SKI ALPIN: Vitus Lüönd: Alles wieder von vorne

Herber Rückschlag für Vitus Lüönd (29) bei seinem Comeback-Versuch im Weltcup: Der Schwyzer muss die Saison abbrechen und sich erneut operieren lassen.

Stefan Klinger, Wengen
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Vitus Lüönd als Zuschauer am Saisonfinale 2013 in Lenzerheide. Diese Rolle wird er auch in diesem Jahr einnehmen müssen. (Bild: Keystone / Laurent Gillieron)

Vitus Lüönd als Zuschauer am Saisonfinale 2013 in Lenzerheide. Diese Rolle wird er auch in diesem Jahr einnehmen müssen. (Bild: Keystone / Laurent Gillieron)

Als die Weltcup-Athleten in Wengen kurz vor dem ersten offiziellen Training die Rennpiste besichtigten, befand sich Vitus Lüönd auf der Fahrt von der Zürcher Schulthess-Klinik zu sich nach Hause. Dort, am Lauberhorn, im Weltcup-Zirkus, hatte er eigentlich auch dieser Tage auf der Skipiste um die Ideallinie und die Hundertstelsekunden kämpfen wollen. Doch dieser Plan hat sich auf grausame Weise zerschlagen. So schnell wird der 29-Jährige aus Goldau nicht mehr bei einem Skirennen antreten – vielleicht sogar nie wieder.

Denn die Untersuchung in der Zürcher Klinik hat das bestätigt, was Lüönd nach den Ereignissen in den vergangenen Tagen hatte befürchten müssen: Der Knorpelschaden im rechten Knie, den er bereits vergangenen Februar beim Abschlusstraining zur WM-Abfahrt von Schladming erlitten hatte, hat sich wieder so sehr verschlimmert, dass Lüönd erneut unters Messer muss. Das Saisonende, gefolgt von einer etwa sechsmonatigen Skipause – das komplette Aufbauprogramm der letzten Monate war umsonst, alles wieder von vorne. «Ich bin ziemlich am Boden», sagt Lüönd, «das Schlimmste an der Situation ist, dass ich in den vergangenen Monaten nichts hätte anders machen können. Der Weg, den wir bestritten haben, war der richtige. Aber der Knorpel hat die Belastung einfach nicht ausgehalten.»

Traurige Erkenntnis in Wengen

Dabei hatte zunächst alles so gut ausgesehen. Nach einer monatelangen Reha und einem langsamen, kontinuierlichen Aufbautraining auf den Ski schien der Schwyzer noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Anfang Dezember konnte er beim Weltcup-Rennen in Beaver Creek (USA) sogar sein Comeback im Rennsport geben. Sein Knie schmerzte damals zwar an manchen Tagen immer noch ein wenig, doch es gab auch die Momente, in denen ihn trotz des Skitrainings oder eines Rennens am Abend keine Schmerzen quälten. Und so nahm Lüönd im Dezember an FIS- und Europacup-Rennen teil, um Rennpraxis und wertvolle Punkte für die Weltcup-Startliste zu sammeln. Im Knie zwickte es zwar immer mal wieder, doch im Grossen und Ganzen verlief alles nach Plan.

Zumindest zunächst. Denn zuletzt traten die Schmerzen im Knie wieder häufiger auf und waren vor allem intensiver. Vergangene Woche waren sie nach dem Training zum Europacup-Rennen in Wengen so stark, dass Lüönd aufs Rennen am Lauberhorn verzichtete, vorzeitig abreiste und sich noch einmal einer MRT-Untersuchung unterzog. Eine Untersuchung, die einen bösen Verdacht weckte. Und so liess Lüönd die Bilder gestern noch einmal in Zürich von Dr. Matthias Steinwachs, einem der angesehensten Spezialisten der Schweiz in Sachen Knorpelregeneration, begutachten – und erhielt die niederschmetternde Diagnose.

So bitter der Besuch in der Schulthess-Klinik war, er bescherte Lüönd auch einen Hoffnungsschimmer. Immerhin hat Steinwachs bereits Profifussballer, die sich in einer ganz ähnlichen Situation befunden hatten, operiert. Und diese ehemaligen Patienten können heute wieder Sport auf höchstem Niveau treiben. «So will ich nicht zurücktreten. Ich will noch einmal alles probieren. um wieder dorthin zu kommen, wo ich einmal war. Ich bin ja noch jung, und die Beispiele der Fussballer stimmen mich optimistisch», sagt Lüönd, «aber jetzt geht es erst einmal darum, wieder gesund zu werden. Ob ich dann noch einmal im Sport erfolgreich sein kann, wird sich zeigen.»

Schmerzen selbst beim Joggen

Doch auch wenn es diese Perspektive für Lüönd nicht gäbe, so hätte er sich den geplanten Operationen auf jeden Fall unterzogen. Und so lässt er sich nun in einem ersten Schritt Knorpelzellen entnehmen, die dann zwei, drei Wochen hochgezüchtet und in einem zweiten Schritt wieder ins Knie eingesetzt werden. «Ich will ja schliesslich auch mit 35 noch Ski fahren können», sagt Lüönd, «doch so, wie es zurzeit ist, kann ich nie mehr Ski fahren – auch nicht nur so ein bisschen zum Freizeitvergnügen. Ich habe zurzeit selbst beim Joggen Schmerzen.»

Im Februar 2013 befand sich Vitus Lüönd kurz vor dem bisherigen Highlight seiner Karriere, seinem ersten Start an einer WM. Er hatte sich in der teaminternen Qualifikation schon so gut wie sicher den Startplatz für die Abfahrt von Schladming erkämpft – ehe im Abschlusstraining das Schicksal derart gnadenlos zuschlug. Elf Monate später steht Vitus Lüönd nun am Tiefpunkt seines Sportlerlebens. Denn anders als bei seinen beiden Kreuzbandrissen, die er einst erlitt, ist diesmal ungewiss, ob er nach der anstehenden Reha in einigen Monaten auch wirklich wieder Skirennen bestreiten kann.