SKI NORDISCH: «Bei Regen muss ich mich überwinden»

Dario Cologna (27) bereitet sich zurzeit in Andermatt auf die Olympiasaison vor. Beim Besuch unserer Zeitung spricht der Langlaufstar über die Mühen im Trainingsalltag, die Bedeutung, einen Rivalen wie Northug zu haben, den Umgang mit der eingeschränkten Privatsphäre und seine Ferien.

Interview Stefan Klinger
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Dario Cologna: «Das Ziel Olympia vor Augen hilft dir an den Tagen, an denen du keine Lust aufs Training hast.» (Bild: Keystone/Rene Ruis)

Dario Cologna: «Das Ziel Olympia vor Augen hilft dir an den Tagen, an denen du keine Lust aufs Training hast.» (Bild: Keystone/Rene Ruis)

Dario Cologna, können Sie eigentlich wirklich mal ein paar Tage am Stück so richtig abschalten, Ihren Bewegungsdrang unterdrücken und ruhig am Strand liegen?

Dario Cologna: Ach, das geht schon. Ich bin diesmal in meinen Ferien zwei Wochen mit meiner Freundin Laura in Mexiko gewesen. Ich hatte da zwar die Joggingschuhe dabei und war zwei-, dreimal laufen, aber sonst habe ich mich schön erholt und am Strand relaxt. Und bei 35 Grad kommst du ohnehin nicht auf die Idee, viel zu machen.

So mancher Wintersportler hat schon bei Temperaturen ab 25 Grad seine liebe Mühe. Macht Ihnen in solchen Momenten der grosse Unterschied zu Ihrem Alltag, der meist bei kühlen Temperaturen stattfindet, nichts aus?

Cologna: Es waren ja meine Ferien, da habe ich es schon gerne warm. Ausserdem ist am Strand immer ein bisschen ein Wind gegangen, das hat es kühler und angenehm gemacht. Wenn es ums Training geht, sieht das anders aus. Da finde ich im Sommer 20 Grad optimal. Zum Glück ist es in Davos nie so richtig warm.

Wie schwer fiel es Ihnen, nach dem lockeren Strandleben wieder mit der Saisonvorbereitung zu beginnen?

Cologna: Die Vorbereitung ist bei uns lang und hart, letztlich geht sie von Anfang Mai bis November. Zurzeit trainieren wir jeden Tag zweimal zwei Stunden. Auf Rollski, zu Fuss, am Anfang noch einige Einheiten auf dem Velo, nun auch wieder mehr auf den richtigen Ski – alles in allem machen wir neben dem Krafttraining sehr, sehr viele Ausdauertrainings. Da musst du dich manchmal schon überwinden. Vor allem, wenns es regnet, aber auch, wenn du im Skitunnel in Oberhof deine Runden drehst. Eine Runde ist dort knapp zwei Kilometer lang, da kommst du innerhalb einer Einheit schon öfters mal an der gleichen Stelle vorbei.

Was treibt Sie in solchen monotonen, mühevollen Momenten an, trotzdem das Beste aus sich herauszuholen?

Cologna: Du weisst ja, was es braucht, um im Winter wieder schnell zu sein. Sicher brauchst du nach dem Saisonende und den im Anschluss folgenden Skitests im April mal eine gewisse Erholungszeit, aber du verlierst eben auch schnell dein Niveau. Wenn du da einen ganzen Monat nichts machst, dauert es danach fast eineinhalb Monate, bis du wieder auf einem Niveau bist, um qualitativ gut trainieren zu können. Deshalb versuchst du im Frühjahr die Form einigermassen mitzunehmen. Und seit das Sommertraining richtig begonnen hat, habe ich das Ziel Olympia vor Augen. Das hilft dir an den Tagen, an denen du keine Lust hast. Zum Glück sind das nur ein paar Tage im Monat, im Grossen und Ganzen macht das Sommertraining trotz allem Spass.

Wie gegenwärtig sind denn die Spiele in Sotschi schon in Ihrem Alltag?

