Ski Alpin

Thomas Stauffer: Diamantenschleifer in fremden Diensten

Die Bilanz des Schweizers Thomas Stauffer (41) spricht für sich. Seine Ski-Girls siegen und siegen. Nach Lindsey Vonn, Julia Mancuso und Anja Pärson hebt er als Cheftrainer mit Maria Riesch und Co. zum Höhenflug an.

Richard Hegglin
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Thomas Stauffer mit Weltcupleaderin Maria Riesch bei einer Streckenbesichtigung. Imago

Thomas Stauffer mit Weltcupleaderin Maria Riesch bei einer Streckenbesichtigung. Imago

In diesem Frühling heuerte der schnauzbärtige Berner aus Unterlangenegg nach drei Jahren USA und sieben Jahren Schweden beim deutschen Skiteam an. Als sein Vorgänger Mathias Berthold den verzweifelten Hilferufen von ÖSV-Boss Schröcksnadel erlag und in die Heimat zurückkehrte, gabs für den deutschen Alpindirektor Wolfgang Maier nur eine Alternative: «Wir wollten unbedingt Tom Stauffer und haben sonst gar niemand angefragt.»

Der Einstand war überwältigend: In den ersten sieben Rennen der Saison stand jedes Mal eine deutsche Fahrerin auf dem Podest, zweimal sogar zwei. Die deutsche Mannschaft führt mit 269 Punkten Vorsprung die Nationenwertung an und Maria Riesch ebenso überlegen vor ihrer Erzrivalin Lindsey Vonn die Einzelwertung.

Vom Maurer zum Erfolgstrainer

Grosse Worte sind nicht Stauffers Ding. Deshalb ist der gelernte Maurer, der sich zum Bauingenieur ausbilden liess, dann aber Skistars statt Gebäude aufbaute, relativ wenig bekannt.

In der Schweiz arbeitete er auf Nachwuchsstufe mit Athleten wie Silvano Beltrametti, Ambrosi Hoffmann oder Fränzi Aufdenblatten, setzte sich aber nach einem Zerwürfnis mit dem damaligen Frauen-Chef Hans Pieren ins Ausland ab. Seither eilt er von Erfolg zu Erfolg.

Sogar beim Triumph von Schwingerkönig Kilian Wenger hatte er indirekt seine Hände im Spiel. Sein Assistent in Schweden, Roland Fuchs, trimmte als Athletik-Trainer Wenger auf Höchstform.

Von Vonn über Pärson zu Riesch. Das ist fast wie im Fussball von Real Madrid über Inter Mailand zu Bayern München?

Thomas Stauffer: So könnte mans sehen. Von den Perspektiven her ist das deutsche Ski-Team vergleichbar mit Bayern München. Wir haben an der Spitze und in der Breite eine sehr starke Mannschaft. Sonst hinkt der Vergleich etwas, weil ich in den letzten drei Jahren nicht mehr direkt mit Anja Pärson zu tun hatte.

Welche Eigenschaften sind als Cheftrainer gefragt?

Stauffer: Etwas vom Wichtigsten ist ein weit gefächertes Beziehungsnetz, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Und dann natürlich die Erfahrung. Deutschland ist nun meine vierte Nation. Da weiss man mittlerweile, was funktioniert und was nicht.

Sie meinen damit nicht nur die reine Skitechnik.

Stauffer: Schon auch, ich stehe ja selber oft am Berg. Skitechnisch ist es so, dass jene, die auf einfache Weise arbeiten, am meisten Erfolg haben. Skifahren ist keine so komplizierte Sache. Es geht um Kontinuität, um die Trainer, die tagtäglich mit den Athletinnen arbeiten.

Das tönt so simpel?

Stauffer: Diesen Job kann man nicht an einer Universität lernen. Man muss ‹es› gesehen haben. Ich habe Lindsey Vonn gesehen, als sie ihr erstes Weltcuprennen fuhr, auch Julia Mancuso. Ich habe Maria Pietilä-Holmner vom ersten Rennen bis zur WM-Medaille begleitet. Man muss das zwei-, dreimal durchmachen. Dann weisst man, wies funktioniert – oder nicht.

Einmal mehr liefern sich Maria Riesch und Lindsey Vonn ein einsames Duell, eine ehemalige und eine aktuelle Athletin von Ihnen.

Stauffer: Dazu ein Beispiel bezüglich Trainingsaufwand: Ich reiste im Sommer eine Woche vor unserem Team nach Neuseeland. Lindsey Vonn sass ebenfalls schon im Flugzeug und blieb gleich lange wie unser Team, hatte also eine Woche mehr Training. Nach Chile ging dann Maria Riesch vier Tage vor der übrigen Mannschaft. Aber Lindsey Vonn war auch schon wieder dort. Man muss das genau beobachten, sonst fährt einem die Konkurrenz um die Ohren.

Maria Riesch meinte, Sie seien am Anfang zurückhaltend gewesen und hätten kaum geredet. Jetzt seien Sie aufgetaut?

Stauffer: Ich kam ja in ein Team mit funktionierenden Strukturen. Da wollte ich zuerst den Überblick gewinnen. Danach suchte ich die Gespräche: Wenn etwas angeordnet wird, soll man das begründen und erklären.

Sind Trainer im Umgang mit Stars nicht einfach nur Marionetten. Ein Bode Miller macht eh, was er will.

Stauffer: Darum wäre ich wahrscheinlich auch nie zu Bode gegangen. In unserem Team sage ich, wos lang geht. Aber es ist kein Befehlen, man bindet die Athletinnen ein und steckt die Grenzen ab.

Gilt der Prophet im eigenen Land nichts? Können Sie sich eine Rückkehr in die Schweiz vorstellen?

Stauffer: Ich will einfach eine interessante Arbeit und die Freiheit, meine Ideen umsetzen zu können. Wenn mir diese Möglichkeit geboten wird, spielt es keine Rolle, wo.

Die Schweizer Technikerinnen kommen seit Jahren nicht vom Fleck. Woran liegts?

Stauffer: Ohne die Details zu kennen, ist es schwierig, sich ein Urteil zu bilden. Ich kann nur vermuten. Die Schweizer Männer haben seit fünf Jahren weitgehend die gleichen Trainer, mit der Zeit kam der Erfolg. Kontinuität wird immer belohnt. Bei den Frauen gab es viele Wechsel. Man kann nie immer hundert Prozent richtig machen. Doch wenn achtzig Prozent der Entscheidungen stimmen, stellt sich über kurz oder lang der Erfolg ein.