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SKI NORDISCH: «Das Feuer in mir ist entfacht»

Simon Am­­­mann springt seit 17 Jahren im Weltcup. Im Interview spricht der 33-Jährige über den Umgang mit Stürzen, sein Verhältnis zur Konkurrenz und die ­Herausforderung in Engelberg.
Interview Stefan Klinger
Simon Ammann hat für Engelberg Energie getankt. (Bild: Keystone)

Simon Ammann hat für Engelberg Energie getankt. (Bild: Keystone)

Interview Stefan Klinger

Simon Ammann, viele Ihrer Konkurrenten sind am Wochenende beim Weltcup im Ural angetreten. Was haben Sie am Wochenende gemacht?

Simon Ammann: Ich habe mit meiner Frau und meinem Sohn meine Eltern in Unterwasser besucht. Ich habe diese Pause gebraucht. Im Sommer habe ich gespürt, dass es Sinn macht, immer mal wieder eine Pause einzulegen. Und ab jetzt haben wir einen engen Zeitplan. Daher war es wichtig, nach den Wettkämpfen in Norwegen, nach denen wir noch ein paar Tage zum Training dortgeblieben sind, nun noch einmal eine kleine Auszeit zu nehmen und sich zu sammeln um dann die Vierschanzentournee mit aller Energie anzugehen.

Können Sie wirklich ganz abschalten, wenn Sie wissen, dass Ihre Konkurrenten einen Wettkampf absolvieren und um Weltcuppunkte springen?

Ammann: Klar schaltest du nie ganz ab. Aber jetzt, da es bei mir gut läuft und ich zudem eine richtig gute Trainingswoche hinter mir habe, fiel mir das natürlich leichter. Letzten Winter habe ich diese Pause erst Mitte Januar eingelegt. Dass ich bis dahin durchgesprungen bin, hatte mich brutal viel Energie gekostet. Daher mache ich diesmal früher eine Pause. Über mögliche Auswirkungen im Gesamtweltcup denke ich da nicht nach.

Warum nicht?

Ammann: Sicher ist es bei mir bisher gut gelaufen, und ich war bis zu den Wettkämpfen in Russland Zweiter, aber deswegen rede ich jetzt nicht vom Gewinn des Gesamtweltcups. Und wenn die Form stimmt, wird sich im Laufe des Winters ohnehin viel wieder relativieren.

Stimmt die Form?

Ammann: Ich spüre, dass es gut gehen kann. Vor einem Jahr war das nicht ganz so. Da wusste ich, dass ich einen guten Sprung pro Wettkampf draufhabe und je nach Tag und den Umständen vielleicht auch mehr. Im Vergleich dazu bin ich jetzt einen Schritt weiter. Das Feuer in mir ist entfacht. Ich brenne nun auf die nächsten Wettkämpfe und die Vierschanzentournee.

Also auch auf den Heim-Weltcup am Wochenende in Engelberg. Das war bei Ihnen ja nicht immer so.

Ammann: In der Verfassung, in der ich zurzeit bin, geniesse ich es, nach Engelberg anzureisen. Aber es stimmt schon: Es hat lange gedauert, bis mir dort der Knopf aufgegangen ist. Engelberg ist die Weltcupstation, bei der es am längsten gedauert hat, bis ich dort zurechtkam.

Weil Sie am Heim-Weltcup ganz anders im Mittelpunkt stehen als sonst?

Ammann: Auch. Die Klasse, die das Event inzwischen hat, musste erst hergestellt werden. Früher hat uns rundum die Ruhe gefehlt. Doch diese Schanze ist eine, die viel Konzentration braucht, weil sie eine ganz spezielle Charakteristik hat. Aber das war nicht der einzige Grund. Es gab natürlich auch einen Janne Ahonen oder die guten Österreicher, die verhindert haben, dass Andreas Küttel und ich jedes Jahr in Engelberg Topresultate erreichten.

Sie sind das Gesicht des Schweizer Skispringens und gleichzeitig vom Charakter her nicht gerade einer, der Fans auch mal einfach so abblitzen lässt. Ist es für Sie belastend, Fans, die nur in Engelberg die Chance haben, Sie hautnah zu erleben, stehen zu lassen, weil Sie sich auf den Wettkampf konzentrieren müssen?

