Wie der Extremläufer Robert Hammig seinen Dämonen entwischte

Robert Hammig liebt grosse Herausforderungen. Nun steht der 39-jährige Surseer vor dem Lauf seines Lebens.

Stephan Santschi
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Robert Hammig ist stolz darauf, wie er sein Leben verändert hat.

Robert Hammig ist stolz darauf, wie er sein Leben verändert hat.

Bild: Pius Amrein (Sursee, 31. Juli 2020)

171 Kilometer, 10400 Höhenmeter und das in ungefähr 32 Stunden – nur schon die nackten Zahlen beeindrucken. Am 15./16. August will Robert Hammig am Stück, also ohne grössere Ruhepausen, den Vierwaldstättersee umrunden. Nicht etwa gemütlich wandernd, was ja auch schon aller Ehren wert wäre. Nein, der 39-jährige Surseer nimmt die Route als Ultra-Trail unter die Füsse. Will heissen: rennend, die Berge rauf und runter, Extremsport eben. «Wegen des Coronavirus ist vieles abgesagt worden, deshalb kreierte ich mir eine eigene Challenge», erklärt Hammig und fügt an: «Ich bin etwas nervös, es wird hart werden.» Anders formuliert: Er steht vor dem Lauf seines Lebens.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte er sich ein solches Unterfangen nicht vorstellen können. Hammig stammt aus der Nähe von Hamburg, Berge gibt es da schon mal keine. Nach der Bundeswehr nahm er in der Schweiz eine Temporärstelle als Schreiner an. Aus den drei geplanten Monaten sind mittlerweile 15 Jahre geworden, längst fühlt er sich in Sursee heimisch. Nach der Arbeit widmete er sich jeweils ausgiebig dem Feierabendbier. «Ich war zu viel im Ausgang. Schleichend kam die Einsicht, dass ich etwas ändern muss.» Und so durchschritt er in den letzten fünf Jahren einen Sinneswandel mit dem Laufen als neue Leidenschaft. Bald zeigte sich, dass ihm die langen Strecken liegen. Mehr noch: Lang und steil, dann ist Hammig in seinem Element. Allein in diesem Jahr hat er schon über 2000 Kilometer und 100000 Höhenmeter in den Beinen.

Tattoo am Oberarm zeigt seinen inneren Kampf

Symbolisch für diesen inneren Prozess ist das Tattoo auf seinem rechten Arm. Dort ist ein an Ketten gefesseltes Skelett abgebildet, mit einer Startnummer auf der Brust, verfolgt von zwei grausigen Gestalten. «Diese Startnummer hatte ich am Swiss City Marathon in Luzern im Jahr 2015. Ich floh vor meinen Dämonen, die mich im Griff hatten», erzählt Hammig. Während des Laufs habe er gelitten, stand kurz vor der Aufgabe. Das Überqueren der Ziellinie war für ihn dann wie der Start in ein neues Leben. «Ich mache zwar weiterhin gerne Headbanging in Reihe eins eines Metal-Konzerts», sagt der Mitbegründer des Vereins Metal City Sursee, der junge Künstler aus der Region fördert. «Als Mensch habe ich mich aber zum Positiven verändert. Ich lebe strukturierter, schlafe besser, bin weniger reizbar.»

Feiern bei lauten Tönen, laufen in stiller Natur: Robert Hammig versteht es, die Gegensätze zu kombinieren. Im letzten Jahr wagte er sich dann an den ersten Ultra-Trail. So heissen Laufveranstaltungen, die länger als ein Marathon sind (42,195 km) und abseits asphaltierter Strassen ausgetragen werden. Am Eiger-­Ultra-Trail, während dem man unter anderem die Lauberhorn-Skipiste hinab rennt, knackte er erstmals die 100-Kilometer-Marke und blieb dabei unter 17 Stunden Laufzeit. «Erstaunlicherweise hatte ich am Tag darauf nicht einmal Muskelkater», berichtet er.

Nächste Challenge könnte noch happiger sein

Und nun also der Lauf um den Vierwaldstättersee mit Start und Ziel in Luzern. Auf seiner Tour wird er den Pilatus, das Stanserhorn, den Brisen, die Alp Schön Chulm, den Fronalpstock und die Rigi überqueren. «Jeden der Teilabschnitte habe ich bereits abgelaufen. Mich wird der Hammermann wohl vier oder fünf Mal treffen», erzählt Hammig und lacht. Unvernünftig gehe er aber nicht ans Werk, die Route sei nicht kompliziert, die Stolpergefahr halte sich in Grenzen. «Das ist vor allem dann wichtig, wenn ich im Dunkeln vom Brisen runterkomme.»

Auch für Erholung und Verpflegung ist gesorgt. Kollegen sind via Whatsapp-Chat informiert, richten vier Posten ein. In Alpnach und Brunnen gibt es Getränke und Gels, in Dallenwil Pasta, in Flüelen die Gelegenheit für ein halbstündiges Nickerchen in einem Kombi. «Auf drei von vier Abschnitten wird mich zudem jeweils ein Kollege begleiten.» Was danach kommt, ist offen, ein ultimatives Laufprojekt hat Robert Hammig aber bereits im Sinn: die Via Alpina über fast 400 Kilometer und 14 Alpenpässe. «Etwas verrückt muss man schon sein, auch Mut braucht es», sagt er. Im Vordergrund steht aber der Stolz darauf, wie er sein Leben verändert hat.