Wendy und die starken Männer

Daniel Yule und Co. gingen einen ähnlichen Weg wie Wendy Holdener und sind dabei aufzuholen

Wie schnell der Mensch vergisst. Noch vor wenigen Jahren war der Slalom im Schweizer Team ein Krisengebiet. Neun Jahre und 101 Tage blieben die Schweizer Frauen ohne Podestplatz im Weltcup.

Martin Probst
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Weltmeisterin Wendy Holdener steigt am Donnerstag als grosse Favoritin neben Mikaela Shiffrin in die alpine Kombination der Frauen

Weltmeisterin Wendy Holdener steigt am Donnerstag als grosse Favoritin neben Mikaela Shiffrin in die alpine Kombination der Frauen

KEYSTONE/EPA/VASSIL DONEV

Sieben Jahre und 330 Tage warteten die Männer auf eine Top-3-Klassierung. Wendy Holdener löste am 10. März 2013 Sonja Nef als letzte Schweizer Podestfahrerin ab. Luca Aerni folgte am 22. Dezember des vergangenen Jahres auf Silvan Zurbriggen.

Holdener hat seither schon 15 Weltcup-Slaloms auf dem Podest beendet. Sie gewann 2017 WM-Silber in St. Moritz und zuletzt ebenfalls Silber an den Olympischen Spielen in Südkorea. Auf Aernis zweiten Rang folgten in dieser Saison zwei Slalom-Podestplätze von Daniel Yule.

Im Olympia-Slalom in der Nacht auf Donnerstag hat Daniel Yule aufgrund der Formkurve wohl sogar noch etwas die besseren Karten als Aerni, um Holdener mit einem Medaillengewinn zu folgen. Yule sagt: «Wenn alles passt, kann ich vorne mitmischen.» Das tut Holdener schon länger.

Allein zu Stärke finden

Yule, Aerni und Holdener verbindet der Jahrgang 1993 – und der Weg an die Weltspitze. Während Holdeners erster Weltcupsaison 2010/11 trat quasi das gesamte Slalom-Team der Frauen zurück. Einzig Denise Feierabend blieb. Wendy Holdener musste also fast allein zu Stärke finden, ohne sich langsam im Windschatten von arrivierten Landsfrauen entwickeln zu können. Der Schweizer Cheftrainer Hans Flatscher ist überzeugt, dass dies der Grund ist, dass sie heute so gut fährt. «Wendy musste sich durchbeissen.»

Das mussten auch Yule und Aerni, wenngleich auch etwas weniger einsam. Zwar profitieren auch sie nicht vom Windschatten anderer, doch immerhin bildeten sie mit Ramon Zenhäusern, der ebenfalls bei Olympia startet, und dem zurzeit verletzten Reto Schmidiger eine Art Aufbauteam.

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Tage warteten die Schweizer Frauen auf einen Slalom-
Podestplatz im Weltcup. Wendy Holdener beendete die Durststrecke am 10. März und löste Sonja Nef ab.

Aber auch sie konnten sich in ganz jungen Jahren nicht verstecken, wenn jährlich spätestens bei den Slaloms in Adelboden und Wengen der Blick auf die Stangenakrobaten fiel. Wendy Holdener und die starken Männer sind also krisenerprobt, obwohl sie selbst nie Teil davon waren.

Dem Klischee folgend, dass Männer in der Entwicklung den Frauen immer hinterherhinken, kam der Durchbruch von Holdener früher. Um die 24-Jährige herum entstand ein starkes Team mit Denise Feierabend, Michelle Gisin und insbesondere dem momentan verletzten Supertalent Mélanie Meillard.

Das Männerteam folgte langsam, aber stetig und schloss mit den drei Podestplätzen in diesem Winter auf. Heute ist der Slalom eine echte Schweizer Freudendisziplin.

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Tage warteten die Schweizer Männer auf einen Slalom-Podestplatz im Weltcup. Luca Aerni löste am 22. Dezember 2017 Silvan Zurbriggen als letzten Top-Drei-Fahrer ab.

Doch es gibt noch weitere Parallelen. Ein Sieg fehlt allen noch. Bei den Frauen dominiert Mikaela Shiffrin die Szene. Bei den Männern sind es Marcel Hirscher und Henrik Kristoffersen. An ihnen ist nur selten ein Vorbeikommen, und die wenigen Chancen, die sich bisher boten, wurden von den Schweizern nicht genutzt.

Daniel Yule: «Marcel und Henrik fahren in einer eigenen Liga. Dahinter gibt es fünfzehn Fahrer, die mitreden können.»

Daniel Yule: «Marcel und Henrik fahren in einer eigenen Liga. Dahinter gibt es fünfzehn Fahrer, die mitreden können.»

Keystone

Obwohl sich Daniel Yule in den zwei letzten Slaloms vor Olympia jeweils den übrig gebliebenen dritten Platz auf dem Podest holte, sagt er: «Marcel und Henrik fahren in einer eigenen Liga. Dahinter gibt es fünfzehn Fahrer, die mitreden können.»

1980

gewann mit Jacques Lüthy letztmals ein Schweizer Mann eine Olympia-Medaille im Slalom. Wendy Holdener löste mit Olympia-Silber Vreni Schneider als Podestfahrerin ab. Diese gewann 1994 Gold.

Holdener bestreitet ebenfalls in der Nacht auf Donnerstag die Kombination. Wie Aerni wurde sie in dieser Disziplin Weltmeisterin. Dieser konnte in Südkorea nicht überzeugen. Aber Holdener war den Männern ja schon immer voraus.