SKI ALPIN: Verdacht: Wenig Speed wegen Anzügen

Irgendetwas läuft schief mit den Schweizer Anzügen. Sind die anderen Nationen schlauer – oder wird etwa manipuliert, wie FIS-Renndirektor Günter Hujara befürchtet?

Richard Hegglin
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Trotz vielen Tests im Windkanal (hier Dominique Gisin) verdichten sich die Anzeichen: Die Skirennanzüge der Schweizer sind schlechter als diejenigen anderer Nationen. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Trotz vielen Tests im Windkanal (hier Dominique Gisin) verdichten sich die Anzeichen: Die Skirennanzüge der Schweizer sind schlechter als diejenigen anderer Nationen. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Für die Krise im Schweizer Männerteam orten Experten viele Gründe: falsche Technik, fehlende Gruppendynamik, unterschätzte Folgen der neuen Skireglemente. Aber ein Bereich wird geflissentlich ausgeklammert, obwohl es hinter den Kulissen brodelt: Läuft mit den Anzügen etwas schief? Oder wird gar manipuliert?

Seit Saisonbeginn sorgt das Thema für heisse Köpfe. «Die Norweger und Italiener haben die schnellsten Anzüge», fand Frankreichs Abfahrtstrainer Patrice Morisod: «Da bin ich mir ganz sicher. Aber auch wir haben jetzt etwas Neues herausgefunden.» Am anderen Tag waren Adrien Théaux und Johan Clarey mit diesen Anzügen im Training Erster und Zweiter, rasselten aber bei der Kontrolle wegen mangelnder Luftdurchlässigkeit (28 statt 30 Liter) durch. Doch in Schladming räumten sie ab. In den Speed-Disziplinen errangen sie drei Medaillen durch Athleten, die zuvor nie ein Rennen gewonnen hatten – Zufall?

Verdacht auf Manipulation

In Wengen komplimentierte FIS-Renndirektor Günter Hujara die Journalisten aus dem Sitzungsraum, um intern die Teamchefs mit Nachdruck zu warnen, dass bei illegalen Manipulationen schonungslos durchgegriffen würde. Eine Firma hatte verschiedenen Teams angeboten, ihre Anzüge «aerodynamisch zu präparieren». Auf Nachfrage erläuterte Hujara widerwillig: «Wenn jemand gegen Entgelt solche Leistungen anbietet, ist das Manipulation und damit ein strafrechtlicher Tatbestand. Wir würden uns nicht scheuen, alle Anzüge zu konfiszieren.»

Passiert ist nichts, was zusätzliche Irritationen auslöste. Handelte es sich um leere Drohgebärden? Karl Frehsner, Verantwortlicher für Anzüge bei Swiss-Ski mit schier unerschöpflichem Fundus, interpretiert das pragmatisch: «Wenn jemand schlauer ist als die andern und sich nicht erwischen lässt, hat er es geschickt gemacht – und wirds wieder machen.» Er selber halte sich jedoch an die Regeln. Markus Lutz, Textil-Ingenieur bei der Firma Schoeller in Sevelen, die zahlreiche Teams mit Stoffen beliefert, beschreibt Beispiele von möglicher Manipulation: «Mit Haar- oder Plastikspray, aber auch mit Wachs». Und erwähnt noch etwas Erstaunliches: «Heute wird fast mehr mit der Unterwäsche experimentiert als mit den Anzügen.» Tina Maze lässt grüssen.

Berthods Exploit im alten Anzug

Auch die Schweizer Abfahrer machen sich längst Gedanken, zumal sie überall auf flachen Abschnitten enorm Zeit verloren, in den technischen Passagen aber meist mithalten konnten. In Wengen wollten die Experten bei Marc Berthods sensationellem 6. Rang in der Kombi-Abfahrt (vor Svindal!) festgestellt haben: «Jetzt ist er endlich mit Überzeugung gefahren.» Der verletzte Teamkollege Beat Feuz machte eine andere Feststellung und erkundigte sich: «Welchen Anzug hast du getragen?» Berthod fuhr mit einem vier Jahre alten Anzug – noch mit alten Logos drauf! «Das löste einen Riesenwirbel aus», bestätigt Swiss-Ski-Präsident Lehmann. Ihm selber kam die Sache suspekt vor. Deshalb forderte er einen Anzugsrapport ein: «Wenn wir schon dafür so viel Geld ausgeben, will ich es genau wissen.» Und verlangte ultimativ: «Beschafft mir einen italienischen Anzug – egal wie.»

WM-Abfahrt mit alten Stoffen

Nach Kitzbühel war ihm der Kragen endgültig geplatzt. Dort fuhren Janka, Küng und Défago im technisch äusserst schwierigen Steilhang die sechst-, acht- und elftbeste Zeit. Auf dem folgenden flachen Gschöss-Weg war keiner mehr in den ersten dreissig. Darauf entwickelte sich bis zur WM hektisches Treiben. Auch einer wie Didier Cuche traute der Sache nicht mehr. Beim Spezialschneider Wams in Buchs fand man noch eine Rolle mit den (bewährten) alten «Olympia»-Stoffen und fabrizierte daraus WM-Anzüge. «Das war ein rechter Hosenlupf», bemerkte Lehmann salopp. Die Folge: Die Schweizer erzielten mit einem 6., 7. und 8. Rang die beste Abfahrtsbilanz des ganzen Winters – Zufall? Im Weltcup stellte in acht Rennen ein 10. Rang das Bestresultat dar. Deshalb startet keiner auf der Lenzerheide.

Wenns um Materialsachen geht, sind Athleten und Trainer vertraglich zum Schweigen verknurrt. Zu viele kommerzielle Faktoren spielen mit. Marketing-Chef Stefan Brütsch versucht mit einem Beispiel zu relativieren: «Cuche brauchte jeweils 30 Anzüge pro Jahr, andererseits fuhr Feuz fünfmal mit demselben.» Feuz präzisiert: «Das stimmt nicht, auch ich hatte in jedem Rennen einen neuen Anzug. Ich gehöre ja zum Windkanal-Testteam und weiss, worum es geht. Es gibt fünf, sechs Anzugmodelle, die regelmässig getestet werden, aber gefertigt werden nur drei. Jeder Athlet hat seine Vorlieben, je nach Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Durchschnittsgeschwindigkeit einer Abfahrt, Schnittmuster und so weiter.»

«Es handelt sich um eine Grenzwissenschaft», findet (Noch-)Männerchef Osi Inglin: «Wir müssen uns auf die Erkenntnisse verlassen können, die uns die Fachleute geben.» Frehsner moniert eine fehlende Strategie: «Früher verteilte ich vor einem Rennen die Anzüge und sammelte sie wieder ein.» Und fügt süffisant an: «Sie fahren mit den falschen Anzügen. Es gäbe bessere als jene, die sie tragen.» Also doch ein Anzugsproblem?