Ammann: Wenn ich bei Wettkämpfen im Ausland zur Schanze laufe, rufen die Zuschauer meinen Namen. Dann kommt ein paar Meter hinter mir der nächste Springer, dann rufen sie seinen Namen. Daher geht mir das dort nicht so nahe. Bei einem Wettkampf in der Schweiz ist das ganz anders, viel intensiver, weil diese Fans hier bewusst meinen Namen rufen. Da bin ich ein bisschen gefangen im Zwiespalt. Da frage ich mich oft selber, bevor ich zur Schanze laufe: Wie sehr musst du jetzt konzentriert sein und darfst nicht auf die Rufe eingehen? Denn du musst ja rechtzeitig deinen Fokus haben. Zudem mag ich es grundsätzlich, wenn ich länger in der Konzentrationsphase bin und mich in dieser Phase drehen und wenden kann.

Bleiben wir in den letzten Minuten vor dem Sprung. Sie stehen oben und sehen, wie ein Konkurrent stürzt. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Ammann: Ich finde es schade für jeden, der stürzt. Allerdings bin ich ein Mensch, der rational zu bleiben versucht. Ich will mir mein Risikoverhalten bewahren. Denn ich springe gerne von anspruchsvollen Schanzen.

Wie rational können Sie bleiben, wenn ein langjähriger Konkurrent wie Thomas Morgenstern im letzten Winter von Stürzen zermürbt wird und letztlich die Karriere beendet?

Ammann: Früher war ich da neutral bei solchen Dingen. Den zweiten Sturz habe ich aber von oben gesehen und habe die Bilder noch vor mir. Meistens kannst du ja etwas in der Luft noch retten, aber bei diesem Sprung hat man gleich gesehen: Da kannst du nichts mehr retten. So wie er damals willst du nicht in der Luft liegen. Das alles hat mich natürlich berührt. Ich finde es stark von ihm, dass er weit vorausgeschaut hat, statt etwas übers Knie zu brechen. Es gibt ja auch eine Zeit nach dem Skispringen.

Wie sieht denn grundsätzlich Ihr Verhältnis zu den Konkurrenten aus: Sind darunter echte Freunde?

Ammann: Im Fernsehen sieht es oft fröhlich aus, und im Grunde ist es auch ein lockerer Umgang untereinander aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann bist du eben doch in der Konkurrenzsituation gefangen. Hinzu kommt: Wenn du mal frei hast, willst du auch nicht gleich wieder reisen. Ich geniesse es dann, auch einfach mal wieder Zeit in Unter­wasser zu verbringen. Mit Kamil Stoch und Thomas Morgenstern zum Beispiel habe ich mich im Laufe der Jahre angenähert. Wir haben auch schon ausgemacht, dass wir uns mal ausserhalb der Saison treffen. Aber letztlich bleibt es dann doch immer an dem Punkt.

Erst recht, seitdem Ihre Freizeit durch die Geburt Ihres Sohnes Théodore Anfang Oktober noch eingeschränkter ist. Rund um den Wettkampf in Lillehammer waren Sie so lange wie noch nie weg von ihm. Haben Sie da im Laufe der Tage nicht immer mehr gedacht, dass Sie etwas verpassen?

Ammann: Ich war diesmal eine Woche weg und bin immer wieder überrascht, was sich alles verändert. Bis jetzt habe ich es aber recht gut hinbekommen, mir bei den Reisen die Fokussierung auf den Sport zu bewahren. Klar, ist am Anfang alles neu und ändert es sich ständig. Und es wäre schön, das alles sofort hautnah mitzubekommen. Aber ich sehe mich trotzdem in einer privilegierten Lage. Wir haben mit den Österreichern und den Deutschen in der Saison die kürzesten Wege. Nehmen Sie die Japaner. Die verzichten nun auf die Wettkämpfe in Russland und in Engelberg, damit sie mal zwei Wochen am Stück und vor allem an Weihnachten daheim sein können, bevor sie wieder über den Jahreswechsel und im Januar fernab der Heimat sind.

Im Frühjahr haben Sie sich nach längerem Abwägen entschieden, Ihre Karriere fortzusetzen. Haben Sie in den vergangenen Monaten mal an diesem Entscheid gezweifelt?

Ammann: Der Sommer hat mir keinen Spass gemacht. Wenn du älter wirst, wird der Kopf schneller als der Körper. Ich wollte viel ausprobieren, was ich mir zuvor überlegt hatte aber ich hatte nicht die Geduld; mein Körper braucht eben zwischendurch auch Erholung. Da habe ich gestaunt, wie langsam es voranging. Aber ich war nie in der Phase, dass ich gesagt habe, das wird nichts mehr bis zum Saisonstart. Und inzwischen hat sich ja herausgestellt, dass wir bei den Leuten sind.

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