SKI NORDISCH: «Es war eher ein Überlebenskampf»

Der Horwer Gregor Deschwanden (25) steht nach einer missratenen Saison vor einigen Frage- zeichen. Ein Gespräch über Selbstzweifel, Frust, Druck und das Verhältnis zu den Trainern.

Interview Jonas von Flüe
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Konnte sich in dieser Weltcup-Saison nur vier Mal in den Top 30 klassieren: Der Horwer Gregor Deschwanden. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Konnte sich in dieser Weltcup-Saison nur vier Mal in den Top 30 klassieren: Der Horwer Gregor Deschwanden. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

187,5 Meter. So weit flog Gregor Deschwanden vergangenen Freitag in der Qualifikation zum Skifliegen im slowenischen Planica. Für den Horwer bedeutete das Rang 35. Wie so oft in dieser Saison fand der Wettkampf ohne Deschwanden statt. Nur vier Mal konnte er sich in diesem Winter in den Top 30 klassieren. Nach den letzten Springen zieht Deschwanden Bilanz.

Gregor Deschwanden, sind Sie froh, dass die Saison zu Ende ist?

Gregor Deschwanden: Ich freue mich, dass ich nun ein paar Tage verschnaufen und mich um Sachen wie die Steuererklärung kümmern kann (lacht). Ich war jetzt fast vier Monate dauernd unterwegs, was sehr anstrengend war. Deshalb bin ich nun gerne ein paar Tage zu Hause in Horw. In zwei Wochen werden wir aber bereits nach Spanien reisen und an einem Kickoff-Event bestimmen, wie wir die nächste Saison angehen möchten. Wir haben einen Rückstand aufzuholen, deshalb fällt die Pause in diesem Jahr kürzer aus.

Sie sprechen es an. Die zu Ende gegangene Saison war aus Schweizer Sicht keine optimale. Trainer Pipo Schödler hat seinen Rücktritt angekündigt, Teamleader Simon Ammann sprang selten in die Top 10, und Sie konnten nur vier Mal Weltcuppunkte gewinnen ...

Deschwanden: Die Saison verlief komisch. Mitte Dezember erzielte ich in Nischni Tagil mit Rang 7 das beste Resultat meiner Karriere. Ich dachte, dass der Knoten nun geplatzt sei. Doch nachher gelang mir gar nichts mehr. Was den Ausschlag dazu gegeben hat, weiss ich auch nicht. Es waren Details. Aber ich muss nichts beschönigen: Es war eine schlechte Saison. An meinem Ziel, regelmässig in die Top 20 zu springen, bin ich klar gescheitert. Nun muss ich schnell einen Plan fassen, damit sich das in der kommenden Saison nicht wiederholt. Jedoch gibt es mit dem Abgang von Pipo Schödler einige Fragezeichen. Wer wird zweiter Trainer neben Ronny Hornschuh? Oder gibt es gar einen neuen Cheftrainer? Klar ist eigentlich nur, dass wir keinen Schweizer Trainer erhalten werden. Martin Künzle und Roger Kamber wollen nicht, weil der zeitliche Aufwand und die Verantwortung sehr gross sind. Schweizer Alternativen gibt es keine. Wir werden aber sicher eine Bereicherung für unser Team finden.

Kamen bei Ihnen nach all den enttäuschenden Resultaten auch Selbstzweifel auf?

Deschwanden: Ja, sicher. Von einem Erfolgserlebnis kann man zwei bis drei Wochen zerren. Dann verschwindet das Glücksgefühl. Bei der Vierschanzentournee, unserem Saisonhöhepunkt, habe ich gemerkt, dass ich keinen Spass mehr habe. Es war eher ein Überlebenskampf. Dann begannen die Zweifel.

Es muss frustrierend gewesen sein, als Sie statt wie erhofft um Top-10-Plätze um die Teilnahme am Wettkampf selbst kämpfen mussten.

