SKI ALPIN: Zwangspause stellt Danioth auf Geduldsprobe

Aline Danioth (18) fasste erst gerade Fuss im Weltcup, als sie sich in Sestriere schwer verletzte. Für die Urnerin ist der Weg zurück auf die Rennpisten auch eine Lebensschule.

Sven Aregger
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Sie vermisst das Skifahren: Nachwuchstalent Aline Danioth, fotografiert im Hotel The Chedi. (Bild: Roger Grütter (Andermatt, 16. Januar 2017))

Sie vermisst das Skifahren: Nachwuchstalent Aline Danioth, fotografiert im Hotel The Chedi. (Bild: Roger Grütter (Andermatt, 16. Januar 2017))

Sven Aregger

sven.aregger@luzernerzeitung.ch

Auch mit Krücken lässt sich Aline Danioth nicht vom Gemsstock abhalten. In den vergangenen Wochen war sie einige Male auf dem Berg ob Andermatt. Sie besuchte ihren Vater Carlo, der dort als Pistenchef arbeitet, sass in der Sonne und schaute den Skifahrern zu. «Ich brauche den Gemsstock, auch wenn es mir das Herz bricht, dass ich nicht selber auf den Ski stehen kann», sagt die 18-jährige Andermatterin. «Ich vermisse nicht nur die Rennen, mir fehlt vor allem das Skifahren an sich. Ich liebe es extrem.»

In der Tat ist Danioth eine Skifahrerin aus Leidenschaft. Seit sie 3 Jahre alt ist, steht sie wenn immer möglich auf den schmalen Brettern. Sie ist ein Naturtalent, eine exzellente Freeriderin und ehrgeizige Rennfahrerin, die schon im Sommer ungeduldig auf den nächsten Schnee wartet.

Der Schock nach der Diagnose

Doch statt Berghänge runterzuflitzen, sitzt die Junioren-Weltmeisterin und zweifache Siegerin an den Olympischen Jugendspielen 2016 nun im Andermatter Luxushotel «The Chedi» und spricht über ihre Situation. Über jenen verhängnisvollen Weltcup-Riesenslalom am 10. Dezember in Sestriere, der ihre Pläne durchkreuzen sollte. Sie war ausgeschieden und spürte leichte Schmerzen im linken Knie. Nach ersten Tests vor Ort versicherten ihr die Ärzte, dass nichts Gravierendes kaputt sei. Zur Sicherheit liess sie doch ein MRI machen. Die niederschmetternde Diagnose: Kreuzbandriss, Risse am inneren und äusseren Meniskus, Zerrung des Seitenbandes. Bis zu neun Monaten Pause – just in dem Moment, als sich Danioth im Weltcup langsam etablieren wollte. «Das war ein Schock und mental nicht einfach, weil ich sehr gut in Form war. So etwas tut schon weh», sagt sie im Hotel «The Chedi», wo die diplomierte Handelsschülerin in den vergangenen zwei Jahren ein KV-Praktikum absolviert hat.

Mittlerweile hat sich Danioth mit der Verletzung arrangiert, es bleibt ihr nichts anderes übrig. «Ich muss die Situation so akzeptieren, wie sie ist. Das gehört zum Sport.» Lieber verweist sie auf den positiven Heilungsverlauf: «Es geht mit kleinen Schritten vorwärts.» Die Operation in der Zürcher Uniklinik Balgrist ist gut verlaufen, die Reha bereits in vollem Gange. Unter der Leitung von Swiss-Ski-Arzt Walter O. Frey absolviert sie zwei- bis dreimal wöchentlich ein Therapie- und Trainingsprogramm in Zürich. In Andermatt trainiert sie ausserdem im Kraftraum des Nationalen Biathlon-Zentrums. Oberkörper-, Rumpf- und einzelne Ausdauertrainings sind problemlos möglich. Und auch das verletzte Bein kann sie wieder leicht belasten.

Zum Wiederaufbau gehört auch Mentaltraining unter professioneller Hilfe. Noch fällt es Danioth schwer, die Rennen der Frauen am Fernsehen zu schauen. «Ich denke dann immer, dass ich da normalerweise auch fahren könnte. Das ist schon schlimm», räumt die junge Urnerin ein.

Immer auf Draht, immer Vollgas

Die Zwangspause ist daher auch eine Lebensschule für Danioth, die immer auf Draht ist, immer Bewegungsdrang verspürt und immer mit Vollgas an der sportlichen Entwicklung gearbeitet hat. Jetzt muss sie lernen, geduldig zu sein. «Schon früher waren Ruhetage für Aline am schlimmsten», sagt Vater Carlo. «Die Situation ist schwierig für sie. Aber sie ist jetzt schon viel ruhiger geworden als vor der Verletzung.» Die Andermatter Skilegende Bernhard Russi (siehe Box) rät der jungen Sportlerin: «Geduld ist jetzt am wichtigsten.»

Aline Danioth weiss das. Sie versichert: «Ich bin trotz der Verletzung immer noch ein fröhlicher, glücklicher Mensch.» Sie will sich auch nicht unter Druck setzen, was den Zeitpunkt einer Rückkehr auf die Rennpisten betrifft. «Ich muss wirklich Geduld haben.» Gleichwohl ändert sich nichts an ihren Zielen. Sie will wieder im Weltcup Fuss fassen, Rennen fahren. «Mein erstes Ziel ist es aber, wieder auf den Ski zu stehen. Dafür arbeite ich hart», sagt sie.

Wenn alles nach Plan läuft, wird die passionierte Skifahrerin also auch Ende Jahr wieder auf dem Gemsstock anzutreffen sein – aber diesmal nicht mit Krücken, sondern mit den zwei Brettern unter den Füssen.

Hinweis

Mehr zum Ski alpin lesen Sie auf Seite 35.