Ski
Immer Ärger mit dem Riesenslalom

Rückenschmerzen, Frust und Frauenski: Die Sorgendisziplin im Männerskisport ärgert Athleten und Trainer.

Martin Probst, Val d'Isère
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Damals hatte man noch andere Probleme: Ingemar Stenmark in Aktion beim Riesenslalom in Adelboden, aufgenommen am 15. Januar 1979.

Damals hatte man noch andere Probleme: Ingemar Stenmark in Aktion beim Riesenslalom in Adelboden, aufgenommen am 15. Januar 1979.

Keystone

Ist der Riesenslalom in seiner heutigen Form der Anfang vom Ende des alpinen Skisports? In letzter Zeit sind Stimmen zu hören, die das Horrorszenario zumindest andeuten. So sagte Markus Waldner, FIS-Renndirektor der Männer, im Interview mit der «NZZ»: «Viele Junge schimpfen, weil sie nicht die körperlichen Voraussetzungen haben, um diese Ski zu fahren. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht aufhören und zum Skicross oder zum Freeriden wechseln.»

Die neuen Ski bringen nicht nur Vorteile

Mit diesen Ski meint Markus Waldner die Neuerungen, die im Riesenslalom seit der Saison 2012/13 gelten. Damals wurden die Taillierung reduziert und der Radius der Ski erhöht. Der internationale Skiverband FIS reagierte mit der Änderung auf die hohe Zahl an schweren Verletzungen. Mit Erfolg: Die Zahl der Kreuzbandrisse und anderen Knieblessuren ist in den Weltcupriesenslaloms erwiesenermassen zurückgegangen.

Nur gibt es eben auch eine Kehrseite. Um mit den neuen Ski schnell zu sein, braucht es einen gesteigerten Kraftaufwand. Kraft, die vielen fehlt. Kommt hinzu, dass die Folgen dieser Überbelastung weitreichend sind. Besonders Rückenschmerzen sind verbreitet. Tom Stauffer, Cheftrainer der Schweizer Männer, sagt: «Ich bin sicher, dass die neuen Ski in direktem Zusammenhang mit den Rückenschmerzen stehen.» Problematisch ist, dass es schon sehr junge Athleten trifft. So sind bei Swiss Ski diverse Nachwuchsfahrer schmerzgeplagt. «Es gibt bereits einige Athleten, die betroffen sind», sagt Stauffer.

Lieber langsam, aber gesund

Es ist ein Phänomen, das Stauffer zu einer provokanten Aussage verleitet. «Wenn ein junger Athlet seine ersten FIS-Rennen bestreitet, ist es fast besser, wenn er noch nicht allzu stark fährt. Driftet er mehr, sind die Belastungen auf den Körper geringer.» Langsam sein als Rezept? Sicherlich nicht im Sinne des Sports. Stauffer sagt: «Ein 16-Jähriger bringt mit wenigen Ausnahmen die körperlichen Voraussetzungen gar nicht mit, um mit den Kräften umgehen zu können.»

Markus Waldner sagt: «Auch bei den Arrivierten gibt es Kritik. Das sind alles Dinge, die nahelegen, das Material wieder zu wechseln.» Nur: Auf Nachfrage erhielt Stauffer zuletzt von der FIS die Antwort, dass das bestehende Reglement bis zu den Olympischen Spielen 2018 nicht angepasst werde.

Der Riesenslalomschwung gilt als Basis für alle Skifahrer. Auch Abfahrer trainieren ihn. Einige Speedspezialisten sind mittlerweile so weit, dass sie auf das alte Material zurückgreifen. «Manche nehmen gar einen harten Frauenski», sagt Stauffer. Es sind bedenkliche Entwicklungen und ein weiterer Schritt zum Ende der Allrounder. Denn im Rennen sind andere Ski natürlich nicht zugelassen.

Der Zündstoff ist gross. Junge Athleten sind gefrustet, die Routiniers verzichten. Stauffer sagt: «Die Trainer sind sich einig, dass die Rückenschmerzen zugenommen haben.» Zurück auf Feld eins. Sonst wird der Riesenslalom vielleicht tatsächlich zum Totengräber des Skisports. Auch wenn diese Aussage noch provoziert.