Cologna: Es ist jetzt nicht so, dass ich in jedem Training daran denke, aber ich stelle es mir immer mal wieder vor und habe meine Planung schon ein bisschen darauf ausgerichtet. Olympia gibt es eben nur alle vier Jahre, das ist nun mein grosses Ziel. Und in meinem Fall sind ja auch die Ziele dort klar. Ich kann nicht sagen, ich will mal in die Top 10 kommen.

Alle erwarten von Ihnen gleich mehrere Goldmedaillen. Wie sehr nervt Sie das, wenn schon ein zweiter Platz als eine Niederlage angesehen wird?

Cologna: Wenn man bei einem zweiten Platz an der Tour de Ski von einer verpassten Titelverteidigung spricht, dann stinkt mir das. Man muss die Relationen wahren. Und ich finde es auch etwas befremdlich, wenn ich in einem Weltcuprennen Dritter werde und die Resonanz, vorsichtig gesagt, bescheiden bleibt. Ich merke das sogar in meinem Kollegenkreis, aus dem dann ein paar SMS weniger kommen. Aber grundsätzlich ist es okay, wenn man daran gemessen wird, was man erreicht hat. Ich messe mich selbst ja auch daran und sage: Ich will in Sotschi möglichst viele Medaillen gewinnen.

Treten Sie in allen sechs Rennen an?

Cologna: Ziemlich sicher in allen vier Einzelrennen. Über einen Einsatz in der Staffel und im Teamsprint entscheiden wir noch. Das hängt auch ein bisschen davon ab, wie die Saison verläuft und welche Resultate ich erziele.

Ihr grösster Konkurrent ist der Norweger Petter Northug. Wie wichtig für Ihre eigene Leistung ist es, so einen starken Dauerrivalen zu haben?

Cologna: Solche Konkurrenten bringen dich weiter. Sie motivieren dich, mehr zu machen. Zudem fallen dank ihnen die schwierigen Momente im Training leichter. Denn du weisst, dass du alles und viel machen musst, weil im nächsten Weltcup einer gegen dich läuft, der auch absolut parat ist. Es ist schon so: Wenn du mal besser bist als die anderen, wirst du auch ein bisschen fauler. Das kannst du dir auf diesem Niveau nicht leisten. Letztlich ist es mir egal, wer hinter mir Zweiter und Dritter wird. Aber wenn du einen Wettkampf gewinnst, in dem auch Northug gestartet ist, macht es den Erfolg schon noch wertvoller, emotionaler.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu ihm?

Cologna: Wir verstehen uns eigentlich gut und haben einen guten Umgang, wenn wir uns sehen. Es ist aber nicht so, dass wir im Sommer, wenn er in Norwegen ist und ich in der Schweiz bin, einmal die Woche miteinander telefonieren.

Dann können Sie auch nicht so richtig einschätzen, was von den jüngsten Meldungen zu halten ist, dass er wegen eines Virus seit zwei Monaten nicht mehr richtig trainieren kann?

Cologna: Ich habe das auch mitbekommen, aber man sollte es nicht überbewerten. In Norwegen ist der Langlauf die Sportart Nummer eins. Da wird ein riesiger Zirkus veranstaltet. Wenn Petter mal hustet, geht das durch alle Medien und ist eine grosse Geschichte. Es hat schon oft geheissen, dass er krank sei, und eine Woche später gewinnt er ein Weltcuprennen. Ich hoffe, dass es auch diesmal nichts Ernstes ist. Und Zeit, um rechtzeitig in Form zu kommen, ist noch genug.

Wie sehr schätzen Sie es, dass in der Schweiz der Rummel um Ihre Person nicht ganz so extrem ist wie der in Norwegen um Petter Northug?

Cologna: Ich finde es schön, dass in der Schweiz alles in einem angenehmen Rahmen verläuft und du einigermassen deine Ruhe hast. Wenn mir Leute in Davos auf der Strasse begegnen, ist das für sie nichts Besonderes, weil ich mich dort ja jeden Tag auf der Strasse bewege. In Zürich oder Chur ist das zwar ein bisschen anders, aber ich kann mich überall problemlos auf der Strasse bewegen und muss nicht ständig für Fotos posieren oder Autogramme schreiben. Klar merkst du daran, wie dich die Leute anschauen, dass sie jetzt über dich sprechen. Aber daran gewöhnt man sich. Und es ist ja auch schön, dass Langlauf nun so einen Stellenwert hat, dass ich sogar Schweizer des Jahres werden konnte.