Deschwanden: Wenn man erfolgreich ist, geht alles einfacher. Mit guten Ergebnissen im Gepäck reist es sich viel leichter durch den Winter, man nimmt auch die langen Flugreisen nach Japan oder Kasachstan ohne Probleme auf sich. Doch unter den schlechten Resultaten hat die Motivation gelitten. Die Reisen waren anstrengend und mühsam. Ich musste zwischendurch Kraft tanken, damit ich wieder vorwärts schauen konnte.

Wie haben Sie das gemacht?

Deschwanden: Ich war in diesem Winter wohl so oft zu Hause bei den Eltern wie noch nie. Bei ihnen kann ich mich gut ablenken. Doch nach drei Tagen ging es jeweils weiter zum nächsten Wettkampf.

Vor einem Jahr trat der langjährige Nationaltrainer Martin Künzle kürzer und konzentrierte sich seither auf den Nachwuchs. Hatte der Trainerwechsel auch Einfluss auf Ihre Leistungen?

Deschwanden: Mit Martin habe ich viele Sachen entwickelt. Ich habe viel von ihm profitiert, und wir hatten einen gemeinsamen Nenner. Den habe ich mit Pipo nicht auf Anhieb gefunden und ich konnte die neuen Inputs nicht unmittelbar Umsetzen. Uns hat aber allen schwer zu schaffen gemacht, dass unser Servicemann Gerhard Hofer im Herbst einen Bandscheibenvorfall erlitten hat, notoperiert werden musste und für die gesamte Saison ausfiel. Das war für mich persönlich sehr schwer, weil ich mit ihm gut arbeiten konnte und er meine Bezugsperson im Materialbereich war. Das war aber auch sehr schwer für die neuen Trainer, die jeweils den ganzen Tag mit uns im technischen und athletischen Bereich gearbeitet hatten und sich dann am Abend auch noch mit Materialfragen beschäftigen mussten. Wenn Sportler keine guten Resultate erzielen und dadurch gestresst sind, brauchen sie Trainer die Ruhe vermitteln. Dass Pipo ab Mitte Saison mit sich selber zu kämpfen hatte und sich im Weltcup nicht mehr richtig wohl gefühlt hat, war sowohl für mich als auch für uns als Team eine Herausforderung..

Was für Auswirkungen hat die missratene Saison für Sie?

Deschwanden: Ich werde wohl vom Nationalkader ins A-Kader zurückgestuft. Das ist für mich aber nicht so schlimm, weil ich vom Verband dieselbe Unterstützung und das gleiche Trainerteam erhalten werde. Mir werden deswegen keine Steine in den Weg gelegt. Wenn man nicht gut genug ist, gehört man nicht ins Nationalkader. Die Zurückstufung ist also völlig legitim.

Hat das finanzielle Konsequenzen?

Deschwanden: Mir wird kein Auto mehr zur Verfügung gestellt. Das ist alles. Und natürlich erhalte ich von meinem Kopfsponsor weniger Prämien. Ich habe leistungsbezogene Verträge, die aber alle bis zu den Olympischen Spielen 2018 laufen. Ich werde also keinen Sponsor verlieren.

Spätestens nach den Olympischen Spielen wird die Ära Simon Ammann wohl enden. Was heisst das fürs Schweizer Skispringen?

Deschwanden: Das mediale Interesse wird sicher abnehmen, denn es braucht Podestplätze, damit man wahrgenommen wird. Es liegt also an uns Jüngeren, dass wir dorthin kommen, wo Simon seit zehn Jahren ist: an die Weltspitze.

Ihnen traut man die Rolle als sein Nachfolger am ehesten zu. Empfinden Sie das als Druck?

Deschwanden: Der Druck von aussen, von der Öffentlichkeit, ist im Skispringen nie so gross wie etwa im Fussball. Daran kann man nicht zerbrechen. Denn wir sind oft unterwegs und lesen nicht immer Schweizer Zeitungen. Es ist doch schön, wenn sich die Leute wünschen, dass man Erfolg hat