SNOWBOARD: Das hochkarätige Duell der beiden Stars

Die besten Fahrer, die grösste Halfpipe: Am Laax Open versammelt sich ab heute die Elite. Der Amerikaner Shaun White soll gegen Olympiasieger Iouri Podladtchikov antreten.

Claudio Zanini
Drucken
Teilen
So wars an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi: Der Schweizer Goldmedaillengewinner Iouri Podladtchikov (links) wird vom viertplatzierten Amerikaner Shaun White beglückwünscht. (Bild: Keystone/Andy Wong)

So wars an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi: Der Schweizer Goldmedaillengewinner Iouri Podladtchikov (links) wird vom viertplatzierten Amerikaner Shaun White beglückwünscht. (Bild: Keystone/Andy Wong)

Im November 2014 brach sich Iouri Podladtchikov im französischen Tignes den Knöchel. Die Verletzung liess die mediale Hysterie nach seinem Olympiasieg ein wenig abkühlen. Zumindest über diesen Aspekt zeigte sich Podladtchikov nicht ganz unglücklich.

Sein Trainer Pepe Regazzi erinnert sich wie Podladtchikov nach der Verletzung noch auf dem Rettungsschlitten liegend voller Tatendrang rief: «Hey Pepe! Ich bin bereits wieder am Heilen.» Knapp zwei Monate später stand er wider Erwarten bei der Freestyle-WM in Kreischberg (AUT) am Start, mit dem Ziel, den Titel von 2013 zu verteidigen – letztlich wurde daraus ein vierter Platz. Fünf Tage nach der WM 2015 holte er sich mit dem dritten Rang seinen insgesamt dritten Podestplatz an den X-Games. Der Amerikaner Shaun White musste sich mit dem vierten Rang zufrieden geben. Die schnelle Heilung der Fussverletzung, die gemäss Regazzi «das ganze Team beeindruckt» habe, steht exemplarisch für das Wesen des 27-jährigen Zürchers. «Iouri hat einen extrem starken Charakter. Wenn er sich ein Ziel setzt, dann macht er mehr als alles Mögliche dafür.» Zehn Minuten nach der Operation in einer St. Moritzer Klinik wollte Podladtchikov den verletzten Fuss bereits wieder auf den Boden setzen, doch das Pflegepersonal habe ihn daran hindern können.

Beschwerde an die Redaktion

An Podladtchikov hängt das Etikett des Querkopfs. Seine Eltern beschrieben ihn auch als Kontrollfreak. So wird kolportiert, dass sich der Olympiasieger gleich selbst bei einer Zeitungsredaktion meldete, weil er über die getroffene Bildauswahl entsetzt war. Ein sensibles Gebiet für den Snowboarder, der sich längst der Fotografie verschrieben hat. Podladtchikovs Werke wurden im vergangenen Sommer gar in der Galerie Lumas in Basel ausgestellt.

Die kreative Ader von Podladtchikov ist auch in der Halfpipe gefragt. Das weiss Trainer Regazzi am besten. «Es geht darum, das Gleichgewicht zu finden zwischen der nötigen Lockerheit und genügend Disziplin. Aber wir wollen die Athleten nicht robotisieren.» Seit der Verletzung ist mittlerweile mehr als ein Jahr verstrichen. Podladtchikov sei «topfit», sagt Regazzi. Das erste Training konnte gestern in Laax absolviert werden, in der Halfpipe auf dem Crap Sogn Gion – mit einer Länge von 200 Metern, einer Breite von 22 und einer Höhe von 6,9 Metern die grösste weltweit.

Die befreundeten Konkurrenten

Im Schweizer Lager bleibt man gespannt, ob Superstar Shaun White rechtzeitig zum Halbfinal von heute Vormittag eintrifft. White wird laut Veranstalter heute in Laax erwartet, definitiv bestätigen vermochte man seine Teilnahme aber nicht: White hatte seine Anreise in die Schweiz am Sonntag aus familiären Gründen vorübergehend abgebrochen.

