SNOWBOARD: Jessica Keiser: Die Vision von Olympiagold

Die 22-jährige Jessica Keiser debütiert in Cortina d’Ampezzo (ITA) im Weltcup-Zirkus. Dies ist ein erster Schritt zum ganz grossen Ziel der Nidwaldnerin – auch wenn sie vorderhand mehrheitlich im Europacup zum Einsatz gelangt.

Theres Bühlmann
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Strotzt vor Tatendrang und Selbstvertrauen: die 22-jährige Jessica Keiser aus Oberdorf. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. Dezember 2016)

Strotzt vor Tatendrang und Selbstvertrauen: die 22-jährige Jessica Keiser aus Oberdorf. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. Dezember 2016)

Auf diesen Augenblick hat sie kontinuierlich und hart hingearbeitet. Gestern Samstag war es so weit: Die 22-jährige Jessica Keiser aus Oberdorf im Kanton Nidwalden ist im Weltcup angekommen und bestritt im italienischen Cortina d’Ampezzo ihre Premiere auf höchster internationaler Ebene. «Mein ganz grosses Ziel in Italien gilt dem Sammeln von Erfahrungen auf dieser Stufe, ich will den Weltcup-Zirkus kennen lernen und einfach einen soliden Lauf absolvieren», sagte die dem Swiss-Snowboard-B-Kader angehörende Sportlerin im Vorfeld. Es ist noch anzufügen, dass in Italien lediglich der Parallelslalom auf dem Programm stand.

Ganz nach Wunsch gelaufen ist es nicht – Rang 36. «Ich war extrem nervös», sagte sie, «die Piste war eisig und ich getraute mich kaum, richtig auf die Kanten zu stehen, ich werde weiter hart trainieren.»

Tatendrang und Selbstvertrauen bleiben

«Ich habe in den letzten Monaten sehr gut trainiert, an der Technik gefeilt, auch an der Kondition und Koordination und möchte dies nun an den Wettkämpfen umsetzen. Es ist das Gesamtpaket, das in dieser Saison zum Tragen kommen soll.» In einer Saison, in der sie die Europacup-Tour bestreiten wird. Und wer weiss, vielleicht flattert ja ein weiteres Aufgebot für einen Weltcup-Einsatz auf den Tisch. «Snowboarden ist meine Leidenschaft, ich habe einen klaren Plan, strebe nach Erfolg, indem ich nicht auf der Strecke bleibe. Ich will meine Ressourcen und Möglichkeiten stärken und weiter entwickeln will», bringt sie ihre Begeisterung auf einen Nenner.

Mit dem Snowboarden begann Jessica Keiser in der vierten Klasse, vorher frönte sie dem Ski alpin und bestritt auch einige Regionalrennen. Dies dauerte so lange, bis sie ihrer sieben Jahre älteren Cousine nacheifern wollte, die auf dem Snowboard daherkam, und sie auch den Versuch auf einem Brett wagte. «Es war eine Art Liebe auf den ersten Blick», sagte Keiser rückblickend. Ihren ersten grösseren Triumph feierte die dem SC Beckenried-Klewenalp angehörende Sportlerin mit der Silbermedaille an der nationalen U-16-Meisterschaft. Sie vertrat die Schweiz auf internationaler Ebene 2014 an der Junioren-Weltmeisterschaft im Riesenslalom (18.) und Slalom (12.) sowie der Winteruniversiade 2015, wo sie sich Rang 16 im Riesenslalom holte. Im gleichen Jahr belegte sie im Schlussklassement des Europacups Platz 11.

«Ich bin die geborene Einzelkämpferin»

Im Februar dieses Jahres sorgte Jessica Keiser mit ihrem ersten Sieg an einem FIS-Rennen in Österreich für Aufsehen und doppelte einen Tag später mit Platz 2 nach. «Ich mag den Kampf gegen die Uhr, diese Herausforderung, jede Kurve auf der Piste neu anzufahren», beschreibt sie eine der Faszinationen dieser Sportart. «Ich bin die geborene Einzelkämpferin, wenn ich einen Lauf verpatze, muss ich den Fehler ganz allein bei mir suchen.» Dabei ist der Nidwaldnerin der Teamsport nicht ganz fremd, denn im Sommer trainiert sie oft mit den Fussballerinnen des FC Stans. «Ich finde die Teamphilosophie ‹einer für alle, alle für einen› auch ganz toll, aber im Herzen bleibe ich eine Einzelkämpferin.» Eine, die sich übriges bei den Spielen des FC Luzerns hin und wieder etwas Erholung gönnt.

Neben ihrem Sport absolviert sie an der Fernfachhochschule Schweiz ein Bachelor-Studium in Betriebsökonomie, welches ihr als Profisportlerin sehr entgegenkommt, «so kann ich das Erlernte in der Praxis umsetzen, denn ich bin für mein Marketing und Sponsoring selber verantwortlich.» Die Matura schloss sie 2013 im Hochalpinen Institut Ftan ab. Sie dislozierte 2011 ins Bündnerland, nachdem sie vorher das Kollegium St. Fidelis in Stans und die Kantonsschule Schüpfheim (Gymnasium Plus/Sportklasse) besuchte. «Um den Weg ins Entlebuch unter die Räder zu nehmen, musste ich jeweils morgens um fünf Uhr aufstehen, in Ftan gestaltete sich alles ein wenig einfacher», blickte sie zurück.

Der Kanton Nidwalden unterstützt Topcracks auf dem Weg zur Weltspitze, und davon profitiert auch Jessica Keiser. «Das ist eine sehr schöne Anerkennung. Ich schätze den finanziellen Zustupf sehr, denn ich muss alles selber berappen. Ohne Sponsoren und die Unterstützung meiner Familie könnte ich meinen Sport nicht ausüben.»

Engagement im sozialen Bereich

Jessica Keiser verfügt über viel Durchhaltewillen und Disziplin, «denn ich habe eine Vision: Ich will einmal eine olympische Goldmedaille in den Händen halten. Aber ich weiss, es liegen noch sehr viele Treppenstufen vor mir.» Dass allerdings ihre Lieblingsdisziplin, der Parallelslalom, aus dem olympischen Programm gekippt wurden, findet sie nicht ganz korrekt, «denn das Interesse war sehr gross und die Einschaltquoten dementsprechend hoch.» Doch unterkriegen lässt sie sich deswegen nicht.

Jessica Keiser engagiert sich auch im sozialen Bereich und ist seit 2015 Botschafterin der Stiftung für Kinder in der Schweiz, welche benachteiligte Kinder fördert. «Ich wünsche mir, dass alle Kinder in unserem Land in allen Lebenslagen eine Chance bekommen, wie ich sie für meine Sportwelt erhalten habe. Fairness und Chancengleichheit sollten nicht nur im Sport selbstverständlich sein, sondern überall in unserer Gesellschaft.»

Theres Bühlmann
theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch