SKI ALPIN: «Warum ausgerechnet jetzt?»

Für Fabienne Suter ist der Abfahrtsweltcup nach der Verletzungspause in weite Ferne gerückt. Schon vor vier Jahren war die 31-jährige Schwyzerin in einer ähnlichen Situation.

Interview Claudio Zanini
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Von einem Muskelfaserriss ausgebremst: Fabienne Suter (hier an der Ski-WM 2015 in Beaver Creek). (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Von einem Muskelfaserriss ausgebremst: Fabienne Suter (hier an der Ski-WM 2015 in Beaver Creek). (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Interview Claudio Zanini

Sie liess wenig von sich hören nach ihrem Muskelfaserriss am 4. Januar im Riesenslalom-Training. Fabienne Suter regenerierte sich zu Hause in Schwyz und liess offen, wann sie auf die Piste zurückkehren wird. Einerseits war der Heilungsverlauf schwierig abzuschätzen, andererseits sollte nicht unnötiger Druck entstehen mit forschen Comeback-Prog-nosen. Wider Erwarten tauchte sie plötzlich auf der Startliste des ersten Trainings in Cortina d’Ampezzo in der vergangenen Woche auf. Auch am Vortag der Abfahrt liess sie offen, ob sie tatsächlich am Start stehen wird. Das Knie machte mit, Suter holte einen 18. Rang – tags darauf schied sie im Super-G aus.

Im Interview spricht die Speed-Spezialistin über den Heilungsverlauf, ihre Chancen auf den Abfahrtsweltcup und der Höhenflug ihrer Namensvetterin Corinne Suter.

Fabienne Suter, Sie hatten einen blendenden Saisonstart hinter sich, führten zwischenzeitlich im Abfahrtsweltcup. Und dann verletzten Sie sich einen Tag vor ihrem Geburtstag. Was geht einem da durch den Kopf?

Fabienne Suter:Zum einen fragte ich mich, warum es ausgerechnet immer dann passieren muss, wenn es gut läuft. Ich war 2012 in einer ähnlichen Situation. Damals gewann ich Anfang Januar den Super-G in Bad Kleinkirchheim und fiel gut zwei Wochen später mit einem Kreuzbandriss für den Rest der Saison aus. Zum andern hatte ich Angst, dass es etwas Gravierenderes sein könnte. Insofern war ich schnell erleichtert, als mir die Ärzte sagten, dass keine Operation nötig sei. Danach sollte man nicht mehr gross Zeit aufwenden, um sich mit dem Warum und Weshalb auseinanderzusetzen.

Teamarzt Walter O. Frey betonte, dass der Heilungsverlauf schwer abzuschätzen sei. Bei ihnen dauerte dieser gerade mal zweieinhalb Wochen.

Suter: Es war tatsächlich schwierig abzuschätzen, da ich bisher noch nie einen Muskelfaserriss gehabt habe. Ausserdem war die Genesungszeit unsicher, weil die Verletzung mein ohnehin angeschlagenes Knie betraf. So konnten wir nicht wissen, in welchem Zeitraum das Knie die Verletzung verkraften wird.

Wo haben Sie sich regeneriert?

Suter: Zu Hause in Sattel. In einem solchen Moment ist es wichtig, in einem Umfeld zu sein, in dem man sich wohlfühlt und auf andere Gedanken kommen kann. Die ersten 2–3 Tage musste ich mich zwingen, gar nichts zu machen. Beim Treppensteigen hatte ich Schmerzen, beim Velofahren ebenso. Später konnte ich mit Physiotherapie und Kraftübungen anfangen.

Verhalf auch die Verlockung, im Abfahrtsweltcup doch noch Siegeschancen zu haben, zum schnellen Comeback?

Suter:Ich glaube nicht. Ohne die Erlaubnis der Ärzte hätte ich sowieso nicht gewagt, wieder zu starten. Als Sportlerin willst du in jedem Fall so schnell wie möglich wieder zurückkommen. Eigentlich wäre ich bereits in Zauchensee gerne wieder dabei gewesen. Es ist einfach ein tolles Gefühl, mit der roten Nummer der Disziplinenleaderin zu starten. Diese Ehre hätte ich in Zauchensee seit langem wieder einmal gehabt. Cortina war sicher eine gute Möglichkeit, um wieder Sicherheit zu gewinnen, da dort die Verhältnisse meistens ideal sind und ich die Piste sehr gut kenne.

Haben Sie den Abfahrtsweltcup mittlerweile abgeschrieben?

Suter: Vor den Rennen in Cortina habe ich das noch nicht abgehakt gehabt, jetzt hingegen schon. Da muss ich realistisch bleiben. Ich bin nicht Lindsey Vonn, welche Rennen auslassen kann und dann sogleich wieder zuoberst steht. Meine Beine müssen sich jetzt vorerst wieder ans Skifahren gewöhnen. Nächste Woche folgt die Abfahrt in Garmisch, und da will ich sicher den Anschluss an die Weltspitze behalten. Ausserdem freue ich mich in dieser Saison auf die Abfahrt in Crans-Montana und das Saisonfinale in St. Moritz. Auch das Rennen in La Thuile wird eine schöne Herausforderung, eine Piste, die ich noch nicht kenne, aber von der ich gehört habe, dass sie anspruchsvoll sei.

In Cortina belegten Sie am vergangenen Wochenende den 18. Platz, im Super-G schieden Sie aus. Standen die Resultate nach der Verletzung überhaupt im Vordergrund?

Suter:Logischerweise habe ich mir nach dem guten Saisonstart mehr erhofft – trotz auskurierter Verletzung. Aber ich bin zufrieden, dass mein Körper mitmachte. Ich war ziemlich unsicher vor dem ersten Training, da ich nicht wissen konnte, ob das Knie den Belastungen auf Rennniveau standhält. Nach dem Training war ich deshalb sehr beruhigt. Vor dem Super-G sah es nochmals anders aus. Da wirken aufgrund der engeren Torabstände ganz andere Kräfte. Das beschäftigte mich schon vor dem Rennen. Und natürlich ist es schade, dass ich ausgeschieden bin.

Ihre Namensvetterin Corinne Suter sorgt derzeit für Aufsehen. Im Super-G von Cortina gelang ihr wieder ein Top-Ten-Ergebnis. Wie erleben Sie ihren Aufstieg?

Suter:Sie hat einen guten Saisonstart hingelegt und befindet sich seither auf einer Erfolgswelle. Für unser Team ist das enorm wichtig, dass solche Athletinnen wie Corinne nachrücken und die Lücke nach den Abgängen in der letzten Saison schliessen können.

Sie sind nun die erfahrendste und auch älteste Athletin im Schweizer Team. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Mannschaft?

Suter: Ich bin sicher immer bereit zu helfen, wenn eine der jüngeren Athletinnen eine Frage oder ein Anliegen hat. Aber auch Lara Gut oder Tina Weirather sind bereits lange dabei und haben auch einen grossen Erfahrungsschatz. Die Konstellation im Skisport ist dennoch speziell. Auch wenn wir als Team die meiste Zeit im Jahr unterwegs sind, sind wir letzten Endes Einzelsportlerinnen, und jede muss ihren eigenen Weg gehen.