Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SKISPRINGEN: «Unser Umgang ist sehr offen und direkt»

Martin Künzle (33) ist der starke Mann hinter Simon Ammann. Im Interview spricht der Schweizer Coach über sein Verhältnis zum fast gleichaltrigen Star, die Trainerrolle und das Reglement.
Interview Stefan Klinger
Martin Künzle gibt mit der Flagge sein Okay für den Sprung. (Bild: Phillipp Schmidli / Neue LZ)

Martin Künzle gibt mit der Flagge sein Okay für den Sprung. (Bild: Phillipp Schmidli / Neue LZ)

Martin Künzle, haben Sie eigentlich mal ein Springen gegen Simon Ammann gewonnen?

Martin Künzle*: Ganz am Anfang, als wir bei Juniorenwettbewerben gegeneinander angetreten sind, schon. Ich bin ja auch ein Jahr älter als er. Aber es hat dann recht schnell gekehrt. Und allzu oft sind wir auch gar nicht gegeneinander angetreten. Simon war schnell deutlich besser als ich und ist in höhere Kader aufgestiegen. Und ich habe dann mit 17 aufgehört.

Warum das?

Künzle: Wenn du als 17-Jähriger sehr gut dabei bist, kannst du voll auf die Karte Skispringen setzen. Aber wenn du, wie ich damals, im Mittelfeld bist, musst du mit einer Berufsausbildung anfangen. Ich bin damals im Alpen- und im Continentalcup gesprungen, aber war einfach zu wenig gut, um den nächsten Schritt zu gehen.

Sie sind nie im Weltcup gesprungen und sind fast gleich alt wie Simon Ammann. Ist es da schwierig, von Weltklasse-Athleten als Autoritätsperson anerkannt zu werden?

Künzle: Im Gegenteil. Als ich 2008 Cheftrainer wurde, gab es zwar von Medienseite die eine oder andere kritische Stimme, aber die Athleten sind von Anfang an hinter mir gestanden. Sie wollten mich als ihren Trainer. Wir waren zu diesem Zeitpunkt ja bereits ein eingespieltes Team, sie wussten genau, wie ich arbeite. Denn bevor ich Cheftrainer wurde, war ich für den Stützpunkt Einsiedeln zuständig und habe die Alpencup- und Continentalcup-Athleten betreut. Wann immer die Weltcupathleten daheim waren, haben sie in Einsiedeln bei mir mittrainiert. Wir kannten uns also bestens.

Dann war auch der fehlende Altersunterschied nie ein Problem.

Künzle: Klar gibt es auch zwischen Simon und mir Diskussionen, wenn ich etwas so sehe, aber er es anders sieht. Aber dabei spielt das Alter nie eine Rolle. Ein erfolgreicher Athlet, der sich weiterentwickeln will, diskutiert genauso mit seinem Trainer, auch wenn der zehn Jahre älter ist. Wir können das tägliche Business auf der Schanze und unsere Freundschaft gut trennen. Und Simon ist ja auch reif genug und ohnehin ein unkomplizierter Typ. Es würde gar nicht zu ihm passen, dass er persönliche Dinge in die Diskussionen über die sportlichen Dinge einbringt.

Wie ehrlich sind Sie denn in solchen Diskussionen mit Athleten, muss ein Trainer nicht manchmal auch taktisch vorgehen und aus psychologischen Gründen vielleicht nicht die ganze Wahrheit auf den Tisch bringen?

Künzle: Simon und ich sind im Umgang miteinander sehr offen und direkt. Das funktioniert allerdings nicht bei allen Athleten so. Bei manchen musst du alles ein bisschen vorsichtiger formulieren. Aber letztlich nutzt es ja auch nichts, wenn du irgendetwas wochenlang gutredest oder ums heikle Thema herumsprichst, obwohl du von Anfang weisst, dass da etwas falsch läuft. Dann verlierst du in den wichtigen Phasen zu viel Zeit. Im Frühling kannst du eher noch sagen: Wenn das deine Idee ist, versuchen wir es mal zwei Wochen lang so. Aber im Winter bleibt keine Zeit für Experimente.

Wie sieht denn Ihr Coaching zwischen den beiden Durchgängen, in dieser heiklen Phase, aus?

Künzle: In dieser Phase kannst du zwar viel sagen, aber je mehr du sagst, umso eher ist es kontraproduktiv. Zwischen den beiden Durchgängen steht der Athlet unter Strom und kann nur wenig aufnehmen. Bei uns läuft es so, dass wir kurz zusammen das Video vom ersten Sprung anschauen und ich dem Athleten zu ein, zwei Punkten ein Feedback gebe. Das dauert etwa fünf Minuten. Grundsätzlich geht es dabei eher ums positive Coaching, also darum, dem Athleten Mut zuzusprechen. Wenn es dem Sportler gut gelaufen ist, kannst du es mehr oder weniger laufen lassen. Wenn nicht, dann kannst du im Wettkampf eh nicht gross was ändern.

Der Sport lebt von Emotionen. Erfolge beflügeln, geben Schwung für die nächsten Tage. Doch wie sieht es bei einem Misserfolg aus? Wie lange geht Ihnen ein schlechter Tag noch nach?

Künzle: Ich setze mich immer direkt nach dem Wettkampf mit den Athleten zusammen und schaue mit ihnen die Sprünge noch einmal an. Dann entwerfen wir die Strategie, den Fahrplan für die nächsten Tage. Im Optimalfall kann ich damit dann den Wettkampf abhaken.

Wenn es nicht der Optimalfall ist?

Künzle: Klar mache ich mir manchmal auch noch länger Gedanken. Wenn du das Gefühl hast, dass es gut läuft und jetzt im Wettkampf was Gutes rauskommt, das dann aber doch nicht der Fall ist – dann beschäftigt dich das natürlich schon noch eine Weile. Aber wenn ich nach Hause komme, halten mich meine Kinder auf Trab, da bin ich dann genug abgelenkt.

Vermissen Sie es nicht manchmal, mehr Zeit mit Ihrer Familie verbringen zu können, so viel, wie Sie das ganze Jahr über unterwegs sind?

Künzle: Ich muss natürlich die Zeit ausserhalb des Skispringens anders, intensiver für die Familie nutzen als andere Väter. Meine Familie steht zum Glück voll hinter dem, was ich mache, und unterstützt mich bestens. Anders würde es auch nicht gehen. Es gibt viele Trainer, die geschieden sind. Meine Frau ist jedoch von Anfang an dabei und immer in alle Entscheidungen eingebunden gewesen. Wir haben immer besprochen, was es bedeutet, wenn ich eine Aufgabe annehme.

Kommen wir zum Reglement, das in den letzten Jahren deutlich verändert wurde. Ist das Skispringen nun fairer?

Künzle: Ja. Daher bin ich auch sehr zufrieden mit dem Reglement, so wie wir es jetzt haben. Alle haben gezweifelt, ob es der richtige Weg ist, als man die Anzüge enger gemacht hat. Du brauchst jetzt zwar mehr Anlaufgeschwindigkeit, um auf die gleiche Weite zu kommen. Und das macht die Landung schwieriger, weil die Kräfte bei der Landung nun höher sind. Aber wir hatten es schlimmer erwartet. Generell ist es nun so: Die Wettkämpfe werden nun nicht mehr so extrem übers Material entschieden wie auch schon. Und auch die Wind- und Gateregeln finde ich gut für die Athleten.

Nur für die Athleten?

Künzle: Es ist nicht gut, wenn der Zuschauer im Stadion nicht weiss, warum der eine, der nicht so weit wie der andere gesprungen ist, trotzdem gewonnen hat. Da bekommen die Zuschauer am Fernsehen dank der Kommentatoren und der virtuellen Linie, die anzeigt, wie weit der aktuelle Springer springen muss, um in Führung zu gehen, bessere Informationen. Da besteht die Gefahr, dass sich Zuschauer sagen: Dann schaue ich es mir lieber im Fernsehen an, weil das Skispringen dort transparenter ist.

Was wäre die Lösung?

Künzle: Beim Springen in Titisee-Neustadt haben sie versucht, die virtuelle Linie, die man im TV sieht, auch im Stadion per Laser auf den Aufsprunghügel zu projizieren. Leider hat es nur so halb funktioniert. Bei der Vierschanzentournee wollen sie es wieder versuchen. Wenn es klappt, wäre es für das Erlebnis der Zuschauer im Stadion ein schöner Fortschritt.

Kommen wir nochmals zu Ihren Aufgaben als Trainer. Wie oft müssen Sie eigentlich selbst in den Kraftraum, um die Athleten, wenn sie den Sprung imitieren, über Ihren Kopf stemmen und dort dann halten zu können?

Künzle: Ich mache das zwischen 10 und 20 Mal pro Tag, das ist Krafttraining genug. Ausserdem ist das auch eine Frage der Technik. Didier Cuche, der ja um einiges mehr Muskeln hat als ich, wollte mal mit Simon Ammann die Imitation machen – aber er hat es nicht geschafft, weil er ihn immer vor statt genau über dem eigenen Körper hochhalten wollte.

* Martin Künzle (33) ist in Wildhaus (Toggenburg) aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau Angelika und den drei Kindern Lars (5 Jahre), Svea (3) und Elin (1) im Toggenburger Ort Unterwasser. Künzle hörte 1997 mit dem Skispringen auf und begann eine Ausbildung zum Maurer. Parallel dazu arbeitete er als Trainer, zunächst bei seinem Heimatklub, dann beim Ostschweizerischen Skiverband, später bei Swiss-Ski. 2008 wurde Künzle Cheftrainer des Schweizer Weltcupteams.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.