SKI ALPIN: Und wieder alles von vorne

Vitus Lüönd kämpft nach einem Knorpel­schaden im Knie um die Rückkehr in den Weltcup. Wir blicken ihm dabei über die Schulter.

Stefan Klinger
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Vitus Lüönd bei Kräftigungsübungen. (Bild: Pius Amrein)

Vitus Lüönd bei Kräftigungsübungen. (Bild: Pius Amrein)

Ein kurzer Schlag auf die Ski, der sein rechtes Knie zu einer unnatürlichen Bewegung zwingt – und schon sind all die Hoffnungen, all die Träume dahin. Es ist das Abschlusstraining zur WM-Abfahrt in Schladming. Zwei Kreuzbandrisse, einen im linken Knie und einen im rechten, hat Vitus Lüönd bereits hinter sich, als er sich an jenem Tag aus dem Starthäuschen katapultiert. Tags zuvor hatte der 28-jährige Schwyzer den ersten Teil in der mannschaftsinternen Qualifikation um den letzten freien Startplatz im Schweizer Abfahrtsteam gewonnen. Und auch in dieser zweiten Runde liegt er teamintern wieder vorne. 20 Fahrsekunden trennen ihn noch von seinem ersten WM-Start. Doch dann passiert es. Bei 110 km/h bekommt er einen Schlag auf den Ski, sein rechtes Knie knickt nach innen weg. Die Kräfte sind so hoch, dass sich Lüönd ernsthaft verletzt, obwohl er nicht einmal stürzt. «Es war, als ob mir jemand ein Messer ins Knie rammt», erinnert er sich, «ich hatte danach wahnsinnige Schmerzen.»

Lüönd schwingt ab, greift sich ans rechte Knie und schreit all den Schmerz, all seinen Frust heraus. Als er kurz darauf den am Pistenrand stehenden Schweizer Assistenztrainer Simon Rothen­bühler, der Lüönd seit acht Jahren coacht und für ihn eine wichtige Bezugsperson ist, erreicht, lauten seine ersten Worte: «Das Knie ist kaputt – aber nicht wie die letzten zwei Mal.»

MRI gibt Anlass zur Hoffnung

Sein Knie funktioniert nicht mehr normal, das realisiert Lüönd sofort. Doch anders als bei seinen beiden Kreuzbandrissen quält ihn diesmal dieser brutale Schmerz. Während er nach seinem letzten verhängnisvollen Sturz im April 2012 trotz des Kreuzbandrisses noch auf den eigenen Ski drei Kilometer bis ins Tal hinunterrutschen konnte, geht diesmal nichts mehr. Eine erste, rein äusserliche Untersuchung im Teamhotel ergibt trotzdem den Verdacht Kreuzbandriss. Noch am selben Nachmittag fährt ihn Teamkollege Marc Gisin zurück in die Heimat. 24 Stunden später liegt Lüönd zum MRI in der Röhre. Es folgt ein Hoffnungsschimmer: Der Kreuzbandriss bestätigt sich nicht. Dafür ist der Aussenmeniskus betroffen und vielleicht auch der Knorpel – das ist nicht ganz ersichtlich. Eine Operation wird zwar nötig, aber eventuell kann Lüönd schon zwei Wochen später wieder Ski fahren. Die Hoffnung wächst.

Bis zur Operation zwei Tage später. Lüönd ist bei dem Eingriff örtlich betäubt. So, dass er nichts spürt, aber auf einem Bildschirm alles verfolgen kann. «Am Anfang hat der Arzt gesagt: Das sieht gut aus, das sieht gut aus, das Kreuzband hält», erinnert er sich, «doch dann ist er mit der Kamera um die Ecke und meinte: Oh. Da habe ich sofort gesehen: Es ist ein Knorpelschaden.»

Für Lüönd ein bitterer Moment. Ein fast genauso grausamer wie jener drei Tage zuvor auf der Piste. «Da arbeitest du deine ganze Karriere auf etwas wie die WM hin. Als es so weit ist, fühlst du dich so gut in Form wie noch nie – und dann ist auf einmal alles vorbei», sagt Lüönd, «und wenige Tage danach die Hiobsbotschaft, dass die Verletzung doch schlimmer ist. Diese Momente waren sehr emotional, da habe ich schon mal Tränen verdrücken müssen.»

Denn nun ist Lüönd klar, wie weit ihn der Unfall zurückwirft. Dass er, der sich gerade erst nach seinem Kreuzbandriss im April 2012 mühevoll auf das Weltcupniveau zurückgekämpft hat, wieder von vorne anfangen kann. Und dann auch noch diese quälende Ungewissheit: Denn bei aller Gewissheit über die Schwere seiner Knieverletzung ist unklar, wie lange es dauert, bis sein Knie wieder die Belastungen eines Skirennens aushält. Drei Monate? Acht Monate? Ein Jahr? Gar nicht mehr? Eine Situation, die Lüönd zu grundsätzlichen Gedanken zwingt. «Ich habe mich gefragt, ob ich es überhaupt noch einmal versuche. Wenn ich in dieser Saison immer 50., 60. und an der WM auch ewig zurück gewesen wäre, hätte ich vielleicht gesagt: Ich lasse es», verdeutlicht er, «aber die Erfahrungen an der WM und in den Rennen davor machen mir Mut. Ich will jetzt nichts unversucht lassen und mir dann mit 40 sagen: Hättest du nur ...»

6 Wochen an Krücken gebunden

Und so unternimmt Lüönd nun alles, um sein Comeback voranzutreiben. Auch wenn er dabei eigentlich noch gar nicht viel unternehmen kann. Denn das oberste Gebot lautet derzeit für ihn: Das geschädigte Knie ja nicht zu früh belasten! Ganze sechs Wochen darf er nach der Operation nur mit Krücken laufen. Einzig bei der Wassertherapie, wenn er zweimal pro Woche 30 Minuten im brusthohen Wasser spazieren geht, kann er sich ohne seine Gehhilfen bewegen.

Und so bleibt ihm derzeit nicht viel mehr übrig, als durch das Be- und Entlasten des Kniegelenks das Knorpelwachstum anzuregen. Sei es durch täglich dreimal 20 Minuten auf dem Velo-Ergometer oder durch dreimal 30 Minuten Krankengymnastik pro Woche, bei der ihm Physiotherapeutin Sonja Marty das Knie durchknetet. Doch so gut das für sein Knie ist, so sehr wirft ihn die geforderte Zurückhaltung auch zurück. Denn den Oberkörper kann er zwar einigermassen normal trainieren, die Oberschenkel aber nicht. So kann er je nach Streckung des Knies in der Beinpresse höchstens 100 Kilogramm stemmen – normal ist das Doppelte.

Seit wenigen Tagen kann Vitus Lüönd wieder selber Auto fahren und muss nicht mehr sämtliche Familienangehörige oder seine Freundin, mit der er in Goldau wohnt, um Hilfe bitten. Es ist der erste Meilenstein auf dem langen Weg zurück zum Alltag als Skiprofi.

Der lange Weg zurück: In unserer Serie begleiten wir Vitus Lüönd, der einen Knorpelschaden im Knie erlitt, über mehrere Monate auf seinem Weg zum Comeback. In regelmässigen Abständen zeigen wir, was eine derart schwere Knieverletzung für einen Skirennfahrer bedeutet, wie langwierig der Weg zurück ist und welche Fortschritte der 28-jährige Schwyzer macht.