Durch Ihre Erfolge ist auch Ihr Umfeld immer mehr in die Öffentlichkeit gerückt. Bestimmt keine einfache Situation für Ihre Eltern und Ihre Freundin.

Cologna: Wir haben ein bisschen lernen müssen, wie gewisse Medien funktionieren, und damit umzugehen. Meine Eltern konnten am Anfang schlecht Nein sagen. Das wurde schon mal etwas ausgenutzt. Es gab das eine oder andere Interview, das aus meiner Sicht nicht hätte sein müssen. Aber ich werde ihnen sicher nichts vorschreiben. Und alles in allem ist ja auch nichts Schlimmes vorgefallen.

Also haben Sie genug Privatsphäre?

Cologna: Ein paar Sachen musst du einfach machen, weil du ja eine öffentliche Person bist. Aber bei mir ist es so, dass ich mir das gut aussuchen kann. Mein oberstes Ziel ist es, immer wieder mein Leistungsniveau zu erreichen. Die Sponsoren- und Medientermine versuche ich nebendran irgendwie reinzuschieben. Natürlich ist es schon schwer, wenn du drei, vier Ruhetage im Monat vom Sport hast und dann zum Beispiel für ein Fotoshooting unterwegs bist, wenn andere sich erholen können. Aber davon profitiere ich ja dann auch wieder.

Es heisst, Sie verdienen knapp über eine Million Franken pro Jahr?

Cologna: In der Schweiz spricht man über Geld nicht. Aber klar bin ich in einer guten finanziellen Situation. Ich habe ein paar langfristige Verträge abschliessen können und muss mir die nächsten vier Jahre keine Sorgen machen. Das befreit. Aber ich bin auch nicht ewig Langläufer.

Bis Olympia 2018 schon noch, oder?

Cologna: Ja. Trotzdem denke ich immer wieder mal an das Leben danach. Vor zwei, drei Jahren habe ich immer nur gedacht: Jetzt bist du Langläufer. Inzwischen ist mir bewusst, dass das nichts Ewiges ist. Ich hoffe, dass mir dann die Umstellung gelingt und ich irgendwo eine ähnliche Befriedigung finde, wie ich sie jetzt habe. Aber mir ist auch klar, dass es schwer wird, solche Emotionen wie jetzt später im Alltag wieder zu haben.

Als Trainer im Weltcup hätten Sie diese Emotionen.

Cologna: Ich denke zwar, dass ich dem Sport in irgendeiner Funktion erhalten bleibe, aber ziemlich sicher nicht als Trainer im Weltcup. Dann wäre ich ja wieder die ganze Zeit so viel unterwegs. Es gibt ein paar Sachen, die mir im Kopf umherschwirren. Mich würde es auch reizen, ein Studium zu beginnen und nochmal was zu lernen. Allerdings glaube ich, dass ein Vollzeitstudium schon sehr happig wird, wenn du solange raus bist aus dem Lernen. Aber das alles wird wohl erst 2018 konkret.

Leben Sie nun das Leben, das Sie sich erträumt haben, als Sie als Teenager mit Langlauf anfingen?

Cologna: Es ist sogar noch besser. Ich habe ja, bis ich 16 war, Fussball gespielt und wollte am Anfang ein Fussballstar werden. Als ich dann mit zwölf mit dem Langlauf angefangen habe, ging es mehr darum, dass ich mich nicht zu früh auf eine Sportart konzentrierte und ich das ja gerne machte. Mit 14 war ich Dritter an der Schweizer Meisterschaft, mit 16 habe ich sie gewonnen und bin dann auf das Sportgymnasium gekommen. Ab da hatte ich dann schon das Ziel, mal im Weltcup Erster zu werden. Aber dass es so gut kommen würde, hatte ich nicht erwartet.