«Shaun ist ein guter Freund von Iouri», sagt Regazzi und fügt hinzu: «Als Trainer bin ich ein Fan von Whites Technik und schaue jeweils genau hin, was er wie macht.» Doch nicht nur White wird ein Wort um den Sieg in Laax mitreden. Mit dem Japaner Ayumu Hirano ist ein Fahrer am Start, der Mitte Dezember an der Dew Tour in Colorado, einem namhaften Contest, auf dem zweiten Platz landete – einen Rang vor Podladtchikov.

Sobald über Shaun White geschrieben wird, fällt spätestens im übernächsten Satz der Begriff Ikone. Kaum ein anderer hat in den vergangenen zehn Jahren den Snowboard-Sport mehr geprägt als der 29-jährige Kalifornier aus San Diego. Die Legende besagt, dass White bereits im Alter von sieben Jahren mit Sponsorenverträgen ausgestattet wurde. 17-jährig triumphierte er zum ersten Mal an den X-Games in Aspen, dem prestigeträchtigen Freestyle-Event des amerikanischen Fernsehsenders ESPN. An den jährlich stattfindenden X-Games heimste White bereits 15 Goldmedaillen ein. Spätestens seit seinem Triumph an den Winterspielen 2006 in Turin wurde White zum Darling der Werbeindustrie.

Sukzessive avancierte er zum erfolgreichen Unternehmer. Das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» schätzt den Jahresumsatz seines Imperiums auf rund 200 Millionen Dollar. Darin enthalten sind etwa Kleiderlinien, Kollaborationen mit den Snowboard-Marken Oakley und Burton sowie sein Mehrheitsbesitz an der Eventfirma Air + Style, welche jährlich den bekannten Freestyle-Contest in Europa und Amerika organisiert.

Tägliche Erinnerung an Sotschi

Shaun Whites grenzenloser Ehrgeiz wird ihm zuweilen als Arroganz ausgelegt. Nach seinem zweiten Olympiasieg in Vancouver 2010 visierte er einen Doppelsieg in Sotschi 2014 an, in Halfpipe und Slopestyle. Letzterer wurde zum ersten Mal in das olympische Programm aufgenommen. Noch vor dem Start der Winterspiele folgte der Rückzieher. White entschied sich für eine einzige Disziplin, die Halfpipe. Der Rest ist bekannt: Iouri Podladtchikov sicherte sich die Goldmedaille. White blieb der vierte Platz – die Medien verschrien das Ende einer Ära, und der Amerikaner machte sich rar. Ein Jahr und nur wenige Contests später beschäftigte ihn die Niederlage immer noch. «An die Enttäuschung von Sotschi werde ich jeden Tag erinnert, beim Bäcker, im Restaurant. Manchmal steht sogar auf der Rechnung: ‹Es tut mir leid, ich war auf deiner Seite.›» Im Sommer 2015 folgte eine Auszeit. White ging mit seiner Rockband Bad Things auf Welttournee. Eine bezeichnende Geschichte: Erst mit 16 Jahren begann er mit dem Gitarrenspiel, sein Wille und nicht zuletzt sein Name bescherten ihm einen Plattenvertrag bei Warner Brothers.

In dieser Saison kehrte White vollamtlich in den Snowboard-Zirkus zurück. Beim letzten Aufeinandertreffen mit der Weltelite in Breckenridge (Colorado) gewann er Mitte Dezember klar. Doch auch dort musste er wieder über Sotschi reden – wohlgemerkt knapp zwei Jahre später. Er habe viel gelernt aus dieser Niederlage, sagte White. «Ich war bis dahin nie in der Position des Geschlagenen. Aber ich war auch noch nie so motiviert wie jetzt.»

Hinweis

SRF 2überträgt den Halfpipe-Final der Männer am Freitag live ab 13 Uhr. Der Slopestyle-Final ist am Samstag ab 13 Uhr zu sehen.

Jonas Boesiger. (Bild: pd)

Jonas Boesiger. (Bild: pd)