendurch auch mal ein anderes Leben zu führen. Mal andere Leute zu sehen, sich in einem anderen Kreis zu bewegen und andere Themen zu haben. Der Spitzensport ist eine eigene Welt. Gerade wir Skifahrer sind den Grossteil des Jahres rund um die Uhr gemeinsam unterwegs. Wenn wir da dann abends zusammensitzen, drehen sich die Gespräche recht schnell wieder ums Skifahren. Ausserdem tut es gut, wenn es mal nicht nur um deine sportliche Leistung geht.

Wo und was haben Sie gearbeitet?
Suter:
Im Seilpark Rigi in Küssnacht. Ich war dort von Ostern bis Anfang September in einem 60-Prozent-Pensum tätig, habe Einführungen gemacht, die Gäste gesichert oder auch bei dem Bauern, der den Seilpark betreibt, auf dem Bauernhof geholfen. Ich fand es spannend, da reinzuschnuppern. Ich kann mir vorstellen, mal wieder in diesen Bereich zu gehen.

In Küssnacht sind Sie doch bestimmt sofort als Fabienne Suter, die Skirennfahrerin, erkannt worden. Konnten Sie da überhaupt in eine andere Rolle schlüpfen?
Suter:
Ja. Allein schon, bis ich die Stelle hatte. Ich hatte das Inserat in der Zeitung gesehen, mich dann ganz normal beworben und ein Vorstellungsgespräch geführt. Das war für mich eine andere, eine neue Herausforderung – ich habe das ja schon lange nicht mehr gemacht. In den letzten Jahren habe ich bei Verwandten gearbeitet, wo immer klar war, dass ich mitarbeiten kann. Ich bin froh, dass ich es diesmal so gemacht habe. Das wird mir auch für später was bringen.

Sie sind schon einige Jahre dabei: Fühlen Sie sich trotz der Auszeit im Sommer parat wie in den vergangenen Jahren zu diesem Zeitpunkt?
Suter:
Ich konnte in Sachen Kondition alles Nötige machen. Und auf den Ski habe ich nur einen Kurs verpasst. Ich war bereits Ende August wieder eine Woche mit dem Team unterwegs und absolviere seit September das normale Programm. Bis zum ersten Speed-Rennen Anfang Dezember bleibt ja noch ein bisschen Zeit – aber ich bin überzeugt, dass es dann gut